Landwirtschaft: Täterin und Opfer

In Ruvuma Village (Tansania) wenden Bäuerinnen und Bauern agrarökologische Grundsätze erfolgreich an. Sie wurden im Biovision-Projekt „Ausbildungszentrum für ökologische Landwirtschaft“ geschult.

Hitzesommer, Diskussionen am WEF in Davos oder Schülerstreiks: Der Klimawandel ist in aller Munde und wird heute als immense Herausforderung breit anerkannt. Biovision sucht Problemlösungen im Bereich der Landwirtschaft. Im Zentrum steht dabei die Agrarökologie.

Fabio Leippert, Projektmanager Advocacy & Policy

Die Landwirtschaft ist verantwortlich für weltweit bis zu einem Drittel der Klimagasemissionen und damit eine der Hauptverursacherinnen des Klimawandels. Zugleich kämpfen Bäuerinnen und Bauern weltweit mit extremen Trockenheiten oder zu viel Regen. So wurde etwa Ostafrika seit 2005 bereits fünf Mal mit Dürren und in der Folge mit Nahrungsunsicherheiten konfrontiert. Abgesehen von solchen Extremsituationen werden die Bedingungen für die Landwirtschaft auch durch den schleichenden Temperaturanstieg, Versalzung der Böden und sich verändernde Regenzeiten zunehmend erschwert. Gravierende Folgen sind unter anderem die abnehmende Verfügbarkeit von Nahrung sowie Konflikte um Wasser und fehlende Zukunftsperspektiven.

Agrarökologie als Ausweg aus dem Dilemma

Angesichts dieser problematischen Trends setzt sich die Einsicht durch, dass es nicht weiter gehen kann wie bisher. Biovision arbeitet seit Jahren hin auf eine ökologische und soziale Transformation. Unsere Forderung nach einer multifunktionalen Landwirtschaft stösst auch in der Klimadiskussion auf wachsende Zustimmung. Es darf nicht mehr bloss darum gehen, mit gleichförmigen, durchoptimierten und gleichzeitig verletzlichen Produktionsweisen das absolute Maximum zu erreichen. Vielmehr gilt es, auf möglichst schonende Weise einen optimalen Ertrag gesunder Nahrung zu erzielen. Zudem müssen Verluste nach der Ernte so wie «Food Waste» vermieden werden. Wichtig ist natürlich auch die Reduktion des hohen Anteils an Klimagasemissionen wie CO2, Methan und Lachgas, welche die konventionelle Landwirtschaft heute verursacht. All das kann etwa mit dem Ansatz der Agrarökologie erreicht werden. Dieses Konzept beruht auf Vielfalt, geschlossenen Kreisläufen und Recycling sowie auf positiven Wechselwirkungen zwischen belebter und unbelebter Natur. Auch werden soziale Aspekte, wie regionale Wertschöpfungssteigerung, kulturelle Essensbedürfnisse und Gleichberechtigung berücksichtigt.

Fürsprecher der Agrarökolgie

Biovision macht sich mit dem Projekt «Anwaltschaft für Agrarökologie: Klimawandel» sowohl auf internationaler Ebene als auch mit Einzelstaaten für einen Kurswechsel in der Landwirtschaft stark. So zeigten wir etwa an der Klimakonferenz in Kattowiz (Polen) politischen Entscheidungsträgern die Vorzüge agrarökologischer Lösungen für den Klimaschutz und die Erhaltung der natürlichen Ressourcen auf und nutzen so das politische Momentum, welches durch die Klimaverpflichtungen und die Dringlichkeit des Klimawandels weltweit entstanden ist. Auf der Länderebene unterstützen wir in Kenia das Landwirtschaftsministerium mit konkreten Handlungsempfehlungen und einem koordinierten Politikdialog zur Planung klimafreundlicher, agrarökologischer Massnahmen in der Landwirtschaft.

Ein wichtiges Aktionsfeld für Biovision ist auch die Wissenschaft. Gemeinsam mit der UNO-Welternährungsorganisation FAO erarbeiten wir derzeit eine wissenschaftliche Studie zur Wirksamkeit der Agrarökologie. Auf dieser Faktengrundlage wollen wir erreichen, dass die bis heute vernachlässigten nachhaltigen Landwirtschaftsformen endlich mit genügend Forschungsgeldern versorgt werden. Um nämlich das brachliegende Potenzial von Systemen wie der Agrarökologie voll ausschöpfen zu können, müssen diese dringend weiterentwickelt werden.

Last but not least haben wir eine neue, interaktive Wissensbasis erstellt, welche aufzeigt, was Agrarökologie ist, wie sie wirkt und eine Vielzahl an guten Beispielen dafür aufführt und dokumentiert.