Boden, das unbekannte Ökosystem

Der Boden unter unseren Füssen bildet die Basis für Leben, unsere Nahrungsmittelproduktion und die Biodiversität. Das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung dieser zentralen Ressource ist jedoch noch sehr gering. Deshalb widmen wir dem Boden dieses Dossier auf unserer Webseite.


Anna Schöpfer, Projektleiterin beim Programm Schweiz, stellt im Video die Bedeutung von gesunden, fruchtbaren Böden vor und verrät, was die Geräusche aus dem Boden uns verraten.





Unser Leben hängt vom Boden ab

Verkannt und mit Füssen getreten, fristet der Boden ein Schattendasein. Dabei hängt unser Leben von ihm ab: Als leidenschaftlicher Hobbygärtner erfahre ich immer wieder, wie der Boden Nahrung hervorbringt, aber auch wichtige Kreisläufe von Nährstoffen, Wasser und Kohlenstoff in Gang hält. Wie lebhaft es dort zu- und hergeht, lässt sich mit den Bodenmikrofonen des Biovision-Projekts Sounding Soil gar mit den eigenen Ohren erfahren. 

Die lebenserhaltenden Funktionen des Bodens sind weltweit gefährdet – durch den Gebrauch von Agrochemikalien, Erosion, Übernutzung und Überbauung. Es braucht dringend einen Wandel hin zu einer nachhaltigen Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen: um die Ernährung künftiger Generationen zu sichern, aber auch, um das Potenzial des Bodens in der Bekämpfung des Klimawandels zu nutzen. Denn der dadurch geförderte Aufbau von Humus im Boden bindet beträchtliche Mengen an CO2, die so der Atmosphäre entzogen werden. Gleichzeitig kann ein humusreicher Boden bei Starkregen mehr Wasser aufnehmen und Feuchtigkeit in Trockenzeiten länger speichern. 

Gerade für Bäuerinnen und Bauern in Sub-sahara-Afrika sind Erhalt und Förderung der Bodenfruchtbarkeit überlebenswichtig. Mit cleveren Methoden können sie gute Erträge und Einkommen ohne Agrochemikalien und Bodenschädigung erzielen. Nachhaltige Bodennutzung ist die Grundlage einer nachhaltigen Entwicklung – in Afrika, in der Schweiz und weltweit!

Herzlich, Ihr Frank Eyhorn, Geschäftsleiter Biovision




Boden kurz erklärt

Der Boden ist die belebte oberste Schicht der Erdkruste, die wenige Zentimeter bis Meter dick sein kann. Für die Entstehung von 1 Meter Boden vergehen rund 10‘000 – 20‘000 Jahre. In unseren Breitengraden wird etwa 0,1 mm neuer Boden pro Jahr gebildet. Die oberste Bodenschicht besteht aus Humus, der durch die Zersetzung und Verwitterung von Pflanzenrückständen entsteht und besonders reich an Nährstoffen ist.

»» Vertiefende Informationen: «Untergrund: das unsichtbare Ökosystem», Bodenatlas 2015

 

Legende:
1. 0–35 cm: ehemals mehrere Meter dicke Torfschicht. Durch Juragewässerkorrektionen (ab 1834) entwässert, gesackt und zu einer dicht gelagerten, oxidierten (schwarzen) Bodenschicht abgebaut.
Zeit: ca. letzte 2000 Jahre

2. 35–ca. 40 cm: Das Gebiet wurde überflutet, es hat sich eine nicht durchgehende Seekreideschicht gebildet.
Zeit: ca. 300–100 Jahre v. Chr.

3. 40–53 cm: entwässerte, dicht gelagerte Torfschicht.
Zeit: ca. 1000 Jahre v. Chr.

4. 52– ca. 55 cm: Seekreideschicht durch Überflutung.
Zeit: ca. 1500 Jahre v. Chr.

