Frühlingsanlass 2022

Verlieren wir den Boden unter den Füssen?
 

Am Frühlingsanlass 2022 hat Biovision eine elementare Frage aufgeworfen und Lösungen aufgezeigt. Im dürren Norden Kenias wie auf Biofeldern in Grossaffoltern Bern.
 

  • Ambitionierter Hobby-Gärtner und engagierter Kämpfer für die agrarökologische Wende: Biovision-Geschäftsleiter Frank Eyhorn hat etwas zu sagen zum Thema Boden.
  • Locker, sympathisch – und doch mit dem nötigen Ernst führte Sharon Nehrenheim, Teamleiterin Institutionelles Fundraising bei Biovision, elegant durch den Abend.
  • Das Bodenquiz: Hätten Sie’s gewusst? Es sind 300 Liter!
  • Gewisse Bilder sagen mehr als tausend Worte: Zwei Besucherinnen beim Betrachten von Aufnahmen des Fotografen Christian Bobst aus dem Kamel-Projekt von Biovision im Norden Kenias.
  • Am Stand der Abteilung « Politik & Anwaltschaft» von Biovision entschied das Glück(srad) über die gestellte Frage und das Agrarökologie-Wissen über den Gewinn.
  • Überraschungsgast: Mwatima Juma, Bio-Pionierin aus Sansibar und Direktorin des Tansanischen Bio-Verbands TOAM, richtet einen eindringlichen Appell zum Schutz des Bodens ans Publikum.
  • Wer kennt sich mit Pastoralist:innen in Nordkenia aus? Programmverantwortliche Marie-Luise Matthys sucht nach Fachkundigen im Publikum.
  • Bio-Landwirt Markus Bucher aus Grossaffoltern BE erprobt auf seinem Hof den mechanisierten Anbau von Mischkulturen – und baut auf die Mitarbeit diverser Tiere.
  • Hand in Hand: Sara Imbach von Vétérinaires sans Frontières Suisse und Marie-Luise Matthys von Biovision berichten von den gemeinsamen – erfolgreichen – Anstrengungen im trockenen Norden Kenias.
  • Besucherinnen am Infostand: Auf der Terrasse des Landhauses Solothurn direkt an der Aare liess sich in entspannter Atmosphäre in Biovision-Büchern schmökern.
  • Grosser Andrang am lauen Frühsommerabend: Im Landhaus Solothurn fanden sich am Mittwoch, 18. Mai, rund 300 Interessierte ein.

Von Florian Blumer, Redaktor Biovision

Biovision-Geschäftsleiter Frank Eyhorn nimmt es gleich zu Beginn des Abends vorweg: «Ob Unkraut, Schädlinge, Krankheiten, Nährstoffversorgung, Wasser oder gute Ernten», so der passionierte "Hobbygärtner", wie er sich selbst bezeichnet, «alles beginnt beim Boden.»

Und weil der Boden, die Grundlage unserer Nahrungsmittelproduktion, heute stark gefährdet ist, gibt Biovision dieser elementaren Ressource eine Stimme und stellte sie auch am traditionellen Frühlingsanlass, am 18. Mai 2022, ins Zentrum. Rund 300 Interessierte sind an diesem herrlich lauen Frühlingsabend ins Solothurner Landhaus angereist, weitere 300 Personen haben das Programm am Bildschirm mitverfolgt. Auf der traumhaften Gartenterrasse direkt an der Aare haben die Anwesenden nach dem gut einstündigen Bühnenprogramm den Abend im angeregten Gespräch dann auch ausklingen lassen.  

Doch zurück zum Boden und seinen lebenswichtigen Funktionen. Frank Eyhorn macht uns angesichts sommerlicher Temperaturen und anhaltender Trockenheit aufmerksam auf die vielfältigen Aufgaben des Bodens: so filtert er beispielsweise CO2 und speichert schädliche Klimagase. Eine seit rund 3 Mia. Jahren erprobte, natürliche Methode, die ganz ohne unser Zutun funktioniert. Wenn wir ihn denn lassen und das Ökosystem Boden nicht durch Pestizide, Monokulturen, Verdichtung durch schwere Maschinen, Versiegelung und Weiteres schädigen und ihn damit auch seiner Fähigkeiten berauben, elementar wichtige Tätigkeiten für das Leben über der Oberfläche zu erfüllen.

Video-Aufzeichnung vom Frühlingsanlass 2022

 

 

Mit Kamelen gegen Trockenheit und Erosion

Doch Biovision steht nicht für Weltuntergangsszenarien und anklagende Reden, sondern für das Aufzeigen und Erarbeiten von Lösungen – seit allem Anfang vor bald 25 Jahren, als Gründungspräsident Hans R. Herren für die ökologische Bekämpfung der Schmierlaus den alternativen Nobelpreis für Ernährung gewann. Auch heute arbeitet Biovision am Beispiel dieses Abends in Kenia mit Vétérinaires sans Frontières Suisse VSF und den lokalen Behörden an bodenschonenden Strategien und Massnahmen, die die nachhaltige Bewirtschaftung von Weiden in Trockenregionen sicherstellen. 

