«Wir brauchen Pioniere»

Markus Schwegler bewirtschaftet gemeinsam mit seiner Frau Claudia Meierhans den Katzhof. Sie setzen in ihrem biologischen Landwirtschaftsbetrieb verschiedene Grundsätze der Agrarökologie um. Im Interview erklärt uns Markus Schwegler, warum ihm Teilhabe und Dialog so wichtig sind und wie ihm eine naturnahe Landwirtschaft und Produktion mit verringertem ökologischem Fussabdruck gelingt.

 

  • Der Katzhof bietet auch Raum für Kunst, wie hier von Walter Mangold. (Bild: Margarete Sotier)
  • Nach drei Jahren Gemüsebau wird die Fläche mit Grünland rotiert, damit sich der Boden erholen kann. (Bild: Margarete Sotier)
  • (Bild: Margarete Sotier)
  • (Bild: Margarete Sotier)

Interview: Margarete Sotier, Biovision

Markus, ihr habt den Hof 2015 von deinen Schwiegereltern übernommen, die ihn konventionell bewirtschaftet haben. Was war der Auslöser, auf biologische Landwirtschaft umzustellen?

Markus Schwegler (MS): Es war unsere wichtigste Voraussetzung für die Hofübernahme. Ich war vorher zwölf Jahre im Sozialbereich tätig und wollte mehr im Freien arbeiten. Als meine Frau und ich die Ausbildung „Landwirtschaft im Nebenerwerb“ gemacht haben, wurden wir mit vielen Fragen ethischer und gesellschaftlicher Natur konfrontiert. Uns war klar, dass wir eine Verantwortung haben, die wir mit dem Hof wahrnehmen können. Darum wollten wir auf biologische Produktion umstellen. Und wir wechselten von Milchvieh- auf Mutterkuhhaltung. Diese Dinge haben dann alle folgenden Veränderungen vorangetrieben. Schliesslich hat uns auch ein Lehrgang zum Thema solidarische Landwirtschaft sehr viele Impulse gegeben.

Es gibt viele landwirtschaftliche Konzepte: von regenerativer Landwirtschaft über Permakultur bis hin zu Agroforstsystemen. Woran orientierst du dich?

MS: Ich bin da sehr offen. Die Ideen, die mir zusagen, nehme ich auf und setze sie um. Auch wenn in meinem Fall die biodynamische Ausbildung die Grundlage ist, möchte ich mich von verschiedenen Ansätzen und Ideen inspirieren lassen und sie ausprobieren. Es gibt den Begriff der “aufbauenden Landwirtschaft”, der mir sehr gefällt. Hier spielen neben den agronomischen auch die sozialen Aspekte eine wichtige Rolle. Die Arbeitsumgebung zum Beispiel sollte aufbauend und positiv sein. Ob diese Umgebung dann regenerativ, permakulturell, ökologisch oder biologisch geprägt ist, spielt für mich keine grosse Rolle. Es sollte einfach anders als die industrielle Landwirtschaft sein, die ich als „abbauende Landwirtschaft“ bezeichnen würde. Dort verdienen vor allem die Agrokonzerne Geld, während die Bauern und Bäuerinnen häufig für ein nicht existenzsicherndes Einkommen arbeiten. Davon müssen wir unbedingt wegkommen. Stattdessen brauchen wir Pioniere, die sich trauen, neue Wege zu gehen. 

Es gibt 13 agrarökologische Prinzipien. Könntest du uns kurz erläutern, was die Prinzipien im Alltag auf dem Feld für dich bedeuten und inwiefern du sie umsetzt?
 

1. Kreisläufe schliessen

MS: Wir bemühen uns, dass unsere drei Betriebszweige (Ackerkulturen, Gemüseproduktion, Mutterkuhhaltung) möglichst ineinandergreifen und als geschlossener Kreislauf funktionieren. Das heisst zum Beispiel: Die Kühe geben uns Mist als Ergänzung zu den pflanzlichen Überresten, aus denen ich Kompost mache. Damit produziere ich hochwertigen Biodünger, der sehr gut ist für die Böden wie auch für die Gemüse- und Ackerkulturen. Gleichzeitig helfen die Kühe mit, die Landschaft zu pflegen.

