«Ä chli stinke muess es» – wirklich?

Während draussen die Tage kürzer und die Jacken dicker werden, suchen viele Menschen Behaglichkeit mit einem Käsefondue. Der Verkauf von Fertigfondue schnellt in den Wintermonaten rasant in die Höhe. In diesem lukrativen Geschäft stecken aber etliche Bundesmillionen – und leider zu oft auch brasilianischer Regenwald.

Simon Braissant, CLEVER-Autor

Nicht nur hierzulande ist Fondue im Trend – auch international steigen die Absatzzahlen. Von den 72‘000 Tonnen exportierten Käseprodukten 2018