Bio: Aufbruchstimmung in Ostafrika

Die Umstellung auf biologisch produzierte Lebensmittel birgt ein grosses Potenzial für die Bäuerinnen und Bauern Ostafrikas – nicht nur für den Export. Denn auch dank den Sozialen Medien ist in den letzten Jahren das Bewusstsein für gesunde Lebensmittel stark gestiegen. 

 

Janet Maro (Zweite von links) von Sustainable Agriculture Tanzania (SAT) unterrichtet Bäuerinnen in ökologischem Anbau in Rumuva Village in den Uluguru Mountains, Tansania. (Bild: Peter Lüthi, Biovision)

Von Florian Blumer, Biovision

Silke Bollmohr berät seit 20 Jahren Bäuerinnen und Bauern in Ostafrika bei der Umstellung auf ökologischen Anbau. Sie beobachtet gerade einen Wandel: «Im letzten Jahr kam in Kenia unheimlich viel in Bewegung. Viele Bäuerinnen und Bauern wollen auf ökologischere Produktion umsteigen, weil sie erkannt haben, dass hierfür ein Markt entsteht.» 

Diesen Eindruck bestätigt Geertje Otten, COO der holländischen Beratungsfirma ProFound. An der internationalen Messe Biofach im Februar referierte sie über die Marktchancen von Bio in Afrika. Sie betonte, dass der grösste Teil der zertifizierten Bio-Produktion zwar immer noch exportiert werde, die Nachfrage nach gesunden Bio-Nahrungsmitteln in vielen afrikanischen Ländern aber am Zunehmen sei. Es gebe ein immer stärkeres Bewusstsein für gesunde Nahrungsmittel, vor allem bei der wachsenden Mittelschicht in den Städten wie Nairobi. 

Nachrichten über giftige Pestizide verbreiten sich schnell 

Vor allem dank den Sozialen Medien und dem Internet erreichen die Menschen Informationen schneller – auch über die Gefährlichkeit von chemisch-synthetischen Pestiziden, die zum Beispiel im Tomatenanbau gespritzt werden. So hatte sich das erschütternde Ergebnis einer Untersuchung lokaler NGOs über in Kenia zugelassene und auf den Feldern angewandte hochgefährliche Pestizide schnell verbreitet und zu einer breiten gesellschaftlichen Diskussion geführt (siehe das Interview zum Thema). Aus Sorge um die eigene Gesundheit fragen daher Marktkundinnen und -kunden vermehrt nach, wie Produkte hergestellt wurden und verlangen nach ökologisch produziertem Gemüse. 

Auch David Amudavi, Direktor der Biovision-Partnerorganisation Biovision Africa Trust (BvAT) in Nairobi, betonte in seinem Beitrag an der Biofach-Messe das grosse Potenzial für die biologische Landwirtschaft in Afrika, für den Export wie für den heimischen Markt. Das lässt sich auch in Zahlen ausdrücken: Noch vor 20 Jahren gab es praktisch kaum Ackerflächen in Afrika, die nach Bio-Richtlinien bewirtschaftet wurden. 2019 – für dieses Jahr liegen die aktuellsten Zahlen vor (siehe «The World of Agriculture» von FiBL und IFOAM) – waren es immerhin schon rund 2 Millionen Hektare zertifiziert-biologische Anbaufläche. Nicht enthalten in dieser Zahl sind die unzähligen Bäuerinnen und Bauern, die ohne Zertifizierung auf ökologischere Anbaumethoden umsteigen. 

Grosses Potenzial – grosse Herausforderungen 

Eine Vorreiterrolle spielen Länder Ostafrikas: Uganda ist das afrikanische Land mit den meisten Bio-Produzenten (210 000), gefolgt von Äthiopien mit 204 000 und Tansania mit 149 000; Kenia befindet sich mit 37 000 an sechster Stelle. 

Das Potenzial ist gross – die Herausforderungen sind es auch. Aus David Amudavis Ausführungen wurde klar, dass noch viel Aufbauarbeit geleistet werden muss, um dem Markt für Bio-Produkte in Afrika zum Durchbruch zu verhelfen. Exemplarisch lässt sich dies am Beispiel von Sustainable Agriculture Tanzania (SAT) nachvollziehen. Die von Biovision von Beginn weg unterstützte Organisation entwickelte sich in den letzten neun Jahren quasi von einem Gemüsebeet zu einer über die Landesgrenzen hinaus anerkannten Organisation. (Siehe dazu den Artikel «Tansania. Die Bio-Szene professionalisiert sich»). 

Vieles hängt von einzelnen Initiativen ab 

Solche Initiativen seien entscheidend, um die Entwicklung der ökologischen Landwirtschaft voranzutreiben, erklärt Loredana Sorg, die Programmverantwortliche bei Biovision und zuständig für die Partnerschaft mit SAT ist. «Sie hängen jedoch meist von einem ausserordentlichen Engagement einzelner Personen und Institutionen ab.» 

Neben vermehrter Forschung, anerkannten Biolandbau-Ausbildungsgängen, Werbekampagnen, Lobbyarbeit in der Politik sowie dem Engagement grosser Verbände brauche es aber diese lokalen und nationalen Impulse, die den Boden bereiten würden. «Wir bei Biovision arbeiten mit Partnerorganisationen in Ostafrika daran, solche Initiativen zu identifizieren, gezielt zu fördern und zu vernetzen.» 

Ein einheitlicher Bio-Standard? 

Eine zentrale Frage ist diejenige nach einem allgemeingültigen Bio-Standard – ein solcher existiert in Afrika noch nicht. Silke Bollmohr sagt, dass Bäuerinnen und Bauern kein aufwändiges Zertifizierungsverfahren durchlaufen müssten, um ihr Gemüse als Bio zu verkaufen. Vieles basiere auf Vertrauen: «Die Kundinnen kennen den Gemüsebauern oft persönlich.» So blieben die Investitionen gering und damit auch die Preise – biologisch hergestelltes Gemüse ist in Kenia nicht zwingend teurer.  

Doch die landwirtschaftliche Beraterin ist sich bewusst: «Das ist natürlich ein etwas romantisches Modell, das so im grösseren Massstab an seine Grenzen stösst.» Loredana Sorg sagt dazu: «Wenn der persönliche Kontakt zum Konsumenten fehlt, bleiben ohne Zertifizierung auch die Margen für die Produzenten gering.» Lokal getragene, vertrauenswürdige Zertifizierungsstandards seien deshalb eine wichtige Voraussetzung, damit der Markt für Bio-Gemüse in Ostafrika weiterwachsen kann.