Basler Schüler:innen horchen in den Boden

Im Rahmen des Angebots LERNfeld horchen Schülerinnen und Schüler mit Sounding-Soil-Mikrofonen in den Boden und lernen einen lebhaften Bodenbewohner kennen, der lebenswichtige Dienste für uns leistet.

 

Schülerinnen und Lehrer auf dem Bauernhof
Schule auf dem Bauernhof: Lia, Caya und Sibel suchen nach Würmern, ihr Lehrer Ruedi Küng
horcht in den Boden.

Von Florian Blumer, Redaktor (Text und Bild)

Heute ist nichts wie sonst, weder für die Schafe von Bauer Adrian Tobler noch für die Schülerinnen und Schüler der Sek II des Gymnasiums Leonhard in Basel. Der Bio- Unterricht findet unter freiem Himmel statt und die Tiere geniessen deshalb eine Aufmerksamkeit wie selten. «Jööö!» und «oooh!» klingt es aus dem Stall, von wo die Jugendlichen, wie ihr Lehrer klagt, kaum mehr wegzubringen sind. Tatsächlich ist es für viele von ihnen, wie sie später erzählen, nicht das erste, aber doch erst das zweite oder dritte Mal, dass sie auf einem Bauernhof sind.

Etwas verhaltener ist zunächst die Begeisterung für die anderen Bauernhofbewohnerinnen und -bewohner, die der eigentliche Grund des Besuchs sind. «Sin nid grad mini Lieblingstier», meint eine Schülerin diplomatisch, «Ich find’s so abartig!», klingt’s etwas entschiedener von der Kollegin. Die Rede ist von: Würmern. Genauer gesagt von Tiefgrabern, Flachgrabern und Streubewohnern. Die Klasse von Bio-Lehrer Ruedi Küng, die sich im zehnten Schuljahr befindet, ist heute im Rahmen des Angebots LERNfeld von GLOBE Schweiz auf dem Bauernhof Untere Wanne bei Liestal, BL, um etwas über das Bodenleben zu lernen. Ihre Aufgabe: die Würmer mit einer Senflösung aus dem Boden zu treiben, nach ökologischen Gruppen zu sortieren, zu wägen und zu zählen.

Von Ekel zu Begeisterung

Neben einem praktischen Einblick in wissenschaftliches Arbeiten geht es heute um eine Sensibilisierung dafür, wie wichtig ein gesunder Boden ist – und welche Rolle dabei die Würmer spielen. Bio-Lehrer Küng erklärt: «Tiefgraber hinterlassen Löcher, durch die Wasser und Luft in den Boden gelangt.» Beides wird im Boden gespeichert und Pflanzen dadurch mit Wasser und Sauerstoff versorgt. Zudem lagern die Tiefgraber C-haltigen Kot in tiefere Bodenschichten ab, was dem Klimawandel entgegenwirkt.

In Zweier- bis Dreiergruppen aufgeteilt, begleitet von der jungen Wissenschaftlerin Juliette Aymon, Lehrer Ruedi Küng und seinem Kollegen Andi Christ, bearbeiten die Schüler: innen jeweils ein Stück Boden von 0,25 m2 Fläche an verschiedenen Ecken des Hofs. Laura, mit einem frisch aufgelesenen Wurm in der Hand und einem Gesicht, als hätte sie gerade auf eine Zitrone gebissen, meint tapfer: «Ich muess mi dra gwöhne – denn goht’s scho.»

Laura ist nicht die einzige tapfere Schülerin an diesem sonnigen Frühlingstag Ende März. Auch in den anderen Grüppchen schlägt der Ekel bald in Begeisterung um. «Das isch sicher e Tiefgraber!», ruft eine Schülerin mit einem eben aufgenommenen Wurm zwischen den Fingern. Eine andere kommentiert die Bewegungen eines offensichtlich besonders groovigen Exemplars auf ihrer Handfläche: «Was isch das für eine! Dä het dr Raschter, dä macht Breakdance!»

Halb ironisch, halb ernst ruft ihr Lehrer dazwischen: «Könned ihr euch mit eurer Begeisterig bitte e bitz zruckhalte?!» Ruedi Küng sitzt wenige Meter entfernt mit Kopfhörern neben einem Aufnahmegerät und einem nadelförmigen Mikrofon, das er in den Boden gesteckt hat – es ist das Sounding-Soil-Bodenmikrofon von Biovision, designt, um den Tieren des Bodens zu lauschen. Neben der Untersuchung der Würmer ist dies der zweite Fokus des heutigen Nachmittags: in den Boden zu horchen um einen exklusiven Eindruck des Bodenlebens zu bekommen.

Bezüglich des akustischen Erlebnisses haben die Schüler:innen heute wenig Glück: Es hat seit Wochen nicht mehr geregnet, entsprechend trocken ist der Boden. Die Erdbewohner:innen, die sich sonst mit allerlei Geräuschen wie Schmatzen, Kratzen oder gar einer Art Hupen oder Motorengeräuschen bemerkbar machen, haben sich in tiefere Schichten zurückgezogen. Ausser einem gelegentlichen Knacken und Rauschen ist kaum etwas zu hören.

Die Klasse holt es kurz darauf im Schulzimmer nach, indem sie Aufnahmen aus dem Boden hört. Ruedi Küng stellte einen grossen «Gwunder» fest, woher die Geräusche kommen – und ein Erstaunen darüber, wie wenig man darüber weiss. Die Generation Smartphone sei sich gewohnt, dass ein Griff in die Hosentasche reicht, um alle Fragen zu beantworten. Dennoch: Die Schüler:innen nehmen jeweils viel mit vom Besuch auf dem Bauernhof. Dies bestätigt Bauer Adrian Tobler, der immer wieder Schulklassen empfängt. Er stelle fest, dass bei den Kenntnissen von Stadtkindern über die Nahrungsproduktion noch Luft nach oben sei: «Manche wissen knapp, woher die Milch kommt – andere nicht einmal das.»

Die Sek-II-Schüler:innen aus Basel wissen nun, dass es im Boden äusserst lebhaft zu- und hergeht. Und wenn auch die grosse Liebe eher zu den Schafen entflammt ist, so konnten sie doch eine wissenschaftliche Beziehung zu den Würmern aufbauen – und wissen nun etwa, dass sich nicht nur die Klimajugend, sondern auch die glitschigen Bodenbewohner gegen den Klimawandel einsetzen.