Weniger Chemie im Obstbau? Pionierprojekte in der Romandie

In der Produktion von Äpfeln und Birnen werden besonders viele Pestizide eingesetzt – Projekte im Wallis und in der Waadt versuchen, dies zu ändern. Ein Blick über den Röstigraben.

 

Beeindruckende Biodiversität: Auf der Plantage BioDiVerger bei Morges (VD) wird der Pestizid-Einsatz mit der Schaffung resilienter Ökosysteme reduziert. (Bild: FiBL)

Von Réane Ahmad*

Die Verwendung von synthetischen Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft wird derzeit heftig diskutiert. Ausgelöst haben die Debatte zwei Initiativen zu diesem Thema, die am 13. Juni zur Abstimmung kommen. Beim Obstbau handelt es sich oft um Dauer- und Monokulturen, die speziell anfällig sind für Krankheiten und Schädlinge. Der biologische Anbau ist in diesem Bereich weiterhin sehr arbeitsintensiv. «Gala-Äpfel sind äusserst beliebt, aber eben auch jene Sorte, die besonders empfindlich ist für Schorf und deswegen sowohl im herkömmlichen als auch im biologischen Anbau rund zwölf Mal pro Jahr behandelt werden muss», erklärt Flore Lebleu vom Forschungsinstitut für biologische Landwirtschaft (FiBL). In mehreren Regionen der Westschweiz setzen sich nun verschiedene Initiativen dafür ein, den Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden zu reduzieren.

Keine Abstriche bei Ertrag oder Qualität 

Im Wallis fiel vor kurzem der Startschuss zu einem in der Schweiz einmaligen Projekt, das dazu beitragen soll, die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln im Obstbau um 30 % zu reduzieren. Das Projekt ArboPhytoRed 2021-2026 wird von Kanton und Bund mit 5,6 Millionen Franken unterstützt und begleitet rund 40 Betriebe beim Testen neuer Anbaumethoden. Das erklärte Ziel: Bei Ertrag oder Qualität müssen keine Abstriche hingenommen werden.

Solche Neuigkeiten freuen Sofia de Meyer, Direktorin von Opaline. Dieses Unternehmen verarbeitet pro Jahr 450 Tonnen Obst zu Saft, wobei 90 % der Früchte aus dem Wallis stammen. Der Produzent schafft es allerdings nicht, ausschliesslich Bio-Obst einzukaufen, da die verfügbaren Mengen stark schwanken. Dazu kommt, dass es nur wenige biologische Apfelplantagen gibt. «Wir haben 2018 die Stiftung Opaline gegründet, um den Übergang zu einer regenerativen Landwirtschaft zu fördern. Dieser Ansatz möchte inklusiv vorgehen, indem Pilotprojekte auf kleinen Anbauflächen durchgeführt werden, in Partnerschaft mit den Produzentinnen und Produzenten sowie mit den lokalen Gemeinschaften».

Schaffung eines Systems im Gleichgewicht braucht Zeit 

Der Kanton Waadt finanziert seit 2013 ein weiteres Forschungsfeld, den sogenannten BioDiVerger in der Nähe von Morges. Auf der 5300 m2 grossen Plantage wird der Einsatz synthetischen Pestiziden reduziert und die Biodiversität erhöht, um ein resilientes Ökosystem zu schaffen und Arbeitszeit zu sparen. Zudem werden kurze Transportwege angestrebt. «Die Land- und Forstwirtschaft erzielt dabei die besten Ergebnisse, weil die Zahl der Schädlinge reguliert wird und der Gemüseanbau zu raschen Erträgen führt», freut sich Flore Lebleu vom FiBL. Sie betont allerdings auch die Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Klima (Trockenheit) und der Geduld, die es bei der Herstellung eines Gleichgewichts braucht. 

Auch die Konsumentinnen müssen mitmachen

Obwohl in der Westschweiz immer mehr alternative Ansätze entstehen, hängt ihr Erfolg von zahlreichen Faktoren ab, nämlich vom politischen Rahmen, von der Zusammenarbeit verschiedener Akteure, einer angemessenen Entlöhnung oder Unterstützung von Obstbäuerinnen sowie von den Käufern, die weniger perfekt aussehendes Obst akzeptieren müssen. So haben von den Konsumentinnen über Politik und Wirtschaft bis zu den Produzenten alle ihren Teil beizutragen, wenn es um den Übergang zu einem nachhaltigen lokalen Obstbau geht.

*Réane Ahmad ist freie Journalistin in der Romandie mit Spezialgebiet Landwirtschaft, Ernährung und Terroir.