Was unser Essen mit dem Ausbruch von Pandemien zu tun hat

Die Wahl, was bei uns auf den Teller kommt, hat gleich in mehrfacher Hinsicht Auswirkungen auf den Ausbruch von Infektionskrankheiten.

Erntemaschine bei der Futtermaisernte

von Shruti Patel und Simon Gottwalt, Biovision

Die Zahl der Infektionskrankheiten wie SARS, MERS oder COVID-19, die von Tieren auf den Menschen übertragen wurden, ist in den letzten Jahrzehnten dramatisch gestiegen. Es gibt heute nicht nur mehr Krankheitstypen, auch die Häufigkeit ihres Auftretens ist gestiegen: Die Zahl jährlicher Ausbrüche hat sich seit 1980 verdreifacht.

Es ist mittlerweile bekannt, dass hinter dieser alarmierenden Entwicklung unter anderem die wachsende Nähe von Menschen und Tieren sowie unsere immer grössere Mobilität steht sowie dass SARS-COVID-19 wahrscheinlich auf einem Wildtiermarkt von einer Fledermaus auf ein chinesisches Schuppentier und von dort auf den Menschen übergesprungen ist. Weniger bekannt ist hingegen die Tatsache, dass viele der Merkmale der heutigen Landwirtschaft ebenso Teil dieses Problems sind: ein fast ausschliesslicher Fokus auf Produktivität, die Ignorierung von Abläufen in Ökosystemen sowie eine nicht artgerechte Haltung von Tieren.

Zerstörung natürlicher Lebensräume

Die Hälfte der bewohnbaren Fläche der Erde wird landwirtschaftlich genutzt. Riesige Gebiete werden für die Produktion von Treibstoffen und die Viehhaltung verwendet, was eine ernsthafte Gefahr für die Umwelt und die Biodiversität darstellt. In vielen Regionen der Erde werden traditionelle Methoden des Landbaus durch intensive Produktionsmethoden ersetzt. Der zunehmende Verlust natürlicher Lebensräume führt dazu, dass Wildtiere immer mehr mit Menschen in Kontakt kommen – dies ist die Hauptquelle der Entstehung vieler viraler Krankheiten.

Es gibt Hinweise darauf, dass der Verlust von Biodiversität diesen Effekt verstärkt. Eine geringere Vielfalt an potenziellen Virusträgern unter Tieren erhöht das Risiko, dass ein Krankheitserreger auf den Menschen überspringt. Forschungsergebnisse weisen aber auch darauf hin, dass eine hohe Artenvielfalt in bewohnten Gebieten zu häufigen Krankheitsausbrüchen führt. So teilen sich in den Pastoralisten-Gebieten in Ostafrika Menschen, Vieh und Wildtiere dieselben Lebensräume. Dies setzt die Menschen dort einem höheren Krankheitsrisiko aus. In diesen Gegenden ist es wichtig, dass Frühwarnsysteme eingesetzt werden, welche die Verbreitung neuer Krankheiten eindämmen können.

Risikofaktor Massentierhaltung

Mit dem weltweiten Trend der Urbanisierung und dem wachsenden Wohlstand steigt die Nachfrage nach Fleisch- und Milchprodukten. Dies hat weltweit zu einem rasanten Anstieg intensiver Viehhaltung geführt. Tiere, die auf engem Raum und unter unhygienischen Bedingungen gehalten werden, sind oft gestresst und in einem schlechten Gesundheitszustand. Damit bilden sie ideale Brutstätten für neue Krankheitserreger.

Dazu macht die breitflächige und intensive Verwendung von Antibiotika in der Tierhaltung Krankheitserreger resistent gegenüber Medikamenten, die auch in der Humanmedizin verwendet werden. Expertinnen und Experten prophezeien, dass die Entstehung von resistenten Bakterien und anderen Mikroben bis 2050 zum Tod von Millionen Menschen weltweit führen könnte. Eine tiergerechte Haltung und Ernährung von Vieh ist deshalb nicht nur für das Wohlergehen und die Produktivität der Tiere zentral, sondern auch für die Erhaltung der menschlichen Gesundheit.

Lösungen sind da

Die gute Nachricht: Wir können etwas tun, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Als Konsumentinnen und Konsumenten, welche die Wahl haben, was auf den Teller kommt, können wir hier eine wichtige Rolle einnehmen, indem wir nachhaltig produzierte Nahrungsmittel kaufen, weniger Fleischprodukte konsumieren und Food Waste reduzieren. Finden solche Verhaltensänderungen in grossem Stil statt, haben sie das Potenzial, den wachsenden Bedarf nach immer mehr Land zu bremsen und zur Errichtung eines Ernährungssystems beizutragen, das nicht nur dem Erhalt der Umwelt, sondern auch der menschlichen Gesundheit dient.

Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt ist die Kostenwahrheit: Der Einbezug von Umwelt und Gesundheitsschäden in die Produktepreise könnte zu einem Wandel hin zu ganzheitlichen Produktionsansätzen wie der Agrarökologie führen. Dies würde den Konflikt zwischen Landnutzung, Nahrungsproduktion und dem Erhalt von Lebensräumen entschärfen.

Rund um den Erdball gibt es viele Beispiele solcher Ansätze und Strategien, die erfolgreich eingesetzt werden, um resilientere und gesündere Ernährungssysteme aufzubauen, wie unter anderem der von Biovision mitpublizierte Bericht «Beacons of Hope» gezeigt hat. Die Lösungen sind da – die Herausforderung besteht darin, ihnen baldmöglichst zum Durchbruch zu verhelfen.