Wie der Streit um ein Pestizid die Bio-Bewegung ins Rollen brachte

Gleich zwei Volksinitiativen, über die wir im Juni abstimmen werden, fordern eine Abkehr von synthetischen Pestiziden. Wie im neuen Beobachter-Ratgeber – «ÖKOlogisch» – entstanden in Zusammenarbeit mit Biovision – nachzulesen ist, markierte die Kontroverse um ein Pestizid in den 40er-Jahren den Startpunkt der Bio-Bewegung. 

 

Ab den 40-Jahren wurde das Pestizid DDT intensiv in der Landwirtschaft eingesetzt. (Bild: pixabay)

Von Margarete Sotier, Biovision

DDT – Vom Wundermittel zum schädlichen Gift 

Als Landwirtinnen und Insektenforscher erkannten, dass DDT-Pestizide sehr unspezifisch wirkten und neben den Schädlingen auch nützliche Insekten wie Bienen und andere Bestäuber vernichteten, war die Sorge gross. Die Gifte, die ins Grundwasser gelangten, und sich auch in der Nahrung anreicherten, bedrohten die empfindlichen Ökosysteme sowie Insekten, Vögel und Fische. Und nicht zuletzt: die Gesundheit des Menschen. 

Kaum war das Insektizid DDT im landwirtschaftlichen Gebrauch, spaltete es die Bauern in zwei Lager: Die eine Gruppe sah in DDT eine Errungenschaft und befürwortete den Einsatz gegen schädliche Insekten. Die andere Gruppe war besorgt um die Auswirkungen auf die Umwelt und betrachtete die Verwendung von Insektiziden als schädlichen Eingriff in die Natur.  

Nahrungsmittelproduktion naturnah und umweltfreundlich 

So zog es die DDT-kritischen Bäuerinnen in neue Formen der Landwirtschaft, die sich an den natürlichen Kreisläufen ausrichteten, wie die biologisch-dynamische oder die biologisch-organische Landwirtschaft. Die Prämisse: Nahrungsmittelproduktion muss mit dem Schutz der Umwelt einhergehen. Daraus entwickelten sich die Grundwerte der biologischen Landwirtschaft, die 1997 schliesslich in der Schweizer Bioverordnung festgeschrieben wurden. Weil sie «besonders naturnah und umweltfreundlich» arbeiten, unterstützt der Bund die Bio-Bäuerinnen mit höheren Direktzahlungen.  

Gleichzeitig kamen in Deutschland und Österreich ähnliche Bewegungen auf, die sich über die Jahre immer stärker vernetzten. Heute sind Bioverbände in vielen Ländern weltweit aktiv. Organisiert sind sie durch die Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen IFOAM

Im Dschungel der Schweizer Bio-Label 

Doch was bedeutet «Bio» eigentlich? Welche Vorgaben müssen Betriebe heute einhalten?  

Neben der gesetzlichen Bio-Verordnung gibt es Labels wie etwa Bio Suisse, für deren Betriebe teils strengere Angaben gelten. Für Schweizer Bio-Betriebe gelten zunächst die gesetzlichen Vorgaben der Bio-Verordnung: Anders als in der EU-Bioverordnung, die keine Biodiversitätsförderungsflächen verlangt, schreibt die Schweizer Bio-Verordnung fest, dass auf 7 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Elemente wie Hecken, artenreiche Wiesen, Hochstamm-Feldobstbäume und andere naturnahe Lebensräume entstehen müssen. Zentral ist zudem der Anspruch, dass natürliche Kreisläufe und Prozesse berücksichtigt werden und chemisch-synthetische Hilfsstoffe wie Pestizide vermieden werden. Ebenso wenig dürfen gentechnisch veränderte Organismen (GVO/GMO) eingesetzt und Erzeugnisse nicht mit Strahlen behandelt werden, beispielsweise um die Reifung von Obst und Gemüse zu verzögern und Insekten abzutöten. 

Die Zahl der Nutztiere auf einem Hof muss sich an der Landwirtschaftsfläche orientieren. Denn es dürfen nur so viele Tiere gehalten werden, dass der Mist und die Gülle als Hofdünger auf genügend Fläche ausgebracht werden können. Mehr als 60 Prozent des Futters für Wiederkäuer müssen aus Heu, Gras oder Silage bestehen.  

Strengere Richtlinien für Bio Suisse 

Für Label wie Bio Suisse (Knospe) sind die Anforderungen deutlich strenger als bei der staatlichen Bio-Verordnung. So ist es beispielsweise zwingend, dass der ganze Betrieb nach Bio-Richtlinien bewirtschaftet wird, was die Bio-Verordnung nicht vorschreibt.  

Bio-Suisse-Bäuerinnen müssen zudem Massnahmen zur Förderung der Biodiversität vorweisen. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (Pestiziden) ist streng reguliert, ebenso wie das Beheizen von Gewächshäusern im Winter. Auch die Vorgaben für das Tierfutter sind strenger, denn Kühe müssen etwa mindestens 90 Prozent mit Heu, Gras oder Silage aus hofeigener, biologischer Produktion gefüttert werden. Alle Knospe-Höfe müssen Nachhaltigkeitsberichte erstellen und soziale Mindeststandards erfüllen. 

Eine Bewertung des Forschungsinstituts für biologische Landwirtschaft (FiBL) zeigte, dass viele Bio-Suisse-Höfe bei den meisten Nachhaltigkeitskriterien gute bis sehr gute Leistungen aufweisen. 

Kulturvielfalt im Bio-Landbau schützt vor Schädlingen 

Insgesamt wird also versucht, in der biologischen Landwirtschaft eine bunte Vielfalt von unterschiedlichen Pflanzen und Tieren zu erreichen, die in einem harmonischen Gleichgewicht neben- und miteinander existieren. So ist etwa die Vielfalt bei den Kulturen im Bio-Landbau der wirksamste Schutz gegen zu starken Schädlingsbefall, bestätigt Mathias Forster, Geschäftsführer Bio-Stiftung Schweiz. Denn wie man auch beim damals eingesetzten und seit 1972 verbotenen DDT sah, wirken synthetische Pestizide nicht nur auf die sogenannten Zielorganismen, sondern schädigen oder töten auch «nützliche» Lebewesen, oftmals auch natürliche Gegenspieler von Schädlingen.  

Das schrittweise Verstehen der gesamtheitlichen Zusammenhänge zwischen nachhaltiger Landwirtschaft und Gesundheit bestärkt viele Biobauern in ihrer Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein. Sie erkennen: Gesunde und fruchtbare Böden führen zu langfristig gesunden Pflanzen und Gewässern, was wiederrum zu gesunden Tieren und natürlich auch gesunden Menschen führt.