«Die Bauern sind nicht das Problem, sie sind Teil der Lösung»

Christian Hofer, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft, nimmt Stellung zur verfahrenen Situation in der Schweizer Landwirtschaftspolitik. Eine «Riesenchance» sieht er in einem ganzheitlichen Ansatz, bei welchem von der Bäuerin bis zum Konsumenten alle gemeinsam Verantwortung für eine nachhaltige Ernährungspolitik übernehmen.
 

Christian Hofer sprach als Referent am forum KURSWECHSEL über den notwendigen Wandel in den Ernährungssystemen.

Fragen: Biovision

Christian Hofer, lassen Sie uns noch einmal zurückblicken. Wie haben Sie die Debatte erlebt, die zur Sistierung der AP22+ geführt hat?

Die Eintretensdebatte zur AP22+ wurde kontrovers und teilweise emotional geführt. Der Bundesrat hatte eine ausgewogene Botschaft verabschiedet, welche neben dem Massnahmenpaket als Alternative zur Trinkwasserinitiative auch ökonomische und soziale Inhalte umfasste. Eine Mehrheit des Parlaments wollte momentan keine grundsätzliche Diskussion zur Agrarpolitik führen. So hat der Nationalrat 2018 die Gesamtschau des Bundesrates zur mittelfristigen Weiterentwicklung der Agrarpolitik zurückgewiesen und in diesem Jahr die AP22+ sistiert.

Die Landwirtschaftspolitik steckt nach der Sistierung der AP22+ in einer Blockade. Wie kommen wir da wieder raus?

Blockade würde ich das nicht gerade nennen. Das Parlament war trotz Sistierung der AP22+ aktiv. Parallel dazu hat es die parlamentarische Initiative «Das Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren» verabschiedet. Mit den neuen Gesetzesbestimmungen wird der Schutz der Umwelt und der Gewässer vor negativen Auswirkungen des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln und Bioziden sowie vor Nährstoffüberschüssen gestärkt.

Die auf das Ernährungssystem zukommenden Herausforderungen wie beschränkte natürliche Ressourcen, Übernutzung der Ökosysteme, Food Waste, Gesundheitskosten infolge von Fehlernährung usw. sind komplex und miteinander verwoben. Sie können nur gelöst werden, wenn die einzelnen Sektoralpolitiken Landwirtschaft, Umwelt, Raumplanung, Gesundheit, Wirtschaft usw. zusammenarbeiten und kohärent aufeinander abgestimmt sind. Ob es auf Stufe der Massnahmen neben der Sensibilisierung und dem Setzen von Anreizen auch Lenkungsmassnahmen oder sogar Verbote braucht, sind letztlich politische Entscheide und hängt von der Akzeptanz der Bevölkerung ab. Es braucht aber nicht nur auf nationaler Ebene umfassende Ernährungsstrategien, sondern vermehrt auch globale Lösungsansätze, da die grossen Herausforderungen der Zukunft wie Bevölkerungswachstum, Klimaveränderung, Wasserknappheit, Versorgungssicherheit usw. vor Landesgrenzen keinen Halt machen.

Sie setzen auf einen systemischen Ansatz?

Ja. Ich sehe in einer Bewegung, in der man die Transformation der Ernährungssysteme gesamthaft betrachtet, eine Riesenchance für die Zukunft. Weil alle eine Verantwortung haben. Es ist nicht einfach die Landwirtschaft, die sich hier in einer Hauptrolle sehen muss, mit allen Problemen, die da auf sie einprasseln, sondern es sind eben auch die Konsumenten, die am Ladentisch entscheiden, was produziert wird. Die Landwirtschaft reagiert auf die Märkte und die Produkte, die gekauft werden.

Welche Rolle nimmt das Bundesamt für Landwirtschaft ein?

Wir sind in diesem Bereich aktiv. So haben wir die Strategie «Nachhaltige Entwicklung» des Bundes stark mitgeprägt. Dort sind folgende vier Ziele definiert:

  1. Der Anteil der Bevölkerung, der sich entsprechend den Empfehlungen der Lebensmittelpyramide gesund und ausgewogen ernährt, steigt auf einen Drittel.
  2. Die Lebensmittelabfälle in der Schweiz sollen halbiert werden. In der Schweiz fallen jährlich 2.8 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an, das entspricht einem Viertel der Umweltlast aus dem gesamten Ernährungssystem.
  3. Der Treibhausgas-Fussabdruck der Nahrungsmittelnachfrage soll um einen Viertel sinken.
  4. Der Anteil der Landwirtschaftsbetriebe, deren Produktionsweisen die Vorgaben des ÖLN übertreffen, soll um einen Drittel wachsen.

Man darf aber nicht vergessen, dass diese Ziele neben den Konsumenten auch Bauernfamilien betreffen. Sie müssen die Möglichkeit haben, darauf zu reagieren, und sie müssen eine Perspektive haben für die Zukunft.

Ist das BLW offen für die Mitsprache der jungen Generation, wie sie etwa die Bewegung «Landwirtschaft mit Zukunft» (LmZ) fordert?

