Nach dem Nein zu den Pestizid-Initiativen: Nun braucht es eine neue Dialogkultur

Vorerst gilt: Es darf weiter gespritzt werden. (Bild: iStock)

Von Daniel Langmeier, Politikberater Biovision

Heute Sonntag ging ein intensiver und emotionaler Abstimmungskampf zu Ende. Die grosse Überraschung blieb aus: Eine Mehrheit der Stimmberechtigten hat sowohl die Trinkwasser- wie auch die Pestizidverzichtsinitiative abgelehnt. Dennoch: Immerhin, rund 40 % der Abstimmenden haben die Initiativen – von einer Plakatkampagne bisher ungekannten Ausmasses als «extrem» gebrandmarkt – unterstützt. Und es darf davon ausgegangen werden, dass ein weitaus grösserer Teil der Bevölkerung zwar mit den vorgeschlagenen Lösungswegen nicht einverstanden war – aber mit den Initiantinnen und Initianten einig ist, dass es mit dem Pestizidgebrauch in der Schweiz so nicht weitergehen kann.

Seit rund 20 Jahren zeigt Biovision mit Entwicklungsprojekten in Ostafrika, wie eine nachhaltige Landwirtschaft in der Praxis funktioniert. Als Mitglied der Agrarallianz setzen wir uns auch in der Schweiz für eine stetige Verminderung des Einsatzes chemisch-synthetischer Pestizide ein.

Landwirtschaftspolitik in der Blockade

Die Biodiversitätskrise verlangt rasches Handeln, doch in den letzten Jahren gerieten die Fortschritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft ins Stocken. Anfang dieses Jahres entstand durch die Sistierung der Agrarpolitik 22+ des Bundesrates durch das Parlament gar eine regelrechte Blockade.

So begrüssten wir die Pestizid-Initiativen, die der Diskussion neuen Schub verliehen. Wir waren klar der Ansicht, dass eine allfällige Umsetzung eine grosse Herausforderung für die Bäuerinnen und Bauern dargestellt hätte, die wir nicht alleine ihnen hätten aufbürden dürfen. Alle Akteurinnen und Akteure des Ernährungssystems wären in der Verantwortung gestanden, von den Produzentinnen über die Konsumenten bis zu den Politikerinnen.

Die Lösungsvorschläge der Pestizid- und der Trinkwasserinitiative sind nun vom Tisch, die Herausforderungen sind es nicht. Den gemeinsamen Weg in Richtung eines nachhaltigen Ernährungssystems müssen wir nun umso entschlossener weitergehen, und zwar gemeinsam. Dabei können wir einige Erkenntnisse aus den letzten Monaten mitnehmen – zuallererst, dass es eine neue Dialogkultur braucht. Die Gräben, die der Abstimmungskampf aufgerissen hat, müssen nun dringend überwunden werden. Biovision wird die Bemühungen für ein besseres gegenseitiges Verständnis zwischen den verschiedenen Akteuren verstärken und das Ziel einer Transformation des Ernährungssystems konsequent weiterverfolgen.

Aufbau einer Ernährungspotlitik, getragen von der Bevölkerung

Zusammen mit der jungen Bewegung «Landwirtschaft mit Zukunft» (LMZ) haben wir letztes Jahr mit der Lancierung des Ernährungsparlaments einen demokratischen Prozess lanciert zur Gestaltung einer zukunftsgerichteten Ernährungspolitik. Diesen werden wir nun ausbauen und weitere Teile der schweizerischen Bevölkerung einbeziehen. Gleichzeitig arbeitet das Sustainable Development Solutions Network Switzerland (SDSN) – eine Netzwerkorganisation zur Umsetzung der UNO-Nachhaltigkeitsziele, beherbergt von Biovision und der Universität Bern – daran, einen Schweizer Ernährungsgipfel zu organisieren. Dieser soll an den UNO-Food-Systems-Summit anknüpfen und breit abgestützte Lösungen erarbeiten für ein Ernährungssystem mit Zukunft.