«Das Essen geht uns alle an» – Lösungen für eine Zukunft ohne synthetische Pestizide

Dieses Jahr fand der Anlass im Landhaus Solothurn leider ohne Publikum vor Ort statt, wurde dafür aber mit einer professionellen Live-Show an über 650 Teilnehmende übertragen (Hier geht es zur Aufnahme). Die Bühnengäste gingen umweltverträglichen Alternativen auf die Spur und zeigten auf, was wir als einzelne Personen tun können und bei welchen Hebeln wir ansetzen müssen, um den Wandel anzustossen.

 

Daniel Langmeier, Regula Bolliger-Flury und Lucius Tamm (v.l.n.r.) im Podiumsgespräch.

von Margarete Sotier, Biovision

In der Schweiz besteht bereits vielerorts ein Bewusstsein für die Schädlichkeit von Pestiziden. In Kenia sind die Folgen dagegen noch oft unbekannt. Initiativen wie «Route to Food» setzen sich mit Aufklärungsarbeit dafür ein, den Gebrauch giftiger Pestizide zu minimieren und über die Schädlichkeit chemisch-synthetischer Mittel aufzuklären.

Dass Pestizide einen negativen Einfluss auf die Umwelt und verheerende Folgen für die Gesundheit von Bäuerinnen in Uganda haben, bestätigt Dr. Philipp Staudacher. Im Rahmen seiner Forschungsarbeit in Uganda fand er heraus, dass bei vielen Bauern hohe Pestizid-Belastungen im Blut nachgewiesen wurden. Dies ist deshalb der Fall, weil viele Kleinbauern in Uganda – anders als in der Schweiz – Pestizide mittels einer so genannten Rückenspritze und meist ohne jegliche Schutzkleidung ausbringen. So findet man etwa weder Masken noch Schutzbrillen in den lokalen Läden. Weiter beschreibt Philipp Staudacher, dass viele Bäuerinnen und Bauern, die durch eine Aus- oder Weiterbildung über die gesundheitlichen Folgen aufgeklärt worden sind, zu biologischen Anbaumethoden wechselten

Deshalb setztsich der Wissenschaftlerunter anderem dafür ein, dass die Vertreiber der chemisch-synthetischen Pestizide in den so genannten Agro-Vet-Shops die Bauern über die Risiken durch den Einsatz der Mittel aufklären. Die Verkäufer kennen die Schädlichkeit der Inhaltsstoffe oft selbst nicht und empfehlen effektive und schnell wirksame Pestizide, die häufig besonders gesundheits- und umweltschädlich sind. Mit seinem Team will Staudacher deshalb regionale und kostengünstige Aus- und Weiterbildungen für Verkäuferinnen und Anwender etablieren, in welchen nicht nur über die Folgen des Pestizideinsatzes aufgeklärt wird, sondern auch ökologische Alternativen aufgezeigt werden.

«Das Konsumverhalten der Menschen ist absolut entscheidend. Wenn man auf eine nachhaltige Welternährung schaut, dann wird es nicht funktionieren, wenn alle Menschen in dem Masse weiter Fleisch und tierische Produkte konsumieren. Das geht einfach nicht auf – wenn dabei gleichzeitig die Landwirtschaft nachhaltig sein soll.»
Lucius Tamm, FiBL-Direktor

Verkäufer chemisch-synthetischer Pestizide in einem Agro-Vet-Shop in Kenia (Foto: Curdin Brugger)

Arbeiten mit der Natur statt gegen sie – für höhere Erträge und mehr Gewinne

Seit 2019 unterstützt Biovision in Kenia ein Projekt, das auf die integrierte Schädlingskontrolle (Integrated Pest Management) setzt – ein umweltfreundliches Massnahmenpaket, das ohne schädliche Pestizide auskommt. Die Mangobäuerinnen und -bauern hatten jahrelang grossflächig Pestizide verspritzt, um den Fruchtfliegen Herr zu werden, die ihre Ernten verkleinerten und für den Export unbrauchbar machten. Die Insektizide wirkten nach kurzer Zeit nicht mehr, da die Fruchtfliegen Resistenzen gebildet und auch die Nützlinge getötet hatten. Durch integrierte Massnahmen, die Biovision gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen und den Mangogärtnerinnen entwickelte, werden bis heute die Fruchtfliegen erfolgreich unter Kontrolle gehalten. Die Mangobauern gewannen durch die Massnahmen nicht nur ihr Einkommen zurück, sondern konnten die Erträge und den Absatz um fast ein Drittel steigern und den Verkaufspreis um 65% erhöhen. Entscheidend für den Erfolg der ökologischen Lösungen ist die Ganzheitlichkeit des Projektes.

Sechs Massnahmen, die im Mango-Projekt zur Bekämpfung der Fruchtfliegenplage in Mangogärten eingesetzt werden (Präsentation: Loredana Sorg)

Das Rezept: Mischkulturen, robuste Sorten und Mikroorganismen

Lucius Tamm, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), zeigte in seinem Vortrag verschiedene ökologische Lösungen auf, die sich auf Schweizer Feldern bereits bewährt haben. Eine davon ist der Einsatz resistenter Sorten. Diese können den Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide überflüssig machen, da sie weniger anfällig für Schädlinge oder Krankheiten sind.

Lucius Tamm sieht ebenfalls viel Potential im «Smart Farming» – in einer Landwirtschaft mit Mischkulturen, welche die Biodiversitätspotentiale voll ausschöpft. Dort könnten auch Begleitpflanzen in die Kulturen eingepflegt werden, die Nützlinge fördern.

«Die Landwirtschaft muss klimaneutral werden. Wir [als FiBL] wollen die Biodiversität fördern, wir müssen Ressourcen wie unser Trinkwasser schützen und wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens, wie wir mit der Tierhaltung und auch der Konsumation von Fleisch und tierischen Produkten umgehen.»
Lucius Tamm, FiBL-Direktor

Doch um den Bioanbau weiterzubringen muss noch viel passieren. Auf die Frage, in welchem Bereich der biologischen Forschung es noch mehr Geld brauche, ist Lucius Tamms Fazit: «Überall, denn gerade bei biologischen Methoden wäre es wichtig, dass wir deutlich weiterkommen – und das möglichst rasch!» Ein wichtiger Schritt ist der Fokus auf die Forschung und Bereitstellung der entsprechenden finanziellen Mittel.

Es ist 5 vor 12

Die Probleme der Landwirtschaft, wie etwa der Biodiversitätsverlust, sind gravierend. Ein «Weiter-so-wie-bisher“ darf es nicht geben. Doch für eine Transformation braucht es Geld, Zeit und konkrete Handlungsempfehlungen. «Wenn mehr Konsumentinnen und Konsumenten nachhaltig produzierte Produkte kaufen, hat dies eine enorme Hebelwirkung», sagte Lucius Tamm. «Aber es braucht Begleitmassnahmen. Wenn man so genannte öffentliche Güter wie Biodiversität und Grundwasserschutz haben möchte, dann sind das gesamtgesellschaftliche Aufgaben. Man kann sie nicht nur einer Gruppe überlassen. Das wäre unfair und würde auch nicht ausreichen.»

Das sieht auch die Bio-Gemüsebäuerin Regula Bolliger-Flury so.Seit 35 Jahren betreibt sie mit ihrem Mann einen Hof nach biodynamischen Grundsätzen. «Wir alle müssen realisieren, dass es 5 vor 12 ist», warnt sie. «Die Politik muss Lösungen erarbeiten für die Transformation der Landwirtschaft – gemeinsam mit den Bäuerinnen und Bauern.»