«Die Schweizer Ernährung hat einen grossen globalen Fussabdruck. Das müssen wir ändern!»

40 Prozent des Klimawandels geht gemäss Weltklimarat auf das Konto von Landwirtschaft und Ernährung. Der UN-Ernährungsgipfel hat das Thema Ernährungssicherheit und -souveränität auf die internationale Agenda gebracht. Was tut sich in der Schweiz, um einen Kurswechsel für eine gerechte und nachhaltige Ernährung zu erreichen? Wie kommen wir einem nachhaltigen Ernährungssystem näher?

Wir haben nachgefragt, bei Daniel Langmeier, Biovision-Politikberater und Mitgründer des Aktionsnetzwerks «Agroecology Works!» und Carole Küng, Co-Leiterin des Sustainable Development Solutions Network Switzerland (SDSN).

 

  • Mögliche Handlungsfelder für ein nachhaltiges Ernährungssystem in der Schweiz
    Carole Küng und Daniel Langmeier
  • Mögliche Handlungsfelder für ein nachhaltiges Ernährungssystem in der Schweiz
    Die Schweizer Politik müsse alle Bereiche des Ernährungssystems – Gesundheit, Handel, Umwelt und Landwirtschaft – zusammen angehen, sagt Daniel Langmeier (Bild: zvg Climatestrike)

Interview: Margarete Sotier, Biovision

Mit dem UN-Ernährungsgipfel hat die Notwendigkeit eines Wandels des globalen Ernährungssystems international Aufmerksamkeit erlangt. Ist davon auch etwas in der Schweiz zu spüren? 

Daniel Langmeier (DL): In der Schweiz war der Gipfel vor allem in jenen Kreisen Thema, die dazu arbeiten: in der Politik, in der Wissenschaft und bei Nicht-Regierungsorganisationen. Ich bezweifle aber leider, dass die Mehrheit der Bevölkerung viel davon mitbekommen hat. Dennoch spürt man, dass die Thematik in anderer Form bei uns angekommen ist, wenn man etwa an die vergangenen und kommenden Volksabstimmungen denkt wie die beiden Pestizidinitiativen oder die Massentierhaltungsinitiative. 

Carole Küng (CK): Ich denke auch, dass das Thema in der Schweizer Bevölkerung viel zu wenig präsent ist. Es gibt eine gesellschaftliche Diskussion dazu, aber die wurde nicht durch den UN-Ernährungsgipfel ausgelöst. Deshalb hat sich SDSN auch so stark dafür eingesetzt, dass die nationalen Dialoge (siehe Box) um den Ernährungsgipfel herum nicht einfach versanden, sondern weitergeführt werden. Wir möchten, dass sie Wirkung zeigen, denn bei aller Kritik hatte der Gipfel international auch in wichtigen Punkten ein Umdenken bewirkt. 

Carole, Du hast es angesprochen: der Ernährungsgipfel hat viel Kritik geerntet. Welche Fehler sollten wir in der Schweiz vermeiden? 

CK: International und in der Schweiz gab es viel Kritik, weil der UN-Ernährungsgipfel keinen menschenrechtszentrierten Ansatz gewählt hat. Dem müssen wir Rechnung tragen. Das bedeutet, dass die sehr unterschiedlichen Akteur:innen, die letztlich Veränderungen bewirken können, auch die Sprache und Zielsetzungen der jeweils anderen besser verstehen. Dafür müssen alle Interessengruppen mit einem konzentrierten Blick auf Zielkonflikte eingebunden werden.  

DL: Ich denke, dass der angesprochene Wandel unseres Ernährungssystem breiter abgestützt werden muss, das heisst, dass die Bevölkerung viel stärker einbezogen wird. Dieser Einbezug sollte über die Volksinitiativen hinaus gehen, wo mensch nur mit «Ja» oder «Nein» stimmen kann. Beim Ernährungsgipfel gab es zwar die von Carole angesprochenen Dialoge, die breite Bevölkerung wurde damit aber nicht erreicht. In einem geplanten Projekt zusammen mit SDSN und Landwirtschaft mit Zukunft möchten wir die Bevölkerung im Rahmen eines Bürger:innenrats für Ernährungspolitik sensibilisieren.