5. 55–75 cm: Eine mitteldicht gelagerte, im oberen Teil lehmhaltige Torfschicht hat sich während einer trockeneren Periode gebildet.
Zeit: 2000–3000 Jahre v. Chr.

6. 75–95 cm: Seekreideschicht aus Überflutung in der späten Jungsteinzeit.
Zeit: 3000–4000 Jahre v. Chr.

7. 95–140 cm: nicht entwässerte, locker gelagerte, braune (nicht oxidierte) Torfschicht.
Zeit: 4000–7000 Jahre v. Chr.

8. Ab 140 cm Tiefe: Eine Seekreideschicht mit konserviertem Föhrenstamm weist darauf hin, dass das Gebiet vor 7000–12000 Jahren überflutet war.
Zeit: 7000–12'000 v. Chr.

(Quelle: BAFU, Bodenprofil: Moritz Müller, SHL/Montage: R. Schürmann)



Vielfältige Funktionen

Gesunden Böden kommt eine Schlüsselfunktion zu, weil sie unverzichtbare Leistungen erbringen: Bodenökosysteme filtrieren, speichern und regulieren Wasser, bieten Lebensraum für unzählige Bodenorganismen, stellen Nährstoffe für Pflanzen zur Verfügung und sind zudem in der Lage, toxische Stoffe abzubauen und CO2 zu speichern.

Der Begriff Bodenfunktionen umschreibt die Fähigkeiten des Bodens, Leistungen für Mensch und Umwelt zu erbringen. Im Einklang mit den international gebräuchlichen Definitionen werden folgende Bodenfunktionen unterschieden:

  • Archiv: Der Boden bewahrt Informationen und Gegenstände aus der Natur- und Kulturgeschichte auf. 
  • Träger: Der Boden trägt ganze Siedlungen und dient als Baugrund, etwa für Infrastrukturen. 
  • Rohstoff: Aus dem Boden lassen sich Baumaterialien wie Kies oder Lehm gewinnen. Auch das vom Boden gefilterte Trinkwasser und die Wärme aus dem Untergrund stellen wertvolle Rohstoffe dar. 
  • Lebensraum: Der Boden dient unzähligen Organismen als Lebensgrundlage und trägt so dazu bei, die unterschiedlichsten Ökosysteme, zahllose Tier- und Pflanzenarten sowie die genetische Vielfalt zu erhalten. 
  • Regulierung: Der Boden wirkt als Filter, Puffer oder Speicher und reguliert dadurch Wasser-, Stoff- und Energiekreisläufe. Dabei werden organische Materialien abgebaut, umgewandelt und den Pflanzen wieder als Nährstoffe zur Verfügung gestellt. 
  • Produktion: Der Boden liefert die nötigen Bedingungen und Nährstoffe für die Produktion von Biomasse.

»»Vertiefende Informationen: Nationales Kompetenzzentrum Boden von Bund und Kantonen




Was unsere Böden in Gefahr bringt

Bild: Biovision/M. Grobelska, Unsplash

Der Verlust von gesundem Boden hat in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen. Die Gründe sind vielfältig (vgl. Grafik). In den Jahren 1983 bis 2009 gingen jede Sekunde 1,1 m2 Kulturland verloren. Dies entspricht in etwa 85'000 ha - der Fläche des Kantons Jura. Und in den folgenden zehn Jahren verschwanden davon noch einmal ca. 29'800 ha, also etwa die Fläche des Kantons Schaffhausen. Besonders die intensive Forst- und Landwirtschaft macht unseren Böden zu schaffen. Monokulturen, mineralische Dünger, synthetische Pestizide und der häufige Einsatz schwerer Maschinen können das Bodengefüge zerstören, laugen die Böden aus und vergiften das natürliche Ökosystem. Auch die Auswirkungen des Klimawandels spüren wir bereits heute. Unwetter und Überschwemmungen nehmen von Jahr zu Jahr zu. Fruchtbare Böden erodieren zunehmend, was sich auch in kleiner werdenden Ernteerträgen widerspiegelt. Allein in der Schweiz gehen jedes Jahr 840’000 t Boden buchstäblich den Bach runter. Und nicht zuletzt verlangt unser Konsumverhalten dem Boden einiges ab. Der steigende Fleischkonsum und das vermeidbare Wegwerfen von Nahrungsmitteln (Food Waste) verschlingen wertvolle Landflächen, die oft viel effizienter und nachhaltiger genutzt werden könnten.

