Tansania: Bioszene professionalisiert sich

Üppige Gemüsegärten und Kleinbauernfamilien, die ihre Produkte selbst in den Bioladen der Stadt bringen: Was heute zum Alltag der tansanischen Stadt Morogoro gehört, ist das Werk engagierter Bauerngruppen, treuer Konsumentinnen und Konsumenten und einer lokalen Nichtregierungsorganisation.

 

Biobauer Pius Paulini (rechts) hat schon mehr als 100 andere Bauern und Bäuerinnen ausgebildet. Mama Doreth, eine gute Kundin im SAT-Bioladen und Ernährungsexpertin, schickt das Gemüse nach Dar es Salaam zu ihren Verwandten.

Loredana Sorg, Programmverantwortliche

Mit fast 279 000 Hektar ist Tansania das Land mit der größten ökologisch bewirtschafteten Fläche Subsahara-Afrikas (Stand 2017, inklusive Umstellungsfläche). Doch dies sind gerade mal 0,7 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche Tansanias (Willer und Lernoud, 2019). Nachfrage nach mehr wäre da – der Ökolandbau hat also Potenzial. Doch vielen Produzierenden fehlen Wissen und Kapital für die Umstellung, und der Marktzugang ist gerade für Kleinbäuerinnen und -bauern aufgrund fehlender Infrastruktur und Marktinformation erschwert, eine Zertifizierung ist aufwendig und kostspielig.

Damit der Ökosektor wachsen und sich etablieren kann, sind jahrelange Vorarbeit und sehr viel Engagement verschiedener Institutionen und einzelner Personen nötig. Neben internationaler Forschung, anerkannten Biolandbau-Ausbildungsgängen, Werbekampagnen, Lobbyarbeit in der Politik und dem Engagement großer Verbände braucht es auch lokale und nationale Initiativen, die den Boden bereiten. Die Stiftung Biovision arbeitet mit Partnerorganisationen in Ostafrika daran, solche Initiativen zu identifizieren, gezielt zu fördern und zu vernetzen. Wie aus einem einzelnen Gemüsebeet innerhalb weniger Jahre eine über die Landesgrenzen hinaus anerkannte und gefragte Institution für Agrarökologie entstehen kann, zeigt das ermutigende Beispiel der tansanischen Nichtregierungsorganisation (NGO) Sustainable Agriculture Tanzania (SAT), mit der Biovision seit deren Gründung vor neun Jahren zusammenarbeitet.

Lokal denken und fördern

Als der Österreicher Alexander Wostry 2008 während eines Praktikums in Tansania auf einem Stück Land mit Kompostieren beginnt und dort erstmals ein kleines Gemüsebeet biologisch bewirtschaftet, legt er den Grundstein für das Projekt «Garten der Solidarität» (auf Suaheli „Bustani Ya Tushikama- ne“). «Die Idee dahinter war, Kleinbäuerinnen und -bauern der Region Morogoro biologische Landwirtschaft näherzubringen und ein Gegenkonzept zur Verwendung von Pestiziden und künstlichem Dünger aufzuzeigen», erklärt Wostry. Janet Maro, damals Studentin an der Landwirtschaftsuniversität Sokoine University of Agriculture in Morogoro, arbeitet in ihrer Freizeit bei Wostry mit und bringt ihre Ideen bezüglich partizipativer Ausbildung interessierter Bäuerinnen und Bauern ein. Von Anfang an beteiligen sich die lokalen Bauerngruppen an der Projektentwicklung. «Sie haben ein Interesse daran, ihre Produktionsweisen zu verbessern, und bestimmen selber, wie, wann und in welchem Bereich sie externe Unterstützung brauchen», berichtet Maro.

2011 gründen Alexander Wostry und Janet Maro die NGO SAT, um ihr Tätigkeitsfeld auszuweiten und institutionell besser abgesichert zu sein. Zu dieser Zeit ist ihre lokale Organisation in der Ökolandschaft Tansanias einzigartig. Zwar engagiert sich die nationale Biobewegung Tanzania Organic Agriculture Movement (TOAM) bereits seit 2005 für den Sektor, doch als Dachorganisation ist sie auf einer anderen Ebene aktiv als SAT. Basierend auf den Erfahrungen mit dem Schulungsgarten und den Biolandbaukursen auf den Feldern der Bauerngruppen gründete SAT 2013 das Farmer Training Center in Vianzi bei Morogoro, ein Ausbildungszentrum für Agrarökologie. Auf mittlerweile über 230 Hektar Land implementiert SAT dort unter klimatisch schwierigen – weil trockenen – Bedingungen verschiedene agrarökologische Bewirtschaftungsformen zu Ausbildungszwecken und führt mit Partnern aus der Wissenschaft wie der ETH Zürich, dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) oder dem internationalen Agroforstzentrum ICRAF Forschungsprojekte zu Mischkulturen, Agroforstsystemen oder biologischer Schädlingskontrolle durch. Auch NGOs wie Swissaid, Swisscontact oder das Burundi Organic Agriculture Movement (BOAM) sowie staatliche Organisationen wie das tansanische Ministry of Waters and Irrigation nutzen das Ausbildungszentrum für Kurse in Ökolandbau.

Organisches Wachstum

Heute sind Janet Maro, Alexander Wostry und ihr Team gefragte Fachpersonen für praktische und strategische Angelegenhei- ten in Sachen Biolandbau und Agrarökologie. So werden sie von verschiedenen internationalen Organisationen der Entwick- lungszusammenarbeit mit Beratungsmandaten betraut, zu Workshops tansanischer Ministerien eingeladen und von Universitäten für partizipative Forschungsprojekte angefragt. Gleichzeitig tauschen sich die SAT-Gründer, mittlerweile verheiratet und Eltern dreier Kinder, fast täglich mit ihren Produzierenden aus, kaufen deren Produkte im SAT-Bioladen in Morogoro und haben soeben erfolgreich den ersten Export von zertifizierten Gewürzen und Tees nach Europa initiiert. Durch die Zusammenarbeit mit privaten und staatlichen Stellen konnte SAT massgeblich zur Steigerung des Bekanntheitsgrades des tansanischen Biolandbaus beitragen und Agrarökologie für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern attraktiv und fassbar machen.

Da eine Zertifizierung durch Dritte für viele Bauerngruppen und -kooperativen momentan zu aufwendig und kostspielig ist, entschied sich SAT für eine interne Zertifizierung gemäß Participatory Guarantee System (PGS), eine spezifisch an lokale Marktsysteme angepasste partizipative Qualitätssicherung. Die Bauerngruppen müssen dabei dem «East African Organic Products Standard» folgen, definieren aber zusätzlich ihre eigenen Anforderungen, deren Einhaltung sie selbstständig sicherstellen. TOAM wiederum kontrolliert dann ganze Bauerngruppen statt Einzelbetriebe.

In Tansania hat sich in den letzten Jahren nicht nur SAT weiterentwickelt, die ganze Ökobewegung ist gewachsen und hat sich professionalisiert. Internationale Vernetzung ist zwar wichtig, um dem Biosektor zusätzlichen Aufwind zu verleihen – lokales Engagement und Unternehmertum sowie die Verbindung traditionellen Wissens mit wissenschaftlichen Erkenntnissen sind aber ebenso unerlässlich.
 

Dieser Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift «Ökologie und Landbau», Ausgabe 04/2020