«Niemand ist sicher, solange nicht alle sicher sind!»

Simon Gottwalt, Biovision-Programmverantwortlicher für Gesundheit, mahnt zu mehr Solidarität. Und er warnt: Wenn wir beim Impfen Afrika vergessen, wird das auf uns zurückfallen.

 

Während europäische Länder grosse Kontingente an Corona-Impfstoffen für ihre Bevölkerungen kaufen, warten viele Länder Afrikas bis jetzt vergeblich auf Lieferungen. Zynischerweise müssen die Menschen dort darauf hoffen, dass von reichen Ländern zu viel gekaufte Impfdosen an sie weitergegeben werden.

 

Interview: Florian Blumer, Biovision

Simon Gottwalt, in der Schweiz wie in den anderen Industriestaaten sind gerade gigantische Impfkampagnen angelaufen. Wie sieht es in Subsahara-Afrika (SSA) aus, das gerade von einer heftigen zweiten Welle getroffen wird?

Simon Gottwalt: In kaum einem Land Afrikas konnte bis heute mit dem Impfen begonnen werden – weil bis jetzt noch keine Impfstoffe geliefert wurden.

Die Afrikanische Union (AU) hat bereits im September eine eigene Impfstrategie entwickelt ...

Die AU hat angesichts der Misere jetzt gehandelt und selbständig Impfstoffe bestellt, 670 Millionen Dosen für 2021 und 2022. Das reicht für ein Viertel der Bevölkerung und ist ein Novum für Gesundheitskrisen auf dem Kontinent: Bei der AIDS- und der Ebola-Pandemie war SSA noch komplett von der Unterstützung aus den Industrieländern abhängig.

Das klingt nach einer positiven Entwicklung.

Das Problem ist, dass die afrikanischen Länder die Impfstoffe von Pharmafirmen aus den reicheren Ländern kaufen müssen. Sie konkurrieren bei der Beschaffung also mit diesen Staaten um die begrenzt verfügbaren Impfstoffe. Da diese vor allem an die eigene Bevölkerung denken, gehen die afrikanischen Länder mit ihren begrenzten Ressourcen zunächst leer aus.

Die WHO hat die Covax-Initiative gestartet, damit auch ärmere Staaten zu Corona-Impfungen kommen.

Die Initiative ist ein guter Start – mit ihr sollte bis Ende dieses Jahres ein weiteres Viertel der Bevölkerung in Afrika geimpft werden können. Dies reicht aber nicht aus, um die Pandemie zu stoppen.

Handelt der globale Norden zu egoistisch?

Es steht derzeit nicht gut um die internationale Solidarität. Wir in der Schweiz schauen neidisch nach Grossbritannien, das sich noch mehr vom knappen Impfstoff-Kuchen gesichert hat als wir – und vergessen dabei: Wer jetzt grosse Impfkontingente hortet, tut dies zu Lasten ärmerer Länder.

Es heisst, in Afrika hoffe man auf überschüssige Impfdosen aus den reichen Ländern des Nordens.

Dass wir afrikanischen Ländern bloss zukommen lassen, was bei uns allenfalls übrigbleibt, ist ein Armutszeugnis. Und es ist dazu kurzsichtig: Wenn nämlich das Virus in ärmeren Ländern ungehindert grassiert, können sich dort Mutanten bilden. Diese können auch Menschen infizieren, die nach einer Impfung oder Infektion eigentlich immun wären. Genau das passiert gerade bei der südafrikanischen Variante. Am Ende gelangen diese Mutanten wieder zu uns. Deshalb gilt: Niemand ist sicher, solange nicht alle sicher sind!

Wäre Afrika denn überhaupt in der Lage, die Impfungen im grossen Stil durchzuführen?

Natürlich ist dies – wie bei uns auch – eine grosse logistische Herausforderung. Aber die Gesundheitssysteme in vielen afrikanischen Ländern sind besser als viele hier meinen. In den letzten 20 Jahren wurden in Afrika grosse Fortschritte gemacht.

Schweizer Menschenrechts- und Gesundheits-NGOs haben einen offenen Brief an den Bundesrat geschrieben mit der Forderung, den Patentschutz auf Impfstoffe temporär auszusetzen. Würde das helfen?

Aufgrund begrenzter Produktionskapazitäten der Pharmafirmen gibt es im Moment, bildlich gesprochen, zu wenig Kuchen für alle. Es wäre deshalb eine gute Idee, das Rezept zu teilen. Denn das Knowhow und die Kapazität für die Produktion von Impfstoffen wären in Schwellenländern vorhanden. Die Vakzine wurden ja auch mithilfe grosser Geldsummen von der öffentlichen Hand entwickelt – und die erwarteten Umsätze der Hersteller sind enorm: Pfizer und Biontech rechnen mit über 15 Mrd. USD für ihren Impfstoff alleine in 2021! In der momentanen Situation sollten nicht Geschäftsinteressen im Vordergrund stehen, sondern das gemeinsame Bestreben, die globale Pandemie möglichst schnell zu beenden.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Welthandelsorganisation (WTO) auf die Forderung eingeht?

Die 164 Mitgliedsländer der WTO müssten die Aufhebung des Patentschutzes für ärmere Länder einstimmig beschliessen. Leider ist das für viele Länder mit starker Pharmaindustrie ein rotes Tuch – auch für die Schweiz. Am 23. Februar kommt es zur nächsten Verhandlungsrunde. Im Moment sieht es nicht so aus, als ob die Schweiz von ihrer ablehnenden Haltung abrücken würde.


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