Mit Kamelen aus der Armut

Auch in den sehr trockenen Gebieten im nördlichen Kenia leiden die Menschen zunehmend unter den Folgen des Klimawandels. Betroffen sind vor allem Hirtenvölker. Im Isiolo County unterstützt Biovision seit 2010 ein Projekt von Vétérinaieres sans Frontières zur Einführung von Dromedaren. Eine Bildergeschichte über zwei Kamelhalterinnen, die mit dem Erlös aus dem Milchverkauf ihre Familien versorgen.

 


Sehen Sie hier die animierte Bildergeschichte auf Youtube:

 

Der renommierte Fotograf Christian Bobst und Biovision-Projektreporter Peter Lüthi haben im Oktober 2021 die am Projekt beteiligte «Galesa Self Help Group», in Kula Mawe und Isiolo besucht.
 


Aus dem Leben von...

In einer Lebenskrise schöpfte Nasibo Turo Kund als Teilnehmerin des Projektes «Kamele für Dürregebiete» neue Hoffnung. Heute kann sie für ihre Familie sorgen und das Schulgeld bezahlen – und ist stolz auf sich.

 

Befreiung aus der Armut: Nasibo Turo Kund besitzt heute einen eigenen Laden und erzielt Einkommen. (Photo: Christian Bobst / Biovision)

Von Peter Lüthi, Redaktor Biovision (Text) und Christian Bobst (Bild) 

Der kleine Schuppen mit vergitterter Fensteröffnung am Stadtrand von Isiolo Town steckt voller Überraschungen. In «Nasibos Grocery Shop & Butchery» ist von Waschmittel, Papeterieartikeln, Schmerztabletten und Pflaster über Kindergeschirr und Bonbons bis zu Gemüse, Kamelmilch und fleisch alles zu haben. Hinter der Verkaufstheke steht Nasibo Turo Kund, eine 30-jährige Borana-Frau. «Das Geschäft läuft nicht sehr gut im Moment», sagt sie. «Die Ferien sind vorbei und die Kundschaft muss sparen, um das Schulgeld zu bezahlen.» Unzufrieden sei sie deswegen aber nicht, im Gegenteil: «Ich bin stolz auf mich. Denn ich habe einen Job im eigenen Laden und ich kann alle Kinder zur Schule schicken.» Dafür reichen die Einnahmen, auch in schlechteren Zeiten wie jetzt gerade. Das ist nicht selbstverständlich für die alleinerziehende Mutter. Es hätte leicht anders kommen können, hatte sie doch kein einfaches Leben. Ihre Mutter starb, als sie 9 war, den Vater verlor sie mit 16. Sie fand Unterschlupf bei ihrer Grossmutter und konnte die Grundschule besuchen. Für die Oberstufe reichte das Geld nicht. Sie heiratete früh, aber ihr Mann zog weg und liess sie mit den vier Kindern sitzen. Die Armutsfalle schnappte zu.  

Ein Kamel bringt Hoffnung 

Doch Nasibo Turo Kund hatte Glück. Sie konnte die Vertretung ihrer 84-jährigen Grossmutter in der «Galesa Self Help Group» übernehmen, einem Zusammenschluss von Frauen und Männern aus besonders armutsgefährdeten Familien. Diese standen in Verbindung mit lokalen Vertreter:innen  von Vétérinaires Sans Frontières Suisse und Biovision. 2016 wurden sie ins Projekt «Kamele für Dürregebiete» involviert und erhielten fünf Mutterziegen zur Weiterzucht. Heute zählt die Herde der Familie Turo gut 30 Tiere, wobei Nasibo Turo Kund die weiblichen Zicklein für die Nachzucht behielt und die Böcke verkaufte. Den Erlös legte sie zur Seite und investierte in ihr eigenes Kioskprojekt. Weniger Glück hatte die Familie mit dem Kamel, das sie später ebenfalls vom Projekt erhielten. Zwar gebar die Stute zwei Kälber, aber beide verstarben. Immerhin gibt das Muttertier Milch, die im Kiosk auf gute Nachfrage stösst. Der Verkaufsrenner ist jedoch Kamelfleisch, das Nasibo Turo Kund in der Metzgerei zukauft. Pro Tag setzt sie etwa zwei Kilogramm ab und erzielt damit einen Gewinn von knapp 200 Kenia-Schilling (KES, rund Fr. 1.65). Dazu kommen je nach Saison und Regen Einnahmen von 500 bis 1000 KES für die Kamelmilch puls 800 bis 1000 KES aus dem weiteren Ladensortiment.  Ihr Tageserlös beträgt je nach Milchmenge etwa 2500 bis 3200 KES (Fr. 12.40 bis Fr. 16.50). Den grössten Gewinnanteil bringt die Kamelmilch.  

Selbständig und unabhängig  

«Nach Abzug aller Kosten für den Einkauf und den Lebensunterhalt bleibt kaum etwas übrig. Vor allem dann nicht, wenn der Regen ausbleibt und die Milchmenge zurückgeht. Dann kann es immer noch sehr knapp werden», meint die junge Frau. Dennoch ist sie mit ihrer Familie auch während extremen Trockenzeiten nicht mehr auf staatliche Nahrungsmittelhilfe angewiesen. «Ohne dieses Projekt hätte ich keine Chance gehabt», sagt sie und betont: «Besonders wichtig sind mir auch meine Selbständigkeit und Unabhängigkeit.»

Der Aufstieg von Nasibo Turo Kund begann mit 5 Mutterziegen und einer Dromedarstute. Ihre Einnahmen aus dem Milchverkauf investierte sie in einen Laden. (Photo: Christian Bobst / Biovision)