»»Vertiefende Informationen: «Beweisstück Unterhose», Sensibilisierungsprojekt der Uni Zürich und Agroscope




Boden und Landwirtschaft

Fruchtbarer Boden ist die Basis jeder landwirtschaftlichen Produktion. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL in Frick (CH/AG) vergleicht deshalb wissenschaftlich seit 1978 biologische und konventionelle Ackerbaumethoden. Dabei untersuchen sie gezielt die Entwicklung der Bodenfruchtbarkeit und der Biodiversität.  Dank der langen Laufzeit des Versuches sind heute Auswirkungen der unterschiedlichen Bewirtschaftungsverfahren auf den Boden erkennbar: Im biologisch-dynamischen Verfahren war der Gehalt an organischer Substanz (Humus) über die ersten 21 Jahre stabil - in allen anderen Verfahren nahm er ab. Weiter stellte sich heraus, dass beispielsweise in den biologisch bewirtschafteten Versuchsparzellen 25 Prozent mehr kleinster Bodenlebewesen vorkommen und die Bodenfruchtbarkeit langfristig höher ist als auf den konventionell bewirtschafteten Parzellen. Die Pflanzen in den biologisch bewirtschafteten Parzellen sind mehr mit Mykorrhiza (Wurzelpilzen) kolonisiert als in den konventionellen Parzellen, und es sind mehr verschiedene Mykorrhiza-Arten beteiligt (höhere Biodiversität).

»»Vertiefende Informationen: «Langzeit-Feldversuch», Vergleich biologische und konventionelle Anbausysteme, FiBL




Boden und Klimawandel

Nach den Ozeanen sind die Böden der grösste Kohlenstoffspeicher, aber auch eine der wichtigsten natürlichen Quellen für Kohlenstoffdioxid. Im Boden ist mehr als doppelt so viel Kohlenstoff gebunden, wie CO2 in der Atmosphäre herumfliegt. Kohlenstoff gelangt über abgestorbene Pflanzenreste und Bodenorganismen in den Boden.
Biologisch bewirtschaftete Böden geben weniger klimaschädliches Lachgas ab als konventionell bewirtschaftete Äcker. Die vielfältigeren und aktiveren Mikroorganismen in den Bioböden können zu einer besseren Anpassungsfähigkeit der Biokulturen an klimatisch bedingte Stresssituationen beitragen. Durch schonende Bodenpflege und Humuswirtschaft (siehe «Ackern ohne Pflug: gut für Boden und Klima») können Biobetriebe den im Boden gespeicherten Kohlenstoff erhalten und steigern. (Quelle: Klimafaktenblatt, Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL, Frick CH/AG)

»»Vertiefende Informationen: «Boden und Klimawandel», Faktenblatt des «Cercle Sol», der Vereinigung der Bodenschutzfachleute der Kantone, des Bundes und des Fürstentums Lichtenstein




Was kann ich selbst tun zum Schutz von Böden?