3. Bodengesundheit

MS: Das ist die Grundlage für jegliches Wachstum. Diesen Aspekt gilt es permanent zu beachten. Zum Beispiel fahre ich nicht unmittelbar nach dem Regen mit den Maschinen über die Felder. Denn mit einer unpassenden Überfahrt auf nassem Boden könnte ich jahrelange Aufbauarbeit zerstören. Wichtig ist mir, möglichst wenig Fläche zu öffnen und stattdessen möglichst viel bewachsen und durchwurzelt zu lassen.

5. Biodiversität

MS: Ganzheitlich zu denken und zu produzieren heisst, darauf zu achten, dass die Biodiversität möglichst erhalten oder gar aufgewertet wird. Das beeinflusst auch die anspruchsvolle Nützlings- und Schädlingsthematik sowie die Gesundheit von Acker-, Gemüse- und Obstkulturen. So bleiben wir ziemlich entspannt, wenn es viele Marienkäfer gibt. Wir lassen dann jeweils auch Pflanzen stehen (v.a. Beikraut), die von Läusen befallen sind, weil diese wiederum das bevorzugte Futter für Marienkäfer sind. Das Zusammenspiel zwischen Tieren und Pflanzen ist für mich wichtig und ein Beitrag zur Biodiversität.

7. Vielfältiger Betrieb

MS: Das ist die Zukunft der Landwirtschaft. Es bedeutet kleinräumige, diversifizierte Betriebe; dies setzt jedoch voraus, dass mehr Menschen in der Landwirtschaft tätig sind. Unser Gemüsebau zum Beispiel ist zu klein, um ihn vollständig zu mechanisieren. Wir benötigen viele Hände für die Pflege. Das hat auch einen grossen Einfluss auf die Energiefrage: Die Handarbeit ist die einzige Arbeitsform, die eine ausgeglichene Energiebilanz aufweist. Die Schwierigkeit besteht darin, all diese Arbeitskräfte angemessen zu entlohnen, da das Lohnniveau in der Schweiz sehr hoch ist. Deshalb sind wir dankbar für unsere solidarischen Helfer:innen.

9. Ernährungsgewohnheiten anpassen

MS: Ich bin davon überzeugt, dass das Angebot die Nachfrage steuert. Deshalb fände ich es sinnvoll, die Auswahl an Produkten zu lokalisieren und zu ökologisieren. Das ist eine politische sowie gesellschaftliche Aufgabe. Ich zum Beispiel esse seit zehn Jahren kein Fleisch mehr, obwohl ich selbst Fleisch produziere. Ich möchte wenigstens den Konsument:innen Fleisch bieten, das nach biologischen Standards produziert wird. Das Fleisch verkaufen wir direkt ab Hof. Generell finde ich, dass man den Fleischkonsum weiter reduzieren und auf gute Qualität und Lebensbedingungen der Tiere achten sollte.

11. Einbindung Produktion und Konsum

MS: Mit der solidarischen Landwirtschaft möchten wir das Konzept des “Prosument:innen” verwirklichen, d.h. jemand, der zugleich Produzent:in und Verbraucher:in ist. Wichtig sind uns hier die drei Grundsätze: Zusammenarbeit, Freiwilligkeit und Vertrauen.  In unserer solidarischen Landwirtschaft arbeiten also alle freiwillig mit. So stärken wir das gegenseitige Verständnis zwischen uns und den Konsument:innen. Das funktioniert jedoch nur mit einem hohen Mass an Selbstverantwortung. Wenn Dinge aufgezwungen werden, wird dieses Ziel langfristig wahrscheinlich nicht erreicht.

13. Partizipation

MS: Das umfasst alle Elemente der solidarischen Landwirtschaft. Da geht es etwa darum, dass alle Beteiligten mitarbeiten, mitdenken und mitentscheiden. Wir haben ein grosses Netzwerk von Unterstützenden. Dadurch entsteht ein wertvoller und anregender Austausch. Das Verständnis für die Landwirtschaft ist zentral. Wir haben zum Beispiel diese tolle Rückmeldung von einer Familie bekommen: die Kinder haben plötzlich begonnen, Gemüse zu essen, weil sie wussten, woher es kommt und wie es wächst. Sie begannen Zusammenhänge zu verstehen und haben eine höhere Wertschätzung gegenüber den Lebensmitteln entwickelt. Genau dies ist die Voraussetzung, damit die Menschen beginnen, ihr Verhalten zu hinterfragen und auch zu verändern.