Reden statt Streit

Reden statt Streit

In Tansania wird es eng. Die Siedlungen wachsen, das Land der KleinbäuerInnen ist knapp, und die Massai stossen mit ihren Herden zusehends an Grenzen. Das führt zu bewaffneten Konflikten.

Peter Lüthi, Kommunikation

Pastoralisten werden von den Behörden oft marginalisiert und von der Allgemeinheit mit Argwohn behandelt. Die Massai nehmen das mit Stolz und leben mit ihren Tieren für sich. Doch ihre Situation spitzt sich u. a. infolge des Klimawandels zu. So verloren etwa die Massai im Mvomero Distrikt während der extremen Trockenheit von 2015/16 sehr viel Vieh. Darum liessen sie die überlebenden Rinder in den Feldern von Kleinbauernfamilien die Maisstauden fressen. Das brachte die Farmer in Rage. Denn auch sie kämpfen mit dem Regenmangel und sinkenden Erträgen. Zudem müssen sie mit schrumpfenden Landflächen auskommen. Die Konkurrenz zwischen Pastoralisten und Bauern führt häufig zu bewaffneten Konflikten, nicht selten mit Todesopfern.

Anpassung der Massai-Tradition

2016 suchten die Massai von Vianzi Rat im benachbarten Biolandbau-Ausbildungszentrum von «Sustainable Agriculture Tanzania» (SAT). Sie sahen sich gezwungen, von der Tradition abzuweichen und Heuvorräte für Dürrezeiten anzulegen. Auch wollten sie zur Stärkung ihrer Unabhängigkeit Mais und Gemüse für den Eigenverbrauch ziehen. Mit dieser für Massai revolutionären Idee stiessen sie bei SAT auf offene Ohren. Die Co-Direktoren Janet Maro und Alex Wostry boten den Massai eine Grundausbildung in ökologischem Acker- und Gemüsebau an unter dem Vorbehalt, dass auch Frauen den Kurs besuchen dürfen. Für SAT hat die Frauenförderung hohe Priorität. Die Latte lag hoch für die Massai. Doch sie willigten ein.

  • Gegenseitiges Vertrauen ist die Basis für die Zusammenarbeit: SAT Direktorin Janet Maro zu Besuch bei den Massai aus Nameloki.
  • Markante Neuerung: Die Pastoralisten haben gelernt, den Futtermangel während extremer Trockenzeiten mit Heu für ihr Vieh zu überbrücken.
  • Für die Massai-Männer geht nichts über das Wohl ihres Viehs.

Respekt und Vertrauen

«Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit den Massai sind Respekt und eine vertiefte Kenntnis ihrer Kultur», sagt Janet Maro. Das bestätigt Soviaki Letoga Kinyoz, Präsident der Massaigruppe Mafanikio: «Die Leute von SAT sind die Einzigen, die sich wirklich für uns interessieren». Gemäss Maro ist zudem entscheidend, die Massai-Anführer im Boot zu haben. Das sei aber gar nicht einfach zu bewerkstelligen, weil sich diese gegen aussen nicht zu erkennen gäben. «Ich hatte Glück», lächelt sie. Sie sei während Jahren in vertrauensvollem Austausch mit einem Massai gewesen. «Erst nach Beginn unseres Projekts realisierte ich, dass er der Chef der Massai-Gemeinde in der ganzen Region ist.»

Geben und nehmen

Schliesslich wagten Kleinbauern und Massai aus der Nachbarschaft unter der Schirmherrschaft von SAT den Aufbau einer Austauschgruppe. Dabei gelangten sie zur Einsicht, dass beide Seiten über Ressourcen verfügen, die den anderen fehlen. Die Pastoralisten haben Mist im Überfluss, welcher bei den Bäuerinnen und Bauern sehr gefragt ist als Dünger. Bei den Landwirten fallen bei der Verarbeitung von Sonnenblumenkernen oder Mais Pflanzenreste an, die ein wertvolles Futter für das Vieh der Massai abgeben. Von diesem Handel können somit beide Seiten profitieren. Ein vielversprechender Anfang zur Konfliktbewältigung ist gemacht.

Höheres Ansehen dank Verdienst

Die Massai-Frauen erhalten im Projekt durch die Schaffung neuer Einkommensquellen eine Chance, ihre Stellung in der streng patriarchalen Gesellschaft zu stärken. Dazu werden sie u. a. bei der Einführung eines gruppeninternen, zinslosen Spar- und Verleihsystems als Bank-Ersatz angeleitet. Zudem erhalten sie eine Ausbildung für die verbesserte Vermarktung ihrer Milchprodukte und ihres handgefertigten Schmucks.