Marie-Luise Matthys, Programmverantwortliche von Biovision, erzählte mit eindrücklichen Bildern vom grossen ökonomischen Potenzial des Pastoralismus, also der Halbnomaden, die in Nordkenia ihre Herden auf natürlich gewachsenem Busch- und Grasland halten, aber auch vom Verlust fruchtbarer Weiden durch Klimawandel und Landnahme. Sara Imbach von VSF zeigte verschiedene Lösungsansätze auf. Zum Beispiel das Ersetzen oder Ergänzen von Rindern durch Kamele, die viel dürreresistenter sind und auch in Trockenzeiten noch Milch zur Ernährung der Pastoralistenfamilien sowie zur Erwirtschaftung von Einkommen liefern können. Um die seit Generationen praktizierte Rinderhaltung auf Herdendiversifizierung mit Kamelen umzustellen, braucht es Pioniergeist. Dieser zahlt sich in der aktuellen extremen Dürre nun aus.

  • Wegen degradierter Weideflächen und Bodenerosion finden die Viehherden kaum mehr Futter. (Bild: Christian Bobst)
  • Da Kamele resistenter gegen die Folgen extremer Trockenheit als Rinder sind, wird die Bevölkerung in der Haltung von Kamelen unterstützt.
  • Mit einem Beweidungsplan kann das Weideland besser bewirtschaftet werden und Futtermittelknappheit vorgebeugt werden.

Schonungsvolle Bodennutzung mit nachhaltigem Bio-Mischanbau

Pioniergeist braucht es auch, um von der konventionellen, industriellen Landwirtschaft auf eine bodenschonende, nachhaltige Bio-Mischanbau-Produktion umzustellen. Einer, der diesen Wandel vorantreibt ist Markus Bucher, Berner Bio-Gemüseproduzent, Gründer des Projekts «Honesta» und erster Referent des Abends.  

«Noch vor wenigen Jahren war ich stolz auf dieses Feld», sagte er und zeigte auf ein Bild, das ein Spinatfeld auf seinem Hof zeigt, mit langen grünen Streifen, dazwischen kahle Erde. «Wenn ich das Bild heute anschaue, dann zerreisst es mich innerlich.» Eine «grüne Wüste» sei das, fuhr er fort, weil es keinen Lebensraum biete für andere Lebewesen, weder für Nützlinge noch für andere Pflanzen, «da wir sonst bei der maschinellen Ernte ein Durcheinander kriegen.» Buchers Mission mit Honesta: Ein Gemüseanbau in kleinräumiger und sehr vielfältiger Mischkultur. Das ist im Hochpreisland Schweiz mit den entsprechenden Löhnen nur mit einer Maschine möglich, die komplexe Arbeiten bewältigen kann. Das Gerät muss genau wissen, was wo wächst. Und es muss vom Sähen über das Jäten, Pflegen und Ernten alles automatisch richtig machen und dabei sowohl die Pflanzen als auch den Boden schonen. Denn: Bodenverdichtung mit schweren Maschinen, das Aufreissen der Erde und das Verschieben grosser Erdmassen ist heute auch bei maschinell bewirtschafteten Bio-Betrieben eine Tatsache. 

Mit dem wissenschaftlichen Support von Agroscope und der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL experimentiert Markus Bucher auf seinem drei Hektaren grossen Testfeld an der idealen Mischkultur. Und er weibelt für die Finanzierung eines Hightechgeräts, dessen Entwicklung er gemeinsam mit Ingenieuren und erfahrenen Maschinenbauern bereits weit vorangetrieben hat. Die Realisierung dieses Geräts ist eine entscheidende Voraussetzung, um seinen Traum zu verwirklichen: eine an der Natur ausgerichtete, das Bodenleben fördernde Bio-Mischanbau-Produktion im grossen Stil.

  • Markus Bucher, Visionär und Projektinitiant von Honesta, auf seinem Hof Farngut. (Bild: Peter Lüthi)
  • Auf einem kleinen Teil der Ackerflächen vom Farngut setzt Markus Bucher bereits Permakultur um. (Bild: Zvg Markus Bucher)
  • Markus Bucher möchte, dass wir in der Schweizer Landwirtschaft zu einem permakulturellen Anbau kommen. (Illustration: Peter Lüthi)
  • Markus Bucher hat Baumreihen angelegt, um das permakulturelle Konzept auf seinem Hof umzusetzen. (Bild: Zvg Markus Bucher)
  • Die Honesta-Maschine soll in Zukunft Permakultur in grossem Stil ermöglichen. (Bild: Zvg Markus Bucher)

Verlieren wir den Boden unter den Füssen?

Es bleibt zu hoffen, dass sein Appel gehört wird und seine ökologische Methode viele Nachahmer findet – denn, um die im Titel der Veranstaltung aufgeworfene Frage zu beantworten: Ja, wir verlieren mehr und mehr Boden unter unseren Füssen. Höchste Zeit, dass wir ihm die angemessene Aufmerksamkeit zukommen lassen und Massnahmen zu seiner Erhaltung und Regeneration umsetzen! Die eindrücklichen Beispiele des Abends machen Mut und zeigen: Es gibt sie, die praktikablen Lösungen für den Erhalt von fruchtbarem Boden. Und wir alle können im persönlichen Alltag einen Beitrag leisten, indem wir biologisch und saisonal einkaufen und an der Urne abstimmen. Damit bestimmen wir mit, was und wie die Bäuerinnen und Bauern weltweit produzieren. 

Das wünschen sich die Teilnehmenden für die Schweizer Landwirtschaft der Zukunft