Wo seht ihr die grössten Hebel für Veränderung, um einem nachhaltigen Ernährungssystem in der Schweiz näherzukommen? Könnt ihr zwei Aspekte nennen?  

DL: Dass wir vom Ernährungssystem sprechen und nicht mehr nur isoliert von der Landwirtschaft, ist ein erster wichtiger Schritt. Hier muss die Politik nachziehen und die relevanten Politikfelder für das Ernährungssystem (Gesundheit, Handel, Umwelt und natürlich auch die klassische Landwirtschaftspolitik, etc.) zusammen behandeln. Sonst bleiben wir in der Konfrontation z.B. zwischen Bäuer:innen und Konsument:innen stecken. Denn wir brauchen Lösungen, die beiden Seiten helfen – für eine gesunde und nachhaltige Ernährung, die unter fairen Bedingungen produziert wird. Ein wichtiger Hebel ist die öffentliche Hand, die zum Beispiel in der Verpflegung in Mensen, Spitälern, etc. vermehrt nach nachhaltigen Produkten fragen sollte. 

CK: Um die UNO-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) zu erreichen, müssen Synergien besser genutzt werden. Dafür müssen Politik und Verwaltung aus dem Silodenken herauskommen und integrierte Lösungen schaffen. Unsere gegenwärtige Ernährung verursacht zum Beispiel sehr hohe gesundheitliche Kosten. Glücklicherweise bedeutet sich nachhaltig zu ernähren auch, sich gesünder zu ernähren. Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung ist der Schlüssel dazu. Hier muss es politische Interessen geben, die dort anzusetzen und so gesundheitliche und ökologische Kosten reduzieren. Nicht zu vergessen ist der globale Fussabdruck unserer Ernährung. Wir müssen dringend Lebensmittelabfälle, die in der Produktionskette vom Acker bis zum Teller anfallen, reduzieren und nachhaltigere Wertschöpfungsketten und Handel fördern. Darin liegt grosses Win-Win-Potential. 

Daniel, mit Agroecology Works! hat Biovision gemeinsam mit anderen Organisationen und Initiativen ein Netzwerk geschaffen, das sich für ein nachhaltiges Ernährungssystem in der Schweiz einsetzt. Warum? Was wollt ihr erreichen? 

DL: Wie der Name sagt, wollen wir aufzeigen, dass Agrarökologie funktioniert. Biovision zeigt dies seit über 20 Jahren mit ihrer Arbeit und wir wollen auch in der Schweiz – sowohl der Politik, als auch der breiten Öffentlichkeit – zeigen, dass die Agrarökologie für den Wandel unseres Ernährungssystems zentral sein wird. Das Netzwerk bringt die Menschen und Organisationen aus Forschung, Praxis und Zivilgesellschaft zusammen, die diese Position teilen.

Mit der AgroecologWorks!-Veranstaltungsreihe «Tage der Agrarökologie», die vom 1. bis 6. November stattfand, klärt ihr rund um das Thema Agrarökologie auf. Warum setzt ihr genau hier an? 

DL: Die Weiterentwicklung der Landwirtschaftspolitik in eine umfassende Ernährungspolitik ist zurzeit ein breit diskutiertes Thema. Agrarökologie muss hier eine zentrale Rolle spielen. Mit den Tagen der Agrarökologie wollten wir unterstreichen, warum das der Fall ist. Die Veranstaltungen haben erstens dazu gedient, ein gemeinsames Verständnis von Agrarökologie zu schaffen, zweitens aufgezeigt, welche Rolle die Agrarökologie in der zukünftigen Ernährungspolitik zu spielen hat und drittens noch mehr Menschen und Organisationen dafür begeistern wollen, sich dafür einzusetzen.

Zur Aufzeichnung der Kickoff-Veranstaltung geht's hier. Weitere Einblicke und Videos.

Ihr habt mit dem Netzwerk eine Petition für eine stärkere Verankerung von Agrarökologie in der Schweiz gestartet. Warum? 

