«Für die billigen Lebensmittel werden wir teuer bezahlen»

Hans Rudolf Herren, Gründer und Präsident von Biovision, spricht sich deutlich für die Pestizid-Initiative aus, deren Unterstützer soeben den Abstimmungskampf lanciert haben. Viele fragen sich: Ist die Initiative nicht zu radikal? Kann eine ökologisch produzierende Schweiz die Bevölkerung ernähren? Und wird das nicht zu teuer? Der Träger des Tyler-Preises für die Umwelt und des Welternährungspreises nimmt Stellung.

 

Interview: Florian Blumer, Biovision

Die Initiative fordert ein Verbot aller synthetisch-chemischen Pestizide – ist das nicht zu radikal?

Die Forderung wirkt radikal, ja. Aber wenn man weiss, welchen Schaden die Agrarchemikalien anrichten – auf dem Land, bei den Menschen, bei den Tieren, bei der ganzen Biodiversität – dann ist sie nur vernünftig. Denn die Chemierückstande findet man nicht nur auf den Feldern, sondern auch daneben, in den Gewässern, in vielen Lebewesen und letztlich in unserer Nahrung. Wenn Gift nicht mehr erlaubt ist, muss man auf biologische Schädlingsbekämpfung umstellen. Ein gesunder Boden bedeutet gesunde Pflanzen. Und eine gesunde Pflanze hat auch weniger Probleme mit Insekten und Krankheiten.

Ist in der Schweiz die Lebensmittelproduktion nicht schon relativ ökologisch im Vergleich zum benachbarten Ausland?

Leider nein: Studien zeigen, dass die Schweizer Landwirtschaft im europäischen Vergleich überdurchschnittlich viel Pestizide einsetzt. Wir haben zwar Schwellenwerte, wie viel Gift es im Wasser und in den Lebensmitteln haben darf. Aber diese werden immer wieder überschritten, etwa beim Obst. Und es gibt viel, das wir noch nicht wissen: Wie wirken verschiedene Gifte und synthetische Stoffe zusammen? Wie wirkt sich die Anreicherung im Körper aus, insbesondere bei Babys und Kindern? Schon deshalb müssen wir dafür sorgen, dass wir bei den Giftstoffen in Wasser und Lebensmitteln auf Null runterkommen.

Kann man denn Landwirtschaft ohne Pestizide gewinnbringend betreiben?

Ganz einfach: Wenn es nicht funktionieren würde, gäbe es keine Bio-Bauern, keine bio-dynamischen Bauern, keine die mit Permakultur oder nach den Richtlinien der Agrarökologie arbeiten. Dass es jedoch viele gibt, die damit erfolgreich wirtschaften, ist der Beweis, dass es funktioniert.

Werden bei einer Annahme der Initiative die Lebensmittel nicht viel teurer?

Kurzfristig werden manche Lebensmittel etwas teurer – längerfristig aber werden sie billiger. Es ist wichtig, nicht nur darauf zu schauen, was morgen im Laden teurer sein wird. Pestizid-Rückstände im Essen können Krankheiten auslösen, einige Pestizide sind erwiesenermassen krebserregend. Die Folgen sind nicht sofort sichtbar, aber auf die längere Sicht werden wir für das billige Essen einen hohen Preis bezahlen. Denn billig ist es nur, weil Kosten externalisiert, also nicht vom Verursacher bezahlt werden, sondern von der Allgemeinheit: Bodenerosion, Wasserverschmutzung, Abholzung, Verlust nützlicher wichtiger Insekten, allgemeiner Verlust von Biodiversität, Gesundheits-Kosten und so weiter. Viele biologisch produzierte Produkte würden günstiger werden, wenn Bio zum Standard wird. Heute werden zum Teil zu hohe Preise verlangt, weil Grossverteiler wissen, dass Bio-Konsumentinnen und -konsumenten bereit sind, diese zu bezahlen. Wird Bio zum Standard, wird sich dies ändern. Es gilt aber auch zu sehen, wie wenig wir heute im Vergleich zu früher für Lebensmittel ausgeben. Wenn wir sagen: «Was die Bäuerinnen und Bauern produzieren, ist zu teuer», dann ist das schlicht ein Mangel an Respekt für deren harte und lebenswichtige Arbeit.

Viele Konsumentinnen und Konsumenten kaufen keine Produkte, die nicht perfekt aussehen, Kartoffeln mit Wurmlöchern oder Äpfel mit Schorfflecken zum Beispiel.

Die Natur ist nicht perfekt, die Natur ist vielfältig. Man hat uns Konsumentinnen und Konsumenten aber so lange eingetrichtert, dass alles gleich und makellos aussehen muss, dass viele das nicht mehr wissen. Wenn ein Apfel zu perfekt aussieht, esse ich ihn nicht, weil ich weiss, dass er nicht natürlich ist. Wenn ein Apfel einen Wurm drin hat, schneide ich ihn einfach raus. Man muss aber auch sagen, dass Bio natürlich auch sehr schönes Obst und Gemüse auf den Tisch bringt.
 

Müssten bei einem Pestizid-Verbot nicht Bauernfamilien um ihr Einkommen fürchten, die sowieso schon Mühe haben, über die Runden zu kommen?

