«Weiter wie bisher ist bei der Welternährung keine Option»

Ausblick auf den UN-Ernährungssystemgipfel 23./24. September: Fehl- und Mangelernährung, Biodiversitätskrise, Klimawandel: Wir müssen dringend unsere Ernährungssysteme weiterentwickeln. Wie der Wandel gelingen kann.
 

Von Frank Eyhorn, Geschäftsleiter Biovision

Der UN-Ernährungssystemgipfel vom 23./24. September ruft die Weltgemeinschaft dazu auf, neu über die Produktion und den Konsum von Nahrung nachzudenken. Bei der Debatte um unsere Ernährungszukunft herrscht eine starke Polarisierung. Das haben wir in der Schweiz bei den Abstimmungen um die Agrarinitiativen hautnah erlebt. Auf der einen Seite stand der berechtigte Anspruch, dass die landwirtschaftliche Produktion Gesundheit und Umwelt nicht übermässig belasten soll; auf der anderen Seite die ebenso berechtigte Sorge um die wirtschaftliche Existenz von Betrieben.

Auch die Vorbereitungen zum UNO-Welternährungsgipfel, der am 23. September in New York stattfindet, waren von enormen Spannungen zwischen tief gespaltenen Lagern geprägt. Ein Teil der zivilgesellschaftlichen Organisationen hat zu einem Boykott des Gipfels aufgerufen, da sie einen zu grossen Einfluss der Wirtschaft befürchten. Bei der Suche nach Lösungen bringen uns diese erbitterten Grabenkämpfe nicht weiter, im Gegenteil. Die Weiterentwicklung unserer Ernährungssysteme – vom Feld bis auf den Teller – ist eine enorme gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir nur gemeinsam bewältigen können.

Unser heutiges Ernährungssystem führt in die Sackgasse

Schliesslich essen wir alle, jeden Tag. Was wir essen und wie wir unsere Lebensmittel produzieren, beeinflusst unseren Planeten und unsere Gesellschaften wie keine andere menschliche Aktivität. Die heutige Landwirtschaft ist massgeblich verantwortlich für den besorgniserregenden Verlust an Artenvielfalt und Bodenfruchtbarkeit sowie für die Belastung der Wasserressourcen. Fast ein Drittel des weltweiten Ausstosses an Treibhausgasen stammt aus dem Ernährungssystem.

Dabei erfüllt der Ernährungssektor global betrachtet seinen eigentlichen Zweck nur schlecht: Rund 2 Milliarden Menschen leiden an Hunger oder Mangelernährung, insgesamt 3 Milliarden ernähren sich in einer Weise, die ihre Gesundheit schädigt. Diejenigen, die ihren Lebensunterhalt im Ernährungssystem bestreiten – Bäuerinnen, Verarbeiter, Köchinnen, Verkäufer – gehören meist zu den Bevölkerungsgruppen mit den tiefsten Einkommen.

Beim UNO-Ernährungsgipfel denkt die Weltgemeinschaft darüber nach, wie die Zukunft unserer Ernährung aussehen soll. Vorbereitend haben in 145 Ländern Zehntausende Menschen und hunderte von Organisationen aus Zivilgesellschaft, Politik, Wissenschaft und dem Privatsektor Lösungsansätze diskutiert. Anders als im Vorfeld herrscht überraschende Einigkeit: ein "Weiter wie bisher" ist keine Option, es braucht dringend einen Paradigmenwechsel. Der bisherige Fokus auf möglichst hohe Erträge und billige Kalorien führt in die Sackgasse und verursacht untragbare gesellschaftliche Kosten. Es braucht ganzheitliche Ansätze, die gesunde Nahrung für alle bereitstellen, produziert in einer Weise, die Umwelt, Tierwohl und Menschenrechte respektiert sowie allen einen fairen Lohn ermöglicht.

Agrarökologie - ein vielversprechendes Konzept

Erstmals wurde an einem UNO-Gipfel die Agrarökologie als ein vielversprechendes, verbindendes Konzept für den notwendigen Transformationsprozess anerkannt. Sie bietet wissenschaftlich fundierte Praktiken für eine ökologische Produktion. Agrarökologische Prinzipien wie die Förderung der Biodiversität, das Schliessen von Kreisläufen und ein verminderter Einsatz von chemischen Düngern und Pflanzenschutzmitteln ermöglichen es, clevere alternative Systeme zu designen. Sie können aber auch helfen, konventionelle Produktionsweisen schrittweise zu verbessern. Zudem zielt die Agrarökologie auf eine Verbindung von Produzentinnen und Konsumenten entlang fairer Wertschöpfungsketten.

Überwindung veralteter Geschäftsmodelle

Um die dringend notwendige Transformation der Ernährungssysteme zu bewerkstelligen – in der Schweiz wie auch global – müssen mehrere Hebel angesetzt werden: Ökologische Produktionsweisen müssen weiterentwickelt und verbreitet werden. Investitionen müssen vermehrt in nachhaltig wirtschaftende Unternehmen und Projekte im Ernährungssektor fliessen. Für beides muss die Politik Anreize schaffen und schädliche Praktiken regulieren. Dabei gilt es, den gewichtigen Einfluss von Interessensgruppen zu überwinden, deren Geschäftsmodelle noch auf veralteten Ansätzen und Konzepten beruhen.

Eine besondere Bedeutung kommt der Förderung des öffentlichen Bewusstseins für die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Umwelt, Gesundheit und Wohlstand zu. Denn letztendlich entscheiden wir alle über die Ausgestaltung unserer Ernährungssysteme: durch die Wahrnehmung unserer politischen Rechte und durch unsere täglichen Konsumentscheide. Wir alle können beeinflussen, wie die Welt der Zukunft aussieht, denn wir alle essen. Jeden Tag.

(Dieser Artikel wurde am 22.09.2021 auf swissinfo.ch erstveröffentlicht.)