Was vermehrt sich, je mehr es geteilt wird?

Ende 2013 öffneten sich die Schleusen über den Uluguru Mountains in Tansania. Die Regenfluten rissen Pflanzen und Erde aus den steilen Hängen und hinterliessen ein Bild der Zerstörung. Im Gebiet von Towelo vermochten nur wenige Ackerkulturen den Wassermassen zu trotzen. Diese hatten eines gemeinsam: Sie waren auf Terrassen angelegt.

Peter Lüthi, Kommunikation

Die Terrassen waren von zwei Bauerngruppen aus Ruvuma Village angelegt worden. Das Dorf liegt 500 Höhenmeter am Berghang über der Bezirkshauptstadt Morogoro. Bereits 2010 hatten die Mitglieder der Gruppe „Maendeleo“ (zu Deutsch „Entwicklung“) bei “Bustani ya Tushikimane“ (ByT, Garten der Solidarität), einer kleinen einheimischen NGO in Morogoro, den Grundkurs für ökologische Landwirtschaft besucht. ByT wird von Biovision seit Anbeginn unterstützt und hat sich bis heute zu „Sustainable Agriculture Tansania“, der landesweit wichtigsten Ausbildungsstätte für ökologischen Anbau, gemausert. Nach der Einführung erhielten die Mitglieder von „Maendeleo“ während zweier Jahre jede Woche Besuch von Hugo Kunguru, einem erfahrenen Bauernberater. Unter seiner Anleitung legten sie in äusserst steilem Gelände Hangterrassen und einen Gemeinschaftsgarten an. Hier erlernten sie verschiedenste ökologische Bewirtschaftungstechniken. Auch eine bessere Vermarktung ihrer Bioprodukte oder die Einführung eines gruppeninternen, zinslosen Spar- und Verleihsystems als Bank-Ersatz für zwingende Investitionen waren Themen.

  • Strasse und Berge
    Blick in die Uluguru-Mountains von Morogoro (Tansania).
  • Blick aus der Höhe
    Das Dorf Ruvumua Village liegt 500 Höhenmeter oberhalb Morogoro in den Uluguru-Bergen.

  • Blick auf Terrasse
    Der Terrassenbau hat sich während der Extremniederschläge Ende 2013 sehr bewährt; im Unterschied zu den anderen Gärten vermochten sie dem Wasser zu widerstehen.

  • Menschen bei der Arbeit in der Landwirtschaft
    Die Bauerngruppe „Nguwu Kasi“ an der Arbeit im Gemeinschaftsgarten.


  • Porträt Frau
    „Für mich ist der biologische Anbau profitabler als der konventionelle“. Fitina Athumani, Bäuerin in Ruvuma Village und Präsidentin der Bauerngruppe „Nguwu Kasi“
  • Porträt Mann
    Sudi Hamadi: „Dank hochwertigem Kompost und Terrassenbau kann ich meinen Boden verbessern, Gemüse von erster Qualität produzieren und die Erosion stoppen“.
  • Mann auf Motorrad
    Das Bio-Gemüse aus Ruvuma Village wird per "Piki Piki" (Motorrad) hinunter nach Morogoro gefahren.
  • Frau trägt Last auf dem Kopf
    Hadija Kibwana, die engagierte Präsidentin der Bauerngruppe „Maendeleo“ bildet Nachbarn und Bauerngruppen in Freiwilligenarbeit in den Methoden der ökologischen Landwirtschaft aus.
  • Zwei Männer schütteln Hände
    Biovision Präsident Hans Rudolf Herren (links) dankt dem erfolgreichen Biobauern Pius Paulini, der in Ruvuma Village die Strategie von Biovision 1:1 umsetzt. Paulini verkauft sein Bio-Gemüse nach Dar es Salaam und wirkt als ehrenamtlicher Bauern-Ausbildner.
  • Mann fotografiert Menschen bei der Arbeit
    Patrick Rohr beim Fotoshooting für den Biovision Kalender 2019 bei der „Nguwu Kasi“ Gruppe. Das Bild aus Ruvuma Village steht für den Monat Februar.

Bergbauern und Bio-Unternehmer

„Maendeleo“ erlangte als eine der ersten Bauerngruppe in Tansania das Bio-Gruppenzertifikat. Einzelnen Mitgliedern gelang es, mit ihrem gesunden und schmackhaften Gemüse neue Absatzmärkte erschliessen. So beliefert etwa der Gruppenbeste, Pius Paulini, einen Bio-Grossisten in Dar es Salaam. Dazu musste er neben der Produktion seines hochwertigen Gemüses auch ein schnelles Transportsystem aufbauen. Paulini sparte Geld aus dem Gemüseverkauf und investierte es in ein Motorrad, welches heute die Existenz seines Sohnes sichert. Dieser betreibt einen Taxi-Service für die Bergbevölkerung und fährt das Gemüse seines Vaters hinunter nach Morogoro. Dort werden die Frischwaren von einem zuverlässigen Reisebusbetrieb unverzüglich in die Millionenstadt transportiert. Der Jahresumsatz von Pius Paulini beträgt jährlich circa 3.500 Franken und bringt ihm einen Gewinn von rund 870 Franken. Das ist sehr viel Geld in Ruvuma Village, was auch von der ansässigen Bevölkerung wahrgenommen wurde, etwa von der Bäuerin Fitina Athumani.

Das Wissen zieht Kreise

Sie fragte anfangs 2013 Pius Paulini an, ob er bereit wäre, sein Wissen und seine Erfahrungen an andere Interessierte weiterzugeben. Paulini und Hadija Kibwana, die Präsidentin von „Maendeleo“, willigten ein. Auf Anweisung der beiden gründeten 18 interessierte Bäuerinnen und Bauern die neue Gruppe „Nguwu Kasi“ („Arbeitskraft“) und legten einen terrassierten Trainingsgarten nach dem Vorbild von „Maendeleo“ an. Pius und Hadija unterrichteten ihre Nachbarn jede Woche während einiger Stunden. Mit diesem „Farmer to Farmer Training“ setzten die beiden 1:1 die Strategie von Biovision um, nämlich die Verbreitung von Wissen und praktischen Fähigkeiten in den Methoden der ökologischen Landwirtschaft. Die Mitglieder von „Nguwu Kasi“ – unter ihnen übrigens auch die 22-jährige Pendo Said, die Protagonistin auf dem Februar-Kalenderblatt im Biovision Jubiläums-Kalender 2019 von Patrick Rohr – wenden das Gelernte auf ihren eigenen Äckern an. So entstanden in der Umgebung von Ruvuma Village immer mehr Pflanzterrassen, die nach ökologischen Prinzipien bebaut sind. „Für mich ist der biologische Anbau profitabler als der konventionelle, sagt Fitina Athumani heute. Das bestätigt auch der 30-jährige Sudi Hamadi: „Dank hochwertigem Kompost und Terrassenbau kann ich meinen Boden verbessern, Gemüse von erster Qualität produzieren und die Erosion stoppen“. Der Stresstest, den die Terrassengärten wie erwähnt bereits im ersten Jahr erfolgreich bestanden hatten, bestätigt das sehr eindrücklich.