«Betty ist für mich die bessere Wahl»

Um die 600 Kinder haben unter den Händen von Betty Semwogerere das Licht der Welt erblickt. Wie geht die traditionelle Heilerin mit ihrer grossen Verantwortung um?

Fiona Nakakembo, Mbizzinya Village, Uganda: «Das Spital ist zu weit weg und zu teuer für mich.»

Von Peter Lüthi, Projektreporter

Betty Semwogerere weiss aus eigener Erfahrung, was es heisst, Kinder selbständig zur Welt zu bringen. «Eigentlich hatte ich einen Spitalaufenthalt geplant für die Geburt», erzählt die traditionelle Heilerin und Hebamme aus Mbizzinya Village im Mpigi­-Distrikt in Uganda. Aber sie war unterwegs als es losging – früher als erwartet. Ein Auto habe sich nicht organisieren lassen, und der Transport per Motorrad­-Taxi sei in ihrem Zustand keine Option gewesen. «Ich gebar Zwillinge – alles ging gut», sagt sie und lächelt.
 

Kooperation von Heilerin und Spital

Als Hebamme vermeidet Betty Semwogerere Zwillings-­Heimgeburten. «Ich kann nie sicher sein, ob die Lage der Babys im Bauch der Mutter stimmt und ob eine problemlose Niederkunft möglich ist», sagt sie. Erstgebärende betreue sie nur, wenn sie diese gut kenne. Und Frauen mit erhöhtem Risiko für Komplikationen weist sie weiter an die Klinik – das ist etwa die Hälfte ihrer Patientinnen. Aber es komme auch immer wieder vor, dass Schwangere von der Klinik an sie überwiesen würden, erzählt die Heilerin. Vor den Geburten steht sie mit den Ärzten der westlichen Medizin in regelmässigem Kontakt. Bei Unklarheiten oder Problemen zieht sie diese Fachleute bei oder begleitet ihre Patientinnen ins Spital.


Fundierte Ausbildung zur traditionellen Heilerin

Betty Semwogereres Werdegang zur Hebamme zeichnete sich früh ab. Bereits als 13-­Jährige half sie ihrer Mutter, die ebenfalls traditionelle Heilerin war. Seither habe sie wohl um die 600 Geburten begleitet, schätzt sie. Allerdings absolvierte sie inzwischen die mehrjährige Ausbildung zur Heilerin bei PROMETRA Uganda. Diese Non-­Profit­-Organisation hat sich der Bewahrung und Weiterentwicklung traditioneller Medizin und Kultur sowie von indigenem Wissen aus Afrika verpflichtet. Die NGO betreibt in Buyijja am Viktoriasee eine Waldschule für traditionelle Heilerinnen und Heiler. Diese wird seit 2012 von Biovision unterstützt und hat seither über 1500 Personen ausgebildet, mehr als zwei Drittel davon Frauen.


Vorbeugen und heilen

In Mbizzinya Village betreut Betty Semwogerere praktisch alle Frauen des Dorfes. So auch die vierfache Mutter Fiona Nakakembo. Sie ist heute mit ihrer jüngsten Tochter Shifuah für eine der regelmässigen Nachkontrollen gekommen. «Es war Betty, die mir meine Schwangerschaft mit Shifuah frühzeitig und eindeutig bestätigte», sagt sie. Die Heilerin verabreichte ihr zu Beginn ein einfaches Präparat, das nur aus einer Heilpflanze bestand. Je besser sie ihre neue Patientin kennenlernte, desto mehr verfeinerte sie die Mixturen. «Meine Medizin ist nicht nur zum Heilen von Krankheiten, sie wirkt auch prophylaktisch», erklärt Betty Semwogerere. Und ihre Patientin betont, dass die Medizinfrau alle ihre Schwangerschaftsprobleme lösen konnte. Aber warum wählte Fiona die traditionelle anstelle der westlichen Medizin? «Ich hätte gar keine andere Option gehabt, weil das Spital zu weit weg und für mich zu teuer ist», sagt sie. Und fügt an: «Ich bin aber überzeugt, dass Betty ohnehin die bessere Wahl ist für mich.»

  • Nach der Geburt ihrer jüngsten Tochter Shifuah bringt Fiona Nakakembo das Kind regelmässig zu Nachkontrollen bei der traditionellen Heilerin Betty Semwogerere.
  • Betty Semwogerere betreut praktisch alle Schwangeren im Dorf und hat bereits an die 600 Geburten begleitet.
  • Die Heilerinnen und Heiler im Mpigi-Distrikt (Uganda) ziehen in ihren Hausgärten sehr viele Medizinalpflanzen, die sie selber weiterverarbeiten.
  • Aus den Medizinalpflanzen stellen die Heilerinnen und Heiler Tees, Aufgüsse und Salben her, die sie für ihre Behandlungen einsetzen und an Patientinnen und Patienten abgeben.