Von der Heugabel bis zum Esslöffel – warum wir eine Ernährungspolitik brauchen

Während sich international das Konzept der Ernährungssysteme durchsetzt, findet die Schweizer Politik immer noch in Silos statt. Wollen wir eine Transformation zu einem nachhaltigen System, muss sich dies ändern.

© Landwirtschaft mit Zukunft

von Daniel Langmeier, Politikberater Schweiz bei Biovision

Am guten Willen mangelt es nicht: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) setzt sich mit Kampagnen für eine gesunde Ernährung ein, immer mehr Bäuerinnen und Bauern sind entschlossen, die Lebensmittelverschwendung bei der Produktion zu vermindern, und immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten wünschen sich pestizidfreie Lebensmittel.

Doch bei der Umsetzung haperts. So sind gesunde Lebensmittel meist immer noch teurer als ungesunde, weshalb sich die Mehrzahl der Kunden im Laden dann doch für letztere entscheidet. Tonnenweise Kartoffeln müssen wieder untergepflügt werden, weil sie nicht der Norm für Chips entsprechen. Und den Bedenken der Konsumentinnen zum Trotz liegen im Laden doch grösstenteils makellos glänzende, mit Pestiziden belastete Äpfel und andere Früchte.

Politik in «Silos»

Woher kommt diese Diskrepanz? Ein Grund liegt darin, dass unsere Ernährungspolitik immer noch in «Silos» stattfindet. Es gibt in der Schweiz eine Landwirtschaftspolitik, eine Gesundheitspolitik, eine Umweltpolitik – aber keine Politik, die diese Bereiche verbinden würde. Auf diese Weise sind die aktuellen Probleme und Herausforderungen nicht zu lösen. Es braucht einen Ansatz, der das ganze Ernährungssystem von der Produktion bis zum Konsum, die Gesundheit, die Nachhaltigkeit, die Wirtschaft und Soziales zusammen denkt. Nur so können nachhaltige Lösungen für alle Beteiligten erarbeitet werden.

Eine Utopie? Nein. Das Konzept der Ernährungssysteme liegt im Trend. Der Weltagrarbericht, mitverfasst 2009 von Biovision-Präsident Hans R. Herren, formulierte diese Forderung schon vor gut zehn Jahren. In der neuen Publikation «Transformation of our Food Systems» schauen Herren und eine Reihe weiterer Autorinnen und Autoren auf das letzte Jahrzehnt zurück und stellen fest: Das Konzept der Ernährungssysteme hat sich in der Forschung und in internationalen Organisationen etabliert. Auch die EU setzt in ihrer Strategie «Farm to Fork» auf Ganzheitlichkeit. Und auf nationaler Ebene gibt es etwa in Deutschland einen wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz, der eine integrierte Ernährungspolitik fordert.

Ansätze sind vorhanden

Und in der Schweiz? Auch bei uns gibt es Ansätze. So kam das Nationale Forschungsprogramm «Gesunde Ernährung und nachhaltige Lebensmittelproduktion» (NFP 69) zum Schluss: «Die Schweiz benötigt eine eigene Strategie für das Ernährungssystem der Zukunft. Diese Strategie sollte kohärent sein und eine gesunde Ernährung sowie eine nachhaltige Lebensmittelproduktion entlang der ganzen Nahrungsmittelkette berücksichtigen.» Das Problem ist erkannt, doch nach wie vor fehlt eine solche Strategie.

Biovision hat eine zusammenhängende Ernährungspolitik als einen zentralen Pfeiler für die Transformation unserer Ernährungssysteme hin zur Agrarökologie erkannt und lanciert im kommenden Jahr gemeinsam mit der Bewegung «Landwirtschaft mit Zukunft» (LmZ) – einer wichtigen Stimme der nächsten Generation für ein nachhaltiges Ernährungssystem –, ein Projekt zur Erarbeitung einer umfassenden Ernährungspolitik für die Schweiz. Bereits diesen Herbst startete das Projekt «Ernährungsparlament», das jedoch wegen der aktuellen Corona-Restriktionen vorläufig ausgesetzt werden musste. Im Prozess unterstützt werden wir von SDSN Schweiz, dem Netzwerk für die Umsetzung der UNO-Agenda 2030 sowie des Pariser Klimaabkommens. Das Netzwerk wird von Biovision und der Universität Bern betrieben und verfügt über breite Fachexpertise.

Wie eine kohärente Politik aussehen könnte

Heute widersprechen Massnahmen des Bundes im Bereich Ernährung oft den eigenen Zielen und wirken dem so dringend notwendigen Wandel entgegen. So will der Bund den Gebrauch von Pestiziden reduzieren, fördert ihn aber gleichzeitig, indem er diesen einen tieferen Mehrwertsteuersatz gewährt. Oder er torpediert seine eigenen Klimaziele und Gesundheitskampagnen, indem er Werbung für den – im Übermass umwelt- und gesundheitsschädigenden – Fleischkonsum subventioniert.

Eine zusammenhängende Ernährungspolitik könnte so aussehen: Aus gesundheits- wie klimapolitischen Überlegungen propagiert der Bund einen niedrigeren Fleischkonsum. Gleichzeitig fördert er eine nachhaltige und hochwertige Fleischproduktion, die dann auch von staatlichen Institutionen wie Mensen, Kitas etc. abgenommen und so den Bäuerinnen und Bauern einen sicheren Absatzmarkt garantieren würde. Eine kohärente Ernährungspolitik könnte frischen Wind in die verkrustete Diskussion um die Landwirtschaftspolitik bringen – und Win-Win-Situationen schaffen, von denen die Umwelt, aber auch Bäuerinnen, Lebensmittelhändler und Konsumentinnen profitieren würden.