Verlorenes Essen

Jahrzehntelang wurde in der Entwicklungszusammenarbeit vor allem auf eine Steigerung der Produktion gesetzt. Dabei wurde ein Faktor ausser Acht gelassen, der laut Welternährungsorganisation im Kampf gegen den Hunger zentral wäre: der «Food Loss».

Von Florian Blumer, Biovision

Die Weltbevölkerung wächst und wächst – gemäss Schätzungen von heute 7,7 Mia. auf gegen 10 Mia. bis 2050. Jeder neunte Mensch auf der Welt hat heute nicht genug zu essen, nach Jahren der Abnahme nimmt der Hunger weltweit seit 2015 wieder zu. Wie kann die Menschheit genügend Nahrung produzieren, damit alle satt werden?

Die Frage ist naheliegend – doch sie ist falsch gestellt. Gemäss Angaben der Welternährungsorganisation FAO produziert die Menschheit schon heute viel mehr Nahrung, als sie konsumiert. Denn: Rund 30 % aller Lebensmittel landen im Abfall.

Menschen hungern – weil Essen verdirbt

Das Problem des Food Waste ist heute bekannt: Mehr und mehr Menschen realisieren, dass wir es uns angesichts der knappen Ressourcen und des Klimawandels nicht mehr leisten können, Essen einfach so wegzuwerfen. Weniger bekannt ist hingegen, dass auch in den ärmeren Ländern viel Nahrung verloren geht. Nur geschieht dies nicht bei den Konsumentinnen und Konsumenten, sondern bereits bei den Produzentinnen und Produzenten, bei der Lagerung und beim Transport. Auch dort geht rund ein Viertel des Essens verloren, «Food Loss» ist der Fachbegriff dafür. Es ist Nahrung, die Menschen fehlt, die hungern.

Das Problem ist das gleiche, die Gründe könnten unterschiedlicher nicht sein. Hier ist es der Überfluss – das Aussortieren nicht perfekt aussehender Ware in den Läden, der verschwenderische Umgang in den Haushalten –, dort ist es der Mangel: schlechte Strassen, fehlende Kühl- und Lagerungsmöglichkeiten etc.

Lösungen sind oft einfach und günstig

Eine Studie des afrikanischen Insektenforschungszentrums icipe und der ETH Zürich von 2015 ergab, dass rund ein Viertel der Maisernte in Subsahara-Afrika verloren geht – durch Schimmel oder Insekten. Dr. Michael Brander, ETH-Wissenschaftler und ehemaliger Biovision-Mitarbeiter, forscht seit Jahren zu Nachernteverlusten. Die Lösungen sind oft einfach und günstig: So wurden in Tansania luftdichte Erntesäcke eingeführt, die den Mais vor Befall schützen. Ein von Michael Brander mitkoordiniertes Feldexperiment hat gezeigt, dass der Anteil an Familien, die Verlorenes Essen in den Monaten vor der nächsten Ernte unter Hunger litten, damit um rund 40 % gesenkt wurde.

Michael Branders Fazit: «Das Potenzial, den Hunger mit einer Reduktion der Nachernteverluste zu bekämpfen, ist hoch – und es wird unterschätzt.» Auch die FAO betont die Bedeutung dieses Ansatzes im Kampf gegen den Hunger. Brander sagt, in den letzten 20 bis 30 Jahren sei in der Entwicklungszusammenarbeit und -politik vor allem auf eine Steigerung der Produktion gesetzt worden: «Selten ist das Landwirtschaftssystem als Ganzes betrachtet worden – und hier gehören eben die Nachernteverluste dazu.»

Milchtransport in ungekühlten Kanistern

Anders im Biovision-Projekt «Kamele für Dürregebiete». Den langen Weg von der Savanne zum Verbraucher legte die wertvolle Kamelmilch früher in ungekühltem Zustand zurück und wurde sauer. Das war schlecht für die Produzentinnen und Händler, die weniger Milch verkaufen konnten – aber auch für die Konsumentinnen und Konsumenten wegen der Ansteckungsgefahr mit zahlreichen Krankheiten nach dem Trinken verdorbener Milch. Biovision und ihr Projektpartner VSF-Suisse unterstützen deshalb durch Schulungen auf allen Ebenen den Aufbau einer Hygienekette vom Melken bis zum Verkauf.

Ein Kühlwagen sorgt heute für einen raschen und gekühlten Transport in die Hauptstadt. Als nächster Schritt wird die Errichtung hygienischer Verkaufsstände in Nairobi sowie der Aufbau einer solargekühlten Milchsammelstelle bei den Produzentinnen und Produzenten in Angriff genommen. Der Transport von Milch in Plastikkanistern auf Motorrädern – wie auf unserem Titelbild – soll bald der Vergangenheit angehören.