«Die Zeit für den Wandel ist jetzt»

Während der Nationalrat Mitte März die Strategie AP22+ für eine nachhaltigere Schweizer Landwirtschaft endgültig versenkte, tagte online die Zukunft unseres Ernährungssystems: das Ernährungsparlament. Wie weiter in der Ernährungspolitik? Das wollten wir von Projektleiterin Isabel Sommer und Daniel Langmeier, Mitorganisator und Biovision-Politikberater, wissen. 

 

Isabel Sommer, Projektleiterin des Ernährungsparlaments und Daniel Langmeier, Politikberater bei Biovision. (Bilder: ZVG)

Interview: Florian Blumer, Biovision

Isabel Sommer, im März tagte das Ernährungsparlament – online statt real. Dein Fazit?  

Isabel Sommer (IS): Wir sind sehr zufrieden. Ich hatte den Eindruck, dass der Austausch unter den gegebenen Umständen sehr gut funktionierte. Klar hätten wir den Anlass lieber gemeinsam vor Ort durchgeführt, aber es wurde ein sehr abwechslungsreicher Tag: Es gab viele Arbeiten in 2er- und 4er-Gruppen, darunter auch ein Dialogspaziergang, bei welchem zwei Teilnehmende physisch draussen unterwegs waren und über ihre Handys kommunizierten. 

War das nur eine Notlösung oder brachte die Online-Durchführung sogar Vorteile?  

IS: Es hat sich als Vorteil erwiesen, dass wir den theoretischen Input bereits vor dem Hauptanlass mittels Webinaren machen konnten (siehe Box unten). So hatten wir mehr Zeit für sowohl diese Inputs als auch die anschliessende Diskussion. Und wir öffneten die Webinare für weitere Interessentinnen und Interessenten – es gab bis zu 150 Anmeldungen pro Seminar. Der Kreis wurde so noch diverser und es fanden Diskussionen statt, die es sonst nicht gegeben hätte.

Daniel Langmeier, Du bist als Vertreter von Biovision beim Ernährungsparlament dabei und hast auch eine Session angeleitet. Wie hast Du die Tagung erlebt?  

Daniel Langmeier (DL): Auch für mich war der Sonntag höchst erfreulich. Ich durfte die Gruppe leiten, in der es um gesunde und nachhaltige Ernährung ging. Die Breite an unterschiedlichen Menschen, die daran teilnahmen, war enorm: Von der Ärztin über eine Frau, die gesunde regionale Lebensmittel vertreibt bis zu einer ehemaligen Büroangestellten, die jetzt als Erntehelferin arbeitet. Dank der Online-Durchführung mit den Webinaren haben sich diese Leute nun ein halbes Jahr mit dem Thema auseinandergesetzt – sie haben sich aktiv mit verschiedenen Sichtweisen auseinandergesetzt, ihre eigene Position reflektiert. Das hat die Diskussion bereichert. 

Zu welchem Schluss ist das Ernährungsparlament gekommen?  

IS: Dass wir nicht länger warten können und es dringend eine Transformation des Ernährungssystems braucht. Ob Krankenkassenverbilligung, nachhaltige Spitalküche oder Grundeinkommen für Arbeiterinnen in der Landwirtschaft – die Ideen zum Weg, der zum Ziel führt, unterscheiden sich. Aber das war genau die Idee: Dass das Ernährungsparlament Raum für Austausch und Diskussionen bietet. 

Was nehmt Ihr von dem Tag mit?  

IS: Die Erkenntnis, dass sich bereits viele Ernährungsparlamentarierinnen und Ernährungsparlamentarier auf die eine oder andere Art für den Wandel zu einem nachhaltigen Ernährungssystem engagieren, privat wie beruflich. Da kam eine grosse Kraft zusammen, die wir nun hoffentlich bündeln können. 

DL: Die grosse Aufgabe, die wir uns bei Biovision gestellt haben, ist es, – zusammen mit Gleichgesinnten – die Transformation des Ernährungssystems voranzutreiben. Damit meinen wir die Produktion gesunder und nachhaltig produzierter Lebensmittel, die für alle zugänglich sind. Dabei werden die im Ernährungssystem arbeitenden Menschen fair behandelt und das Tierwohl hat einen hohen Stellenwert. Im Ernährungsparlament haben wir nun gesehen, wie viele Menschen bereits erfolgreich mit konkreten Projekten an dieser Transformation arbeiten: Gemüsegenossenschaften, Projekte gegen Food Waste, Slow-Food und so weiter. Nun geht es darum, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, um diese Projekte aus der Nische zu bringen. Dies reicht von mehr Forschung zu transformativen agrarökologischen Ansätzen – also das Erforschen von Ansätzen, um das ganze System auf einen nachhaltigeren Pfad zu bringen – bis zur Etablierung wahrer Kosten für Produkte, damit besonders soziale und nachhaltige Produktion gefördert und nicht wie bisher bestraft wird. 

