Mit Kamelen gegen die Dürre

Der Klimawandel trifft die Viehhalter im trockenen Norden Kenias hart. Biovision fördert deshalb seit 2010 die Haltung der trockenheitsresistenen Kamele. Tausende von Menschen konnten bis heute vom Projekt profitieren – nun geht es darum, die Verantwortung für die Massnahmen der Bevölkerung zu übertragen.

 



«Die Kamelhaltung ist eine effektive Anpassung an den Klimawandel»


Simon Gottwalt, Programmverantwortlicher bei Biovision, begleitet seit 2017 das Projekt «Kamele für Dürregebiete». Er besucht die Region Isiolo im Norden Kenias und die lokalen Partner von VSF-Suisse regelmässig – zuletzt im Dezember 2018.

 

Simon, hast du bei deinem Projektbesuch etwas erlebt, was dich überrascht oder besonders berührt hat?

Ich konnte bei meinem letzten Trip die gesamte Milchstrasse bereisen, also den Weg der Kamelmilch von den Produzentinnen und Produzenten in den abgelegenen Trockengebieten bis zum Markt in der Hauptstadt Nairobi. Mitten in der Nacht fuhr ich mit dem von uns mitfinanzierten Milchlaster zum Eastleigh-Markt in Nairobi, wo die Milch verkauft wird. Auf den ersten Blick herrscht dort ein Riesenchaos – aber die Prozesse sind eingespielt, und zu meinem Erstaunen waren die 3000 Liter Milch innerhalb von Minuten mit Handkarren weiterverteilt.

Welches ist Dein persönliches Highlight des Projekts?

Als Naturwissenschaftler finde ich vor allem die innovativen Ansätze des Projekts spannend. Zum Beispiel wurde eine partizipative Tiergesundheits-Überwachung mit Smartphones zur Vorbeugung von Epidemien eingeführt. Diese «Community Disease Reporter» (Dorfgemeinschafts- Tiergesundheits-Überwacher) sind ein Novum für Kenia.

Warum ist das Projekt wichtig?

Pastorale Gebiete – also solche, in denen die Bevölkerung hauptsächlich von der Nutztierhaltung lebt –  sind in Afrika deutlich stärker von Armut und Hunger betroffen als Gegenden, in denen Ackerbau betrieben werden kann. Mit der Klimaerwärmung steigen die Temperaturen, und es kommt immer häufiger zu Dürreperioden. Die Kamelhaltung ist eine effektive Anpassung an den Klimawandel, und durch den Zugang zum Markt, die Verarbeitung der Kamelmilch sowie der besseren Tiergesundheit erhöht sich das Einkommen und die Ernährungssicherheit der Bevölkerung.

  • Porträt Mann
    «Kamele sind die Zukunft», sagt der erfahrene Hirte Benjamin Losusui. Sie sind viel robuster gegenüber Dürren als Rinder, Schafe und Ziegen.
  • Eine trockene Landschaft
    Warten auf den Regen: Landschaft bei Kula Mawe nördlich des Mount Kenya. «Kula Mawe» ist Swahili und bedeutet auf Deutsch «Esse Steine».
  • Eine Herde mit einem Jungen
    Die Haltung von Rindern, Ziegen und Schafen ist sehr verbreitet unter Nomaden und Halbnomaden. Das Vieh kann der Dürre ohne Wasser jedoch nur 2 bis 3 Tage widerstehen.
  • eine Viehherde
    Wo Regen fällt, sammeln sich die Hirten mit ihren Herden und konkurrieren um die knappen Weiden.
  • Landschaft mit Wolken
    Während der Regenzeit bilden sich erst dunkle Wolken. Die Niederschläge können sehr intensiv sein, fallen aber räumlich begrenzt aus.
  • Landschaft mit Bergen im Hintergrund
    Es braucht nur einmal Regen, und schon spriesst das erste Gras. Da die Humusschicht sehr dünn und die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens marginal ist, braucht es während der Regenzeit immer wieder Niederschläge, damit das Gras ausreichend wachsen kann.
  • Kamelherde
    Kamele können 14 Tage ohne Wasser auskommen und so während Dürren auch grosse Distanzen zwischen Wasserstellen überbrücken.
  • Kameljunges
    Nachwuchs in der Herde der Wabera-Gruppe, die sich am Kamelprojekt von Biovision beteiligt. Wenn die Herde auf die Weide zieht, bleiben die Fohlen im Lager. Sie werden in Gehegen aus Dornensträuchern gehalten, wo sie vor Hyänen und Löwen geschützt sind.
  • Kameljunges
    Im Biovision-Projekt geboren: sieben Tage altes Kamelfohlen.
  • Kameljunges trinkt bei der Mutter
    Die Fohlen dürfen zweimal pro Tag Milch Trinken.
  • Frau melkt Kamel
    Sobald das Fohlen seine Ration getrunken hat, wird die Stute von den Hirten ausgemolken.
  • Kamel wird gemolken
    Die Kamele der Wabera-Gruppe geben pro Tag 3 bis 7 Liter Milch. Kamelmilch ist sehr reich an Vitamin C und verdirbt in der Wärme weniger schnell als Kuhmilch.
  • Porträt Frau
    Die 25-jährige Amina Abdy aus Kula Mawe: «Mein Kamel macht mich stolz. Denn bisher war der Besitz von Kamelen den Männern vorbehalten».
  • Mann mit Kamel
    Muktar Ibrahim, Verantwortlicher für das Kamelprojekt beim VSF in Isiolo, sagt: «Wir geben die Dromedare jetzt nur noch an Leute ab, die zumindest ein kleines Einkommen haben, damit sie die Kosten für die Behirtung und die Gesundheitsbetreuung der Tiere tragen können.»
  • Kamelherde
    Kamele ernähren sich nicht nur von Gras, sondern auch von den Blättern der Dornensträucher. Diese sind auch dann verfügbar, wenn das Gras während der extremen Trockenzeiten verdorrt ist.

