Ist Hilfe zur Selbsthilfe wirksam?

Biovision hat sich seit der Gründung 1998 dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe verschrieben. Ist das noch zeitgemäss und lässt sich damit langfristig Wirkung erzielen?

Andreas Schriber, CEO Biovision

«Es gibt nichts Gutes – ausser man tut es», textete einst der scharfsinnige Schriftsteller Erich Kästner. Für eine nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit reichen Taten allein aber nicht aus. Es braucht mehr als gute Absichten. So sollte etwa ein gemeinsames Verständnis in wichtigen Grundsatzfragen die Basis jeder partnerschaftlichen Aufbauarbeit sein: Wer trägt was zu welchem Ziel und zu welchem Zweck bei? Und es darf nicht um «Geldgeber» auf der einen, und «Hilfeempfänger» auf der anderen Seite gehen. Vielmehr sollen Begünstigte auch Beteiligte sein.

Dieses Prinzip hat sich für Biovision bewährt. Die Bedürfnisorientierung und die gegenseitige Bereitschaft zur Zusammenarbeit sind unabdingbare Voraussetzung für unsere Entwicklungsprojekte. Gemäss unserem Stiftungszweck fördern und ermöglichen wir eine ökologische Entwicklung in Regionen und Handlungsfeldern, wo Unterstützung, Sensibilisierung, Anschubfinanzierung oder Know-how-Transfer gefragt sind.

Entwicklungszusammenarbeit am Pranger

Schlechte Beispiele einer fehlgeleiteten Entwicklungshilfe werden gerne als Argument herangezogen wenn es darum geht, öffentliche Gelder von einem in einen andern Topf umzuleiten. Skandale sind spannender als Berichte über langfristig, solide Aufbauarbeit. Darum wird genüsslich über Projekte geschrieben, die das Etikett «Entwicklungshilfe » missbrauchen um Eigeninteressen von Geber-Ländern voranzutreiben; über korrupte Regierungen und die Komplizenschaft bei den Geldgebern; oder über gut gemeinter Hilfe, die letztlich das Gegenteil bewirkt. Auf solchen Beispiele basiert dann auch die zunehmende Kritik vieler afrikanischer Intellektueller. So wurde kürzlich in verschiedenen Medien unter dem Titel: «Stoppt die Entwicklungshilfe» die senegalesische Schriftstellerin und Afrika-Kennerin Ken Bugul, zitiert: «Was nützt es, helfen zu wollen, wenn die Unterstützung nicht bei denen ankommt, die sie brauchen?» fragt Ken Bugul, zu recht. Sie plädiert für einen neuen Ansatz der Kooperation: «Für mich hat oberste Priorität, dass die Leute in die Pflicht genommen und ermächtigt werden, sich selbst zu helfen», sagt sie.

Ken Bugul, Schriftstellerin und Andreas Schriber, CEO Bioversion
Portät Mann und Frau

Wissen bringt Fortschritt

Biovision ist seit 20 Jahrzehnten mit einem ganzheitlichen Ansatz tätig. Der Fokus unserer Entwicklungsprojekte liegt auf Afrika. Auf diesem Kontinent kommt der Lebensunterhalt für 70 % der Bevölkerung aus dem Landwirtschaftssektor. Gleichzeitig vernachlässigen die meisten afrikanischen Staaten diesen Bereich trotz gegenteiliger Versprechen: Die durchschnittlichen staatlichen Investitionen in die Landwirtschaft pro Jahr liegen bei 3 % – entgegen der Deklaration der Afrikanischen Union von 10 %!

In vielen Regionen Afrikas fehlt den jungen Menschen jede Perspektive. Gründe dafür gibt es viele. Eine Ursache ist etwa der fehlende Zugang zu Ausbildung und nützlichem Wissen. Dem wirkt Biovision mit Investitionen in die Informationsaufbereitung, Wissensvermittlung und den Aufbau verlässlicher Informationskanäle wie Bauernzeitungen, Bauernradio, Internet-Auskunftsdienst für Bauern und Landwirtschaftsberater entgegen. Biovision investiert in die Menschen vor Ort. Dabei ist die Kommunikation in beide Richtungen wichtig: Bäuerinnen und Bauern sind nicht bloss Wissensempfänger für neues Know-how, Sie verfügen über Erfahrung und praktisches Wissen, das für die Formulierung zielführender Forschungsfragen unerlässlich ist.

Die Schwerpunktprojekte von Biovision im Bereich der Ernährungssicherung konzentrieren sich auf die Entwicklung und Verbreitung ökologischer Methoden, die in wenig entwickelten Gebieten anwendbar sind und zu verbesserten der Lebensbedingungen führen. Mit unserer konkreten Aufbauarbeit starker Partner vor Ort helfen wir mit, eine Brücke zwischen Forschung und Anwendung zu schlagen.

Von der Bauernausbildung zur Politberatung

Biovision hat sich im Austausch mit kompetenten Partnern weiterentwickelt. Heute gehören die Sensibilisierung und Beratung politischer Behörden, Verwaltungen, Privatwirtschaft und Bauernorganisationen ebenfalls dazu. Damit sich die Landbevölkerung Afrikas wirklich selber helfen kann, ist sie auf entsprechende Rahmenbedingungen angewiesen. Last but not least gibt es auch vor unserer eigenen Haustüre viel zu tun: Die Schweiz weist einen enormen ökologischen Fussabdruck auf. Hier gilt es Verantwortung zu übernehmen. Wenn unser Ziel, den Hunger weltweit zu beenden, erreicht werden soll, geht das nur gemeinsam mit allen Akteuren. Stoppen wir also den Foodwaste, und ändern wir unser verschwenderisches Konsumverhalten. Beginnen wir bei uns selber. Denn in diesem Kontext hat Kästner durchaus recht: es gibt nichts Gutes – ausser man tut es.