Wir sind da absolut offen. Es ist gut, wie sich LmZ organisiert hat. Das ermöglicht es, einander anzuhören und Probleme aufzunehmen. Aber das Reden miteinander ist nur die eine Seite. Das Handeln am Ladentisch ist eine andere. Und dort zeigt sich, dass wir letztes Jahr 93 000 Tonnen Fleisch in die Schweiz importiert haben. Das sind 6% mehr als im Jahr zuvor. «Einkaufstouristen aus der Schweiz kauften im Schnitt vor Corona im Ausland jährlich für rund 3 Milliarden Franken Lebensmittel ein – hauptsächlich Milch und Fleischprodukte – weil diese in der Schweiz teurer sind.»

Das Verhalten der Konsumentinnen und Konsumenten hängt aber auch von der Preispolitik ab, das BLW bestimmt diese mit. Stichwort Kostenwahrheit: Welche Möglichkeiten sieht das BLW, dass die Preise der Wahrheit entsprechen, also die Kosten, die eine nicht-nachhaltige Landwirtschaft für die Allgemeinheit verursacht, im Preis konventioneller Produkte enthalten ist?

Die Kostenwahrheit könnte ein wichtiges Element für die Zukunft sein. Es gibt verschiedene Wege, wie man das mitbeeinflussen kann. So gibt es den Weg über regulatorische Massnahmen, also über Gesetze. Und es gibt den Weg über Förderungsmassnahmen, indem man Anreize für nachhaltige Produktionsformen setzt. Oder es ginge auch über die Internalisierung der Kosten, also in Richtung von Lenkungsabgaben. In der Schweiz haben wir den Weg über die Regulation und über Fördermassnahmen gewählt. Alle Landwirtinnen und Landwirte müssen einen ökologischen Leistungsnachweis erfüllen, um Direktzahlungen zu erhalten. Diese Direktzahlungen haben wir über die letzten Jahre sehr stark in die nachhaltige Produktion umgelagert. Bis 2014 gab es etwa noch Tierbeiträge. Diese wurden abgeschafft und vermehrt in den Ackerbau oder in die Berggebiete umgelagert. Für eine Hektare Grasland im Talgebiet gibt es rund 1000 Franken Direktzahlungen, für eine Hektare Bio-Ackerland rund 2500 bis 3000 Franken. Damit wird versucht, die Nachhaltigkeit zu fördern und die erhöhten Aufwände, die beim Bio-Landbau entstehen, etwas abzudämpfen sowie den Einstieg in die nachhaltige Produktion zu erleichtern.

Ein grosser Teil der Schweizer Subventionen fliessen in die Tierhaltung, obwohl diese einen starken negativen Einfluss etwa auf den Klimawandel hat. Wie ist das zu erklären? Wird es künftig in eine andere Richtung gehen?

Es ist richtig, dass 43% der Subventionen direkt in die Tierhaltung gehen. 70% der landwirtschaftlich genutzten Fläche in der Schweiz, ist Grasland – das ohne Pestizide auskommt. Wir sollten aber versuchen, die Ackerflächen hauptsächlich für die menschliche Ernährung zu nutzen und dort nicht auch noch Tierfutter zu produzieren.

Gibt es ein Szenario für eine ökologischere Landwirtschaft, in der mehr Gemüse und mehr Obst produziert würde statt Futtermittel – im Sinne der Ernährungspyramide?

Ich würde ein Szenario begrüssen, in dem man die Wertschöpfung über Gemüse und Früchte auf der Ackerfläche im Talgebiet zulasten der Futtermittelflächen ausbaut. Aber wir müssen das ganze System anschauen. So ergeben sich für den Gemüseanbau im Talgebiet Zielkonflikte. Wo haben wir die grössten Probleme mit Nitraten im Boden und im Bereich des Pflanzenschutzes? Sie liegen oft genau in den Gebieten, in denen Gemüsebau, Obstbau oder Weinbau betrieben wird, weil insbesondere diese Kulturen mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden müssen. Auf der anderen Seite ist es wichtig zu wissen, dass wir beim Fleisch einen Selbstversorgungsgrad von 80 Prozent haben, beim Getreide liegt er bei 50, bei Kartoffeln bei 90 Prozent. Aber im Bereich der Ölsaaten sowie beim Gemüse und den Früchten ist die Schweiz ein starker Nettoimporteur. Hier gibt es tatsächlich noch ein grosses Potenzial, um für die menschliche Ernährung zu produzieren. Wenn sich auch die Konsummuster entsprechend verändern, könnte damit eine Perspektive für Landwirtinnen und Landwirte geschaffen werden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? 

Noch einmal: Ich sehe eine Riesenchance in einem Ansatz, bei dem das ganze System von der Landwirtschaft bis zur Ernährung und vom Bauern bis zum Konsumenten betrachtet wird und bei dem wir gemeinsam Verantwortung übernehmen. Die Landwirtschaft ist in diesem System ein Akteur. Sie ist nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung zu betrachten. Wenn wir gemeinsam diesen Weg gehen, dann schaffen wir es, wirklich nachhaltiger zu werden.

Christian Hofer hat die Mehrheit der Fragen anlässlich des Biovision-Symposiums mündlich beantwortet, zu einigen hat er schriftlich per Mail Stellung genommen.