In unserem alltäglichen Leben können wir durch unser Verhalten dazu beitragen, den Boden zu erhalten und zu schützen. Werfen Sie zum Beispiel niemals Abfall ins Gras oder auf die Strasse. Auch als Konsumentin oder Konsument bestimmen Sie durch ihr Kaufverhalten mit, dass sich eine nachhaltige Landwirtschaft, die bodenschonend produziert, durchsetzen kann: saisonale und regionale Produkte, möglichst aus biologischem Anbau bevorzugen und auch öfters mal auf Fleisch verzichten. Mehr zu nachhaltigem Einkaufen

Weitere praktische Tipps haben wir für Sie bei einem Besuch des Agrarmuseums Burgrain gefunden, die wir hier gerne teilen:

 

1. Unterstütze Organisationen, die sich gegen Zersiedelung und für den Landschaftsschutz einsetzen!


Vorteile:

  • Haushälterischer Umgang mit dem Boden
  • Minimierung des Bodenverbrauchs und Nutzung des Siedlungsgebietes in qualitativ hochstehender Form
  • Schutz der Kulturlandschaften

»» Hier findest du viele Themen rund um Zersiedelung und Raumplanung: 
www.agridea.ch (netzwerk-raumplanung CH)

 

2. Lege einen Kompost an!


Vorteile:

  • Du wandelst mit wenig Aufwand Küchen- und Grünabfälle in wertvollen Humus um
  • Du verringerst deine Abfallmenge relevant
  • Du schaffst Dünger für Pflanzen, Garten und Rasen

»» Hier findest du wertvolle Tipps zum Anlegen eines eigenen Kompostes: 
«Kompostieren im Garten», Merkblatt Kanton GR 
 

3. Kaufe für Zimmerpflanzen, Blumenkisten und Gartenbeete nur torffreie Erde!


Vorteile:

  • Du schützt weltweit die torfhaltigen Moorböden
  • Damit hilfst du, dass sie ihre wichtige Funktion als CO2-Speicher wahrnehmen können.
  • Du tust etwas Wichtiges gegen den Klimawandel.

»» Hier findest du Informationen, wie du mit torffreier Erde gärtnern kannst: 
Dossier «Torffrei gärtnern», Bundesamts für Umweltschutz BAFU
 

4. Verwende keine Pflanzenschutzmittel in deinem Garten!


Vorteile:

  • Schutz von Gewässern, Pflanzen, Insekten und Vögeln
  • Schaffung eines lebendigen Gartens mit hoher Biodiversität
  • Besuche Kurse in ökologischem Gartenbau

»» Hier findest du viele Anregungen zu einem pestizidfreien Garten: 




Sounding Soil: In den Boden hinein hören

In einem gesunden Boden leben viele unterschiedliche Pflanzen, Tiere und Pilze. Sounding Soil macht das Leben unter unseren Füssen hörbar.

Eine wichtige Voraussetzung für den besseren Schutz unserer Böden ist eine erhöhte Sensibilisierung der Öffentlichkeit auf die Probleme (siehe «Was unsere Böden in Gefahr bringt»). Oft nehmen wir den Boden zu unseren Füssen nicht bewusst wahr – er ist einfach da und wir betrachten und behandeln ihn als lebloses Material. Mit «Sounding Soil» gibt Biovision dem Boden seit 2018 eine Stimme und macht das Leben im Boden sinnlich erfahrbar. Sounding Soil holt die Geräusche aus dem Boden an die Oberfläche und macht das Leben und die Prozesse im Boden erlebbar. Das Bewusstsein für dieses komplexe und ungemein wichtige Ökosystem wird so gestärkt.

In den Tonaufnahmen von Sounding Soil sind Bodentiere wie Springschwänze, Milben, Hundertfüsser, Käfer, Asseln, Fliegenlarven, Regenwürmer, Spinnen, Heuschrecken und Zikaden zu hören. Die meisten Bodentiere machen Geräusche, wenn sie sich durch den Boden bewegen oder fressen. Einige nutzen den Boden aber auch, um miteinander zu kommunizieren. Die Tonaufnahmen der Böden sind Teil einer Soundinstallation, einer interaktiven Landkarte im Internet mit verschiedenen Bodenaufnahmen aus der Schweiz («Soundmap») und von Sensibilisierungsaktivitäten.




Mehr zum Thema Boden im Internet


Webseiten und Publikationen aus der Schweiz

Internationale Webseiten

Für Kinder/Schüler:innen




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