«Die Schweiz erkauft sich gute Nachhaltigkeitswerte auf Kosten anderer Länder»

Carole Küng, Co-Leiterin des der Biovision angegliederten Netzwerks Sustainable Development Solution Network Switzerland (SDSN), fordert mehr Engagement der Schweiz in Bezug auf die UNO-Ziele für Nachhaltigkeit – die formulierte Strategie des Bundesrates sei nicht zielführend.

 

«17 Ziele, um die Welt zu verändern» – nichts Geringeres beschlossen 2015 die UN-­Mitgliedstaaten mit der sogenannten Agenda 2030. Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung sollen den Weg in eine bessere und nachhaltige Zukunft ebnen. Im November 2020 hat der Bundesrat eine 10-Jahres-Strategie zur Erreichung der Agenda in der Schweiz vorgestellt. Doch der Strategie fehle es an innovativen Ansätzen, um die sich anbahnenden ökologischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Krisen überwinden zu können, findet das SDSN – dessen Geschäftsstelle von Biovision und der Universität Bern betrieben wird – und fordert einen ambitionierteren Strategieentwurf sowie konkrete Nachbesserungen. Wir haben bei Carole Küng, Co-Leiterin des SDSN Schweiz, nachgefragt.

 

SDSN Konferenz in der Schweiz 2019.

Interview: Margarete Sotier, Biovision

Carole Küng, wo steht die Schweiz in Bezug auf eine nachhaltige Entwicklung?

Gemäss dem Sustainable Development Report 2020 belegt die Schweiz bei den sogenannten Spillover-Effekten den beschämenden 163. Platz von insgesamt 165. Das heisst: Die Schweiz erkauft sich eine Reihe ihrer besseren Werte bei den Nachhaltigkeitszielen mit erheblichen Belastungen für andere Länder und die globale Umwelt. Mit dem Import von Gütern und Dienstleistungen verursachen wir Luftverschmutzungen und Biodiversitätsverluste in den entsprechenden Herkunftsländern z.B. durch die Einfuhr von nicht nachhaltig hergestellten Produkten wie Futtermittel und synthetische Düngemittel, die wir für unsere intensive Landwirtschaft – insbesondere für die Fleischproduktion – benötigen. So beschönigen wir nicht nur unsere eigene Bilanz, sondern schränken auch die Möglichkeiten anderer Länder ein, ihre globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Welche Rolle spielt die Schweiz in der Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele?

Oft wird behauptet, die Schweiz sei zu klein, um im Kampf für eine nachhaltige Entwicklung etwas bewirken zu können. Doch gerade wegen der Spillover-Effekte, unseres enormen ökologischen Fussabdrucks und unserer erheblichen Verstrickung in nachhaltigkeitsschädliche globale Finanzflüsse müssen wir unsere globale Verantwortung vermehrt wahrnehmen. Für Lösungen braucht es eine starke Schweizer Führungsrolle. Als Netzwerk einer UN-Initiative zur Umsetzung der Agenda 2030 und des Pariser Klimaabkommens möchten wir aktiv auf die Erreichung der Ziele hinwirken und uns für eine zielführende Politik einsetzen. Deshalb beteiligen wir uns an der Vernehmlassung und formulieren Verbesserungsvorschläge für die gegenwärtige Strategie.

Wie ist der Strategieentwurf allgemein zu bewerten?

Positiv hervorzuheben ist, dass die Strategie ein ganzheitliches Verständnis von nachhaltiger Entwicklung widerspiegelt und wertvolle Leitbilder liefert. Das grosse Manko jedoch ist, dass innovative Ideen und zielorientierte Lösungswege fehlen. Die Strategie basiert hauptsächlich auf bereits existierenden Praktiken sowie auf bestehenden Bereichs-Strategien und bleibt darüber hinaus vage.

Was heisst das konkret? Welche Nachbesserungen braucht es aus Sicht des SDSN im Strategieentwurf?

Momentan sehen wir vor allem folgende Aspekte: Zum einen muss die Schweiz dringend ihre globale Verantwortung erkennen und wahrnehmen, denn darin liegt der grösste Hebel für die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele. Dazu gehört einerseits, dass die Schweiz ihren globalen Fussabdruck reduzieren muss, etwa durch ein Umdenken im Konsumverhalten. Es müssen Lösungswege aufgezeigt werden, wie ein Leben in der Schweiz unter Berücksichtigung der planetaren Belastbarkeit möglich ist. Andererseits sollte die vorgelegte Strategie darauf eingehen, wie illegitime Finanzflüsse unterbunden werden können. Zu viele Punkte im Strategieentwurf basieren auf nicht zielführende Freiwilligkeit. Zum Beispiel der Wunsch nach einem nachhaltigeren Banken- und Finanzplatz: Trotz Fortschritten zeigt die Realität, dass Regulierungen nötig sind, damit kurzfristige ökonomische Interessen zum Nachteil von Mensch und Umwelt nicht dominieren. Zudem enthält der Strategieentwurf keinen Finanzplan. Wir schlagen deshalb unter anderem vor, dass die Koordinationsstellen des Bundes ein Budget erhalten.

Wo gibt es weiteren Handlungsbedarf?

Es muss sichergestellt werden, dass genügend Ressourcen in die Nachhaltigkeitsforschung und in bereichsübergreifende Umsetzungsprojekte fliessen. Denn die Forschung kann effektive Transformationswege aufzeigen und konkrete Vorschläge für nachhaltigere Massnahmen entwickeln. Ausserdem müssen unserer Meinung nach die Ziele im Strategieentwurf allgemein ambitionierter gesteckt werden. Sie sind teilweise schwächer formuliert als in den 17 globalen Zielen oder werden gänzlich ignoriert. Hier fordern wir konkretere Definitionen und Handlungsempfehlungen auf allen Zielebenen.

Wie lautet die Botschaft an den Bund?

Wir brauchen eine Strategie, hinter der die Wirtschaft, aber auch die Gemeinschaft steht, und die unverwässerte Ziele aufweist, die zumindest nicht tiefer gesteckt sind als die Ziele der UN-Agenda 2030. Wir brauchen eine Strategie, die breit abgestützte tragfähige Lösungspfade mit einem Finanzierungsplan und griffigem Controlling präsentiert – und nicht eine, die als Verwaltungsbericht in einem Bundesordner endet.