„Hier ist alles so gross“

Was erlebt die kenianische Biobäuerin Margaret Karanja auf einem biodynamischen Betrieb in der Schweiz? Wir haben sie bei ihrem Besuch durch die Bio-Betriebe der Stiftung Fintan in Rheinau begleitet.

Von Anna Steindl, Biovision

Dick und warm eingepackt treffen wir an diesem kalten Novembermorgen Martin Graf auf dem Klosterplatz. Der ehemalige Zürcher Justizdirektor und Agronom ist heute freier Berater der Stiftung Fintan und enger Partner von Martin Ott, dem Mitgründer von Fintan. Gekonnt begrüsst er Margaret und eine Delegation von Biovision auf Swahili. In den 80er Jahren verbrachte Graf vier Jahre in Tansania und engagiert sich dort noch heute in einem Maisanbauprojekt. Heute wird er aber Margaret begleiten und ihre Fragen beantworten.

Professionelle Saatgutproduktion

Die Züchtungsexpertin Noémi Uehlinger von Sativa zeigt Margaret zuerst die Freilandflächen für die Saatgutproduktion, die Abfüll-, Pack- und die Reinigungsstation. Margaret will alles ganz genau wissen und stellt viele Fragen: „Wieso stehen hier in der Eiseskälte noch einige Reste der Kohlpflanzen? Wie funktioniert die Überwinterung, damit die Pflanzen im kommenden Jahr Samen bilden? Und was passiert mit den Samen nach der Ernte?“. Für sie ist diese professionelle Art der Saatguterzeugung Neuland.

  • „Da Kohl zur Blütenbildung eine Kälteperiode benötigt, ist die Saatguterzeugung dieser Gemüseart in Kenia leider nicht möglich“, erklärt Noémie.
  • Die Auswahl an Biosaatgut ist riesig. Sauber verpackt und sortiert warten die Samen auf die Aussaat und Vermehrung durch private und professionelle Bio-GärtnerInnen.
  • In der Saatgutreinigungsstation werden gerade Karottensamen von Schmutz und Pflanzenresten befreit. Margaret staunt über die leistungsfähigen Maschinen.
  • Das Zwischenergebnis nach der Karottensamenreinigung sieht gut aus. „In meinem Gemüsegarten baue ich auch Karotten an“, erzählt Margaret begeistert.

Biodynamischen Landbau hautnah erleben

Unsere nächste Station ist ein Winterweizenacker der biodynamischen Schule Rheinau. Hier begleiten wir SchülerInnen mit ihrem Lehrer beim Praxisunterricht.

  • Ist die Saat gut aufgegangen? Welche Unkräuter stehen zwischen den kleinen Weizenpflanzen? Lehrer und SchülerInnen begutachten das Weizenfeld.
  • Margaret interessiert sich sehr für den Schweizer Ackerbau. „Zuhause bauen wir andere Feldfrüchte an und arbeiten mit Mischkulturen“, vergleicht sie.
  • Martin Graf übersetzt für Margaret alles Wissenswerte rund um den Weizenanbau nach Swahili. Hier erklärt er ihr, in welchem Stadium sich die kleine Pflanze befindet.
  • „Alles ist so gross - die Felder, die Höfe und die Tiere“, staunt Margaret. Daheim bewirtschaftet Margarete etwa 1 ha Land.

Besichtigung des Guts Rheinau GmbH

Durch die Weinbau-Terrassen des Guts Rheinau führt uns anschliessend Markus Gödel. Hier bietet Fintan auch geschützte Arbeitsplätze für Menschen mit Beeinträchtigung an. „Durch den Terrassenweinbau, der im Jahr 2000 angelegt wurde, ist die Arbeit leichter geworden“, erläutert Markus Gödel. Pro Jahr werden etwa 25 000 Flaschen Weiss- und Rotwein in Bioqualität produziert. Margaret stellt sich vor, nächstes Jahr ein Praktikum im Rebbau des Guts Rheinau zu absolvieren. Sie ist fasziniert und möchte gerne alles über den Weinanbau lernen.

  • Margaret würde auch gerne Trauben in ihrem Garten ziehen. Martin Graf rät ihr, mit verschiedenen Sorten zu experimentieren.
  • Einige wenige Trauben hängen nach der Ernte noch an den Rebstöcken – wir nutzen die Gelegenheit zur Kostprobe.
  • „Die Trauben schmecken sehr süss“, freut sich Margaret beim Kosten. Am liebsten würde sie den ganzen Tag im Weinberg verbringen.
  • „Beim Traubenkauf sollte man besser Bio wählen, da konventionelle Reben sehr intensiv mit chemischen Pflanzenschutzmitteln behandelt werden, betont Martin Graf“.

Wunderschön gelegen in der Rheinschlaufe liegt das vielseitig biologisch-dynamisch geführte Gut Rheinau. Von Gutsmitarbeiter Moritz Ehrismann erfährt Margaret, dass auf dem Hof an die 60 Freilandgemüse kultiviert, Kühe und Ziegen gehalten, Getreide angebaut, Obst und Honig erzeugt werden. Die Kühe sömmern jeweils auf einer Alp in Simmental. Dort wird ihre Milch zu feinem Käse und Butter verarbeitet.

  • Margaret freut sich, dass die Kühe so „natürlich“ gehalten werden. Die Kälber dürfen bei ihren Müttern bleiben. „Ich habe auch eine Kuh“, erzählt sie.
  • Die etwa 150 Kühe werden mit hofeigener Silage, Heu und Gras gefüttert. „Meine Kuh füttere ich mit Napier Gras und Mais“, vergleicht Margaret.
  • Nach dem ersten Frost entfaltet der Federkohl sein volles Aroma und kann geerntet werden. „Ich werde ihn auch in meinem Garten kultivieren“, nimmt sie sich vor.
  • Auch der Nüsslisalat ist für Margaret neu. Er wird in Kenia nicht angebaut. Im unbeheizten Gewächshaus sind die kleinen Pflanzen vor Schnee und eisigem Wind geschützt.
  • „I feel so good, I am so happy“, lacht Margaret vom Traktor herab. Die pensionierte Lehrerin ist zu einer passionierten Bio-Bäuerin geworden.
  • Im Hofladen schenkt Martin Graf Margaret zwei Flaschen Biowein vom Betrieb. Neben Obst und Gemüse findet die Kundschaft dort frisches Brot, Eier, Wurst, Fleisch und Milchprodukte.

Am Ende der Führung ist Margaret begeistert. „Ich muss noch so viel lernen. Der Tag heute hat mir die Gelegenheit gegeben, viele wertvolle Informationen zur biologischen Landwirtschaft und Saatguterzeugung zu erhalten“, strahlt die Kenianerin. Martin Graf versichert sie beim Abschied, dass sie die Sativa-Samen die sie von ihm als Geschenk erhalten hat, in ihrem Garten aussäen wird. Wir freuen uns jetzt schon auf Bilder und Pflanzengeschichten aus Margaret Karanjas Biogarten.