«Unsere Ideen sind auf fruchtbaren Boden gefallen»

Von Stefan Hartmann, Journalist BR, Zürich

Andi Schriber blickt auf 20 Jahre echte Hilfe zurück. Zu Beginn mussten aber auch Hindernisse überwunden werden. Im Interview schaut der CEO auf künftige Herausforderungen und verrät das Geheimnis der erfolgreichen Entwicklung von Biovision.

Geschäftsleiter Andreas Schriber mit Forscherinnen und Studenten auf einem Bio-Testfeld in Kenia.

In Afrika sind viele westliche NGOs tätig. Die Stiftung Biovision wurde vor 20 Jahren gegründet. Hat sie eine besondere Botschaft?

Ganz einfach: Wenn es uns nicht brauchen würde, gäbe es uns heute auch nicht mehr. Wir sind mit einer Idee gestartet und nicht mit Geld. Wir mussten also zuerst zeigen, dass unsere Idee bei den Bauern ankam.

Was ist die Idee von Biovision?

Im Zentrum steht das Verbreiten von nachhaltigen, ökologischen Lösungen in der Landwirtschaft. Wir wollen nützliches Wissen vermitteln – immer mit dem Ziel, Entwicklung zu ermöglichen und den Hunger zu beenden.

Wie findet der Transfer von praktischem Wissen an die bäuerliche Bevölkerung statt?

Wir bringen Erkenntnisse vom Forschungslabor aufs Land und machen sie für die Praxis anwendbar. Das bekannteste Beispiel ist wohl die in Kenia entwickelte Push-Pull-Methode bei Mais.

Was ist das?

Der Stängelbohrer zerstört den Maisstängel und das Unkraut Striga befällt die Wurzeln. Diese Plage führt oft zum Totalverlust der Ernte. Dagegen wurden von icipe-Forschern Lösungen gefunden, die ohne schädliche Chemie ebenso effizient wie nachhaltig wirken.

Wie schwierig war es, diese icipe -Methode zu den Bauern zu bringen?

Vorher wurden den Bauern Spritzmittel aufgeschwatzt oder man hielt sie an, andere Maissorten zu kaufen. Nun kam Biovision und zeigte, dass es Alternativen gibt.

Fiel die Methode sofort auf fruchtbaren Boden?

Wir wählten am Victoriasee Bauerngruppen aus und dachten, wenn die Methode dort Erfolg zeigt, wird sich das wie ein Lauffeuer herumsprechen. Der erhoffte Schneeballeffekt hat aber nicht stattgefunden, trotz unseren «Eco-Trainern», die Kurse anboten.

Was war der Grund? Wo lagen die Hürden der Akzeptanz?

Die Methode ist mit einem Mehraufwand verbunden: Man muss etwas Neues erlernen, man muss Zwischensaat anlegen, und der Nutzen ist nicht sofort ersichtlich.

Was hat Biovision daraus gelernt?

Wir wendeten uns ganz gezielt an die Frauen, denn Anpflanzen ist eigentlich Sache der Frauen. Frauen gehen auch nicht gerne zu einem Mann in den Kurs. Der Genderaspekt war also ausschlaggebend.

Die Verbreitung von Ideen und Impulsen ist sehr wichtig; wie geht Biovision vor?

Radio spielt in Afrika eine zentrale Rolle. Wenn die Zuhörer ihre eigenen Leute am Radio hören, die von persönlichen Erfahrungen erzählen, ist das viel glaubwürdiger, als wenn ein fremder Berater ins Dorf kommt. Aber auch unsere Bauernzeitung kommt sehr gut an.

Biovision hat das UNO-Nachhaltigkeitsziel «Zero Hunger» im Fokus. Was heisst das?

Unsere Generation hat es in der Hand, den Hunger weltweit zu besiegen. Aber das geht nicht nur Entwicklungsländer an, denn Ernährungssicherheit ist eng verbunden mit Themen wie Klimawandel und Armut. Deshalb macht sich Biovision auch in der Schweiz und in internationalen Gremien stark für eine ökologische und faire Entwicklung.

Biovision leistet also auch in der Schweiz «Entwicklungshilfe»?

Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Thema in Afrika! Darum haben wir uns der Nachhaltigkeitsagenda 2030 der UNO verpflichtet und das Schweizer Netzwerk für nachhaltige Lösungen (SDSN) gegründet. Oft verhindern in Afrika die politischen Rahmenbedingungen wichtige Veränderungen.

Wie geht Biovision damit um?

Unsere Sensibilisierung richtet sich gezielt auch an Entscheidungsträger. In Senegal und Kenia haben wir Behörden ebenso wie Bauern sowie die Privatwirtschaft an einen Tisch gebracht und Zukunftsszenarien durchgespielt. Immer mehr Menschen im Norden wie im Süden sind interessiert an nachhaltigen Lösungen. Dafür braucht es in erster Linie einmal einen konstruktiven und informierten Dialog.

Bedeutet dieser «Politikdialog» eine Strategie-Änderung bei Biovision?

Die verschiedenen Interessensgruppen müssen zusammenarbeiten – lokal genauso wie global. Was wir im Feld mit Bauerngruppen erreichen, muss auf höchster Ebene verstärkt werden.

Ist Biovision auf dem richtigen Kurs?

Die Nachfrage nach unseren Lösungsangeboten ist im ländlichen Raum sehr gross, obwohl wir weder Geld noch Infrastruktur verschenken. Wir bieten das Wissen, wie Landwirtschaft auch anders, ohne giftige Chemie, betrieben werden kann – und das ist gefragt.

Wovon träumt Andreas Schriber?

Dass wir eines Tages mit einem Superstar wie Youssou N’Dour, senegalesischer Musiker und UNO-Botschafter gegen die Malaria, eine Kampagne für nachhaltige Lösungen lancieren. Kontakte sind vorhanden – die Geldgeber noch nicht.

Biovision hat ein erstaunliches Wachstum hingelegt. Wo liegt das Geheimnis?

Gründer Hans Rudolf Herren hat uns mit seiner Reputation und Erfahrung natürlich enorm geholfen. Seine Vision haben wir mit einer zukunftsfähigen Struktur verknüpft. Unsere Ansätze sind einleuchtend, clever und effektiv. Das schätzen unsere Gönnerinnen und Gönner – wie auch die Menschen, denen unsere Hilfe zur Selbsthilfe echte Perspektiven bietet.