Fast zeitgleich mit dem Ernährungsparlament hat Mitte März auch das eidgenössische Parlament getagt – und den Vorschlag des Bundesrats für die Agrarpolitik ab 2022, die AP22+, definitiv sistiert. Was heisst das für die Arbeit von Biovision und dem Ernährungsparlament?  

DL: Es ist zweischneidig. Einerseits ist der Entscheid sehr ernüchternd, ja schockierend. Der AP22+ ging ein 4-jähriger Prozess voraus mit einer Vernehmlassung, an der hunderte Organisationen mitgewirkt haben. Auch Biovision hat sich als Teil der Agrarallianz daran beteiligt. Die Reform hätte Fortschritte in der Ökologie, aber auch im sozialen Bereich und beim Tierwohl gebracht – in vielen unserer Kernthemen. Mit Hilfe von Lobbyisten hat sich aber eine starke Gruppe im Parlament durchgesetzt, die keine Veränderungen in der Landwirtschaft will. Sie haben dieses Resultat mehrjähriger Arbeit einfach versenkt, ohne eine Perspektive zu bieten, was nun kommen soll. Das ist der frustrierende Teil. 

Gibt es auch etwas Positives?  

DL: Wir bei Biovision haben je länger, desto klarer festgestellt, dass es im heutigen System Grenzen gibt, um die Transformation des Ernährungssystems voranzutreiben. Deshalb sehe ich die aktuelle Situation auch als Chance, einen neuen Weg zu gehen. Das Ernährungsparlament zeigt auf, wie dieser aussehen könnte: Nicht isoliert über Agrarpolitik sprechen, sondern das Feld öffnen und eine Ernährungspolitik etablieren, welche die Agrarpolitik mit Gesundheitspolitik, Konsumpolitik und weiteren Aspekten verbindet. 

Isabel, wie hast Du die Nachricht von der Sistierung der AP22+ aufgenommen?  

IS: Obwohl es sich schon seit einigen Monaten abgezeichnet hatte: Es hat mich frustriert. Und ich glaube, dass das auch in der breiten Öffentlichkeit so empfunden wurde. Der Schweizerische Bauernverband wird als mächtige Organisation wahrgenommen, die eine nachhaltigere Landwirtschaft verhindert – eine Strategie, die von einer Mehrheit in der Bevölkerung nicht mehr unterstützt wird. Ich glaube, in den letzten Jahren hat ein Wandel stattgefunden: Viele Menschen sind sich heute einig, dass es so nicht weitergehen kann.   

Woran machst Du diesen Wandel fest?  

IS: Ich glaube, durch die Klimajugend sind die Themen Klimaschutz und Biodiversitätsverlust in der Öffentlichkeit präsenter geworden. Und man geht nicht mehr selbstverständlich davon aus, dass das, was in den Läden angeboten wird, schon gut sein wird.

Dennoch liegen diese Produkte noch immer im Laden und werden auch gekauft.  

IS: Es ist immer noch so, dass es einem nicht einfach gemacht wird, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es ist zu einfach, die Verantwortung auf die einzelne Konsumentin abzuwälzen. Viele sind verwirrt oder haben ganz einfach keine Lust, sich bei jedem einzelnen Einkauf mit nachhaltigem Konsum auseinanderzusetzen. Deshalb muss sich am System etwas ändern, die Ernährungsumgebung muss sich wandeln: Das Angebot in der Kantine, die Werbung, die Anordnung der Produkte im Supermarkt. Derzeit sind diese Einflüsse, die unser Verhalten und unseren Zugang zu Essen beeinflussen, nicht auf Nachhaltigkeit ausgerichtet.  

Was genau muss sich ändern?  

DL: Der Konsum spielt eine wichtige Rolle; nachhaltiger Konsum ist ein Hebel für die Transformation. Wir haben deshalb auch seit vielen Jahren das Programm CLEVER. Aber Biovision hat von Anfang an gesagt, dass es nicht reicht, nur beim Konsum anzusetzen. Er ist ein Puzzleteil in einem grossen System. Isabel hat die Klimajugend angesprochen: Eine ihrer Schlagworte war «System change», Systemwandel. Und diesen Wandel braucht es jetzt. Sie nennen es Systemwandel, wir nennen es Transformation. Diese passiert aber nicht automatisch, es braucht junge Bewegungen wie «Landwirtschaft mit Zukunft» (LmZ), die das Ernährungsparlament organisiert hat. Es gibt viele Akteure, die vom heutigen System profitieren, deshalb braucht es Druck, um Veränderung herbeizuführen. Das kann Biovision nicht alleine, deshalb gehen wir Partnerschaften ein – zum Beispiel mit LmZ. 

IS: Die AP22+ hätte einige wichtige Anstösse gebracht, die aber absolut nicht weitreichend genug gewesen wären. Jetzt haben wir die Chance, die entstandene Lücke zu füllen. Es gibt längst genügend Ideen, es gibt Berichte und Studien zuhauf, welche die nächsten Schritte beschreiben. Nun geht es um die Umsetzung. 