Wer konnte bisher davon profitieren?

Über 400 verarmte Pastoralistinnen und Pastoralisten erhielten ein Kamel und Schulungen zu deren Haltung. Für den Transport und die Weiterverarbeitung der Milch wurden mehrere Frauengruppen mit insgesamt 135 Kamelmilchhändlerinnen geschult, die nun täglich 3000 bis 5000 Liter Kamelmilch und Kamelmilchprodukte wie Joghurt verkaufen. 5000 Viehhalterinnen und Viehhalter erhielten Schulungen zu Tiergesundheit und weitere 20 000 Menschen profitieren von der verbesserten Überwachung durch die «Community Disease Reporter».

Inwiefern hat das Projekt einen positiven Effekt auf die Umwelt?

Der Wechsel auf Kamele ist eine Anpassungsmassnahme an den Klimawandel, die gleichzeitig dem Boden zu Gute kommt. Denn Kamele sind wesentlich besser an die lokalen Gegebenheiten angepasst als Rinder, und die weichen Füsse der Kamele hinterlassen fast keinen Abdruck auf dem Boden und schonen somit das von Degradierung betroffene Weideland.

Wo bestehen Herausforderungen?

Der Kamelmilch-Verkauf war bisher unklar reguliert. Neben den Produzenten, Händlerinnen und Konsumenten müssen deswegen in alle Aktivitäten eine Reihe von Behörden miteinbezogen werden – ein wahrer Dschungel von Zuständigkeiten! Kürzlich wurde jedoch ein Gesetz verabschiedet, welches Klarheit schaffen und die Qualität der verkauften Milch sicherstellen soll.

Wie stellst du sicher, dass die positiven Effekte des Projekts über das Projektende hinaus Bestand haben?

Das Projekt geht nun in die letzte Phase. Alle Kamelbesitzerinnen und -besitzer wurden in Produzentengruppen organisiert, um sich gegenseitig zu unterstützen. Diese Gruppen bekommen nun weitere Trainings und werden mit Veterinär- und Versicherungsdiensten verknüpft, damit sie eigenständig weiter Kamelmilch produzieren können. Die meisten Kamelherden sind allerdings bereits am wachsen, die Neu-Kamelbesitzer sind also auf gutem Weg. Für den Transport und die Verarbeitung der Milch wurden gezielt Kooperativen gestärkt – diese haben natürlicherweise ein grosses Interesse daran, ihre verbesserten Kapazitäten zur Ausweitung ihres Geschäfts zu nutzen. Die grösste Herausforderung stellt sicherlich die Übergabe des Tiergesundheits-Überwachungssystems dar. Hier muss die Lokalregierung von den Vorteilen überzeugt werden, damit sie die – wenn auch geringen – Kosten übernimmt und das partizipative System in das staatliche integriert.

Bleibt das Projekt auf die Region Isiolo beschränkt?

Nein: Projektbegleitend wird eine umfangreiche Wirkungsstudie durchgeführt. Die Ergebnisse werden dann auf nationaler und internationaler Ebene an Regierungen und andere Geldgeber weitergegeben, sodass diese von den Vorteilen der von Biovision durchgeführten Massnahmen überzeugt werden und auch Menschen in anderen Trockengebieten von den erfolgreichen Ansätzen profitieren können.


Interview: Florian Blumer, Redaktor Biovision

das ist ein Platzhalter