Wir müssen die Bäuerinnen und Bauern bei der Umstellung unterstützen. Die Landwirtschaft ist heute von der Industrie kontrolliert, die Bäuerinnen und Bauern sind abhängig von Samen, Herbiziden, Pestiziden und Kunstdünger. Vielen bereitet es Bauchschmerzen, wenn sie sehen, wie abhängig sie von der Industrie und den Banken geworden sind. Sie können den Hof nicht mehr so führen, wie sie es wollen. Einige sind so sehr auf der falschen Bahn, dass es für sie schwierig wird, da rauszukommen. Die Margen in der Landwirtschaft sind klein, jedes Jahr gehen viele Betriebe bankrott, weil die Investitionen nicht aufgehen. Der Bauernstand muss sich überlegen, ob er nur dazu da sein will, möglichst billige Lebensmittel zu produzieren und à tout prix zu überleben. Denn eigentlich sind die Bauern der Grundstein der Gesellschaft: Ohne Essen können wir alle nicht überleben. 

Können wir uns die Subventionen für die Umstellung überhaupt leisten?

Wir bezahlen die Subventionen ja heute schon, für eine Landwirtschaft mit Pestiziden und Kunstdünger. Heute unterstützen wir Steuerzahlerinnen und Steuerzahler mit rund 3.5 Milliarden Franken jährlich ein ungesundes System. In Zukunft würden die Bauern das Geld für eine gute, agrarökologische Landwirtschaft bekommen.

Würde eine Landwirtschaft mit ökologischen Methoden nicht insgesamt zu teuer für die Schweiz?

Auch hier ist es wichtig, die Entwicklung in der längeren Perspektive zu sehen. Pestizide sind teuer, und sie werden immer teurer werden. Mit der Zeit wird es teurer sein, gegen die Natur zu arbeiten als mit ihr. Die Landwirtschaft basierend auf Gift-Einsatz betrachtet nicht das ganze System, sie ist reduktionistisch: Es hat Unkraut, es hat einen Käfer: Ich spritze beide tot. Das geht so lange, bis das verwendete Gift nicht mehr funktioniert, dann braucht es ein stärkeres. Vom Standpunkt der Industrie aus macht das Sinn: Sie entwickelt immer neue, immer teurere Gifte. Doch diese Forschung wird immer teurer, weil es immer schwieriger wird, noch wirksame Gifte zu finden. Agrarökologische Methoden sind nachhaltig, aber auch komplex. Deshalb muss hier dringend viel mehr Forschung gemacht werden. Die öffentlichen Forschungsgelder werden aber zum allergrössten Teil in die industrielle Landwirtschaft gesteckt – wenn nicht in die Forschung der Agrarökologie investiert wird, findet man dort natürlich keine neuen Lösungen.

Können wir denn mit agrarökologisch produzierten Lebensmitteln eine wachsende Bevölkerung ernähren?

Von der Agrarchemie in Auftrag gegebene Studien behaupten, dass dies nicht möglich sei. Unabhängige Studien wie die vom IDDRI (2018) zeigen aber, dass Europa sehr gut mit agrarökologischen Methoden ernährt werden könnte – unter der Voraussetzung, dass weniger Fleisch konsumiert würde. Das wäre ja auch gesünder und besser fürs Klima. Andere Studien wie die von IPES-Food (2016) zeigen, dass die Ertragseinbussen ohne Pestizide nur rund 8 Prozent betragen. Berücksichtigt man, dass derzeit rund 40 Prozent der Nahrungsmittel im Müll landen, wird schnell deutlich, dass man selbst mit 100 Prozent Bio noch mehr als genug hätte.

Ist denn eine vollständige Umstellung auf eine Landwirtschaft ohne Pestizide überhaupt realistisch?

Die Umstellung wird nicht einfach: Sie braucht Zeit, Arbeit, Ausdauer und eine neue Wissenschaft. Landwirtschaft war bis heute eine Evolution, wir sind nie stehen geblieben. Wir sind aber irgendwann auf die reduktionistische Bahn geschwenkt, weil sie eine einfache Lösung versprach und die Agroindustrie ihre Geschäftsmodelle darauf ausrichtete. Die Schweiz hat sich dazu verpflichtet, bis 2030 die Ziele für nachhaltige Entwicklung der UNO zu erreichen. Dies ist nur möglich, wenn wir unsere Landwirtschaft auf agrarökologische Prinzipien umstellen. Dies können wir nach wie vor schaffen – aber nur, wenn wir sofort damit beginnen.

Wie sieht die Schweiz in 10, 15 Jahren aus, wenn wir Pestizide heute nicht verbieten?

Wir werden monotonere Landschaften haben, weniger Arten und eine verarmte Auswahl an Lebensmitteln auf unseren Tellern. Dieser Trend ist schon überall sichtbar: Beim Gemüse etwas weniger, ansonsten werden wir nur noch Kartoffeln, Weizen und Mais haben, vielleicht Raps. Die Höfe spezialisieren sich immer mehr: Die einen machen nur noch Soja, die anderen nur noch Mais, andere Hühner, Schweine oder Kühe in Massenhaltung. Das ist schlecht für die Böden, schlecht für die Biodiversität, schlecht für die Tiere, schlecht für die Ernährung und auch für die Bauern. Wenn man dann einfach Maisbauer ist – ich weiss nicht, ob das noch Freude macht. Was mir aber wirklich Sorgen macht: Wir hätten immer mehr Gift im Boden, das wir den kommenden Generationen vererben. Und damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Krankheiten, namentlich Krebs. Wenn wir agrarökologisch wirtschaften würden, würde sich das auch positiv aufs Klima auswirken, weil damit nicht nur der Kohlenstoff gebunden würde, sondern die Böden auch weniger trocken wären. Dies wissen wir alles schon lange. Wir können das so vielleicht noch 20 Jahre irgendwie managen, dann wäre Schluss. Wir müssen einsehen, dass die Transformation jetzt nötig ist, wenn wir unseren Kindern und Grosskindern eine Welt übergeben wollen, in der man noch leben kann. Weiter wie bisher ist keine Option.

 

Mitarbeit: Daniel Langmeier