Daniel, denkst Du, das Ernährungsparlament kann das durch die Ablehnung der AP22+ entstandene Vakuum füllen?  

Ich habe davon gesprochen, dass in den Nischen bereits viel passiert. Auch das Ernährungsparlament findet in einer solchen Nische statt – aber mit einer starken Aussenwirkung, die wir in der kommenden Zeit hoffentlich noch verstärken können. Es sind die Menschen des Ernährungssystems der Zukunft, die sich dort getroffen haben: Die meisten sind unter 40, viele zwischen 20 und 30. 

Es braucht eine Transformation des Ernährungssystems, auch um die Nachhaltigkeitsziele bis 2030 zu erreichen
(Bild: Landwirtschaft mit Zukunft)

Was braucht es, damit die Ideen aus dem Ernährungsparlament Eingang in die nationale Politik finden?  

IS: Es war eine zentrale Botschaft dieser Tagung, dass das nur ein Anfang gewesen ist. Nun müssen wir unsere Blase verlassen und mit Menschen ins Gespräch kommen, für die das Thema noch fremd ist. Das kann im persönlichen Gespräch passieren – wir sehen die Ernährungsparlamentarier auch als Botschafter der Transformation der Ernährungssysteme – oder es kann durch konkrete Projekte geschehen. Wir haben eine von Expertinnen begleitete Plattform geschaffen, wo wir die bestehenden Projekte bündeln und sich die Ernährungsparlamentarierinnen austauschen und vernetzen können. 

Die ständerätliche Kommission hat ihre Ablehnung der AP22+ unter anderem damit begründet, dass es eine ganzheitliche Ernährungspolitik brauche …  

IS: Auch wenn das vielleicht ein vorgeschobener Grund war, um ökologische Verbesserungen zu blockieren, sind wir froh, dass das Thema nun auf dem Tisch liegt. Das gibt uns die Chance, es auch mitzugestalten. 

DL: Der Begriff Ernährungspolitik hat damit Auftrieb erhalten. Biovision verfolgt schon seit Jahren den Ansatz, das Ernährungssystem als Ganzes zu sehen und zu verändern – und dazu braucht es eine Ernährungspolitik. Die aktuelle Situation ist eine Chance, die wir uns nicht entgehen lassen dürfen. Jetzt müssen wir der Öffentlichkeit erklären, was wir darunter verstehen – nämlich einen ganzheitlichen Ansatz. Und wir müssen verhindern, dass die reduktionistische Interpretation die Oberhand gewinnt, die lautet: Ernährungspolitik heisst, dass die Verantwortung alleine beim Konsum liegt. Sonst wären wir wieder auf Feld 1 oder noch weiter zurück. 

Was im Moment im politischen Prozess geblieben ist, sind die Pestizid-Initiativen, über die wir im Juni abstimmen. Was würde eine Annahme bringen?  

DL: Die Initiativen sind im Moment der einzige Weg vorwärts, alle anderen Wege wurden in den letzten Monaten leider blockiert. Sie gehen in einigen Punkten weiter als die AP22+, anderes wiederum fehlt, etwa die finanzielle Absicherung der Bäuerinnen. Die Umsetzung der Initiativen wäre sicher keine leichte Aufgabe. Aber es ist längst erwiesen, dass eine Landwirtschaft ohne Pestizide möglich ist und dass alternative Anbaumethoden, die auch ökonomisch funktionieren, existieren. Zudem geben die Vorlagen ihrer Umsetzung Zeit und es würde viel mehr Geld für die Forschung zur Verfügung gestellt – ebenfalls eine Forderung, die Biovision schon lange stellt.

Was überwiegt denn nun: Der Frust über den Entscheid des eidgenössischen Parlaments oder die Hoffnung aus der erfolgreichen Lancierung des Ernährungsparlaments?  

DL: Bei mir ist nach der Tagung des Ernährungsparlaments wieder viel Zuversicht da. Wie Isabel gesagt hat, sind viele Zeichen des Wandels auszumachen. Dies äussert sich auch in den Volksinitiativen zu den Pestiziden oder in wissenschaftlichen Publikationen, die alle in dieselbe Richtung zeigen. Die Zeit für den Wandel ist jetzt. Vielleicht erleben wir gerade das letzte Aufbäumen von Vertretern einer vergangenen Zeit. Denn die Wissenschaft und die Zivilgesellschaft sind längst weiter als die Politik. Wir müssen jetzt aufzeigen, dass wir in der Mehrheit sind, dass die vielen kleinen Projekte zusammen bereits ein grosses Ganzes sind. Dies ist in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht angekommen. 

IS: Bei mir ist es eine Mischung. Ich spüre immer noch eine Wut darüber, wie sich in einer so weitreichenden Frage Partikularinteressen durchsetzen konnten. Das Ernährungsparlament hat mich aber sehr positiv gestimmt, ebenso die Volksinitiativen, über die wir im Juni abstimmen werden. Und die Wut über diesen Entscheid führt auch zu einer Energie, um nun echte Veränderung herbeizuführen.