DL: Nachdem die geplante Agrarpolitik Anfang 2021 für die kommenden Jahre sistiert wurde, muss der Bundesrat diese nochmals überarbeiten und, wie vom Parlament gefordert, überlegen, wie sie weiterentwickelt werden kann. Hier soll die Agrarökologie eine tragende Rolle spielen. Mit der Petition wollen wir dem Nachdruck verleihen und hoffen, dass viele Menschen dieses Anliegen unterstützen. 

Carole, auch ihr engagiert euch mit dem Sustainable Development Solutions Network Switzerland (SDSN) für einen Wandel hin zu einem nachhaltigen Ernährungssystem. Wo setzt ihr an? 

CK: Wir müssen die grosse Lücke schliessen zwischen dem, was wissenschaftlich für eine nachhaltigere Ernährung nötig ist und dem, was aktuell getan wird. Das Sustainable Development Solutions Network Switzerland (SDSN) hat zum ersten Mal über 30 führende Wissenschaftler:innen in einem Experten-Gremium zusammengebracht, um systemische Lösungen aufzuzeigen, wie wir diese Lücke in der Schweiz schliessen können. Das Gremium betrachtet die ganze Wertschöpfungskette – von der Produktion bis zu gesundem Konsum innerhalb der planetaren Grenzen. Das liefert die Grundlage für einen Dialog, den wir mit Politik, allen Interessengruppen und Akteuren entlang der Wertschöpfungskette führen möchten für einen gemeinsam getragenen Wandel. 

Ihr werdet mit SDSN voraussichtlich die schweizweiten Dialoge weiterführen, die im Vorfeld des Ernährungsgipfels stattgefunden haben. Welche konkreten Ziele verfolgt ihr damit?  

CK: Der Schweiz fehlt es an einem Mandat für die dringend nötige Transformation des Ernährungssystems. Da wir zu rund der Hälfte auf Exporte angewiesen sind, hat unsere Ernährung einen globalen Fussabdruck. Wir arbeiten darauf hin, dass die Schweiz und alle relevanten Akteur:innen ihre Führungsrolle und Verantwortung für die Zukunft wahrnehmen.  

Welche Themen stehen bei euch im Vordergrund?  

CK: Wissenschaftliche Dringlichkeit und Lösungswege für eine Ernährungswende aufzeigen und darauf basierend mit Politiker:innen und Entscheidungstragenden Lösungen ausarbeiten. Für SDSN Switzerland steht dabei im Vordergrund, dass die Schweiz die Chancen nutzt, die in einer Ernährungswende stecken, um gleich eine ganze Reihe der UN-Ziele für Nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Die Schweiz kann einen wesentlichen Beitrag namentlich zu den Zielen «Kein Hunger», «Gesundheit und Wohlergehen», «Massnahmen zum Klimaschutz» und vielen Unterzielen wie einem kleineren ökologischen Fussabdruck leisten. Die Lösung von Zielkonflikten zwischen zum Beispiel «Kein Hunger» und einer ökologischeren – kurzfristig gedacht weniger ertragreichen – Ernährung muss dabei im Vordergrund stehen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss der Veränderungsprozess aber sozialverträglich gestaltet werden, sowohl für Produzierende als auch Konsumierende. 

Ihr habt dieselben Ziele wie Agroecology Works!, verfolgt aber unterschiedliche Lösungsansätze. Warum? 

CK: SDSN arbeitet überparteilich und erarbeitet gemeinsam mit Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft breit abgestützte Lösungen. Ich sehe, wie wichtig es ist, aufzuklären und eine Verständnisgrundlage insbesondere für Begriffe wie Agrarökologie zu schaffen. Aber es reicht nicht, sich vor eine Schulklasse zu stellen und zu rufen: «Lernt endlich lesen und schreiben, denn es ist wichtig!». Sondern jedes Kind muss dort abgeholt werden, wo es steht und durch den ganzen Lernprozess zum Erfolg begleitet werden. So braucht auch Nachhaltige Entwicklung einen gesellschaftlichen Lernprozess: Eine Transformation des Schweizer Ernährungssystems schaffen wir nur, wenn alle mitziehen.

Hinweis der Redaktion: Das Interview wurde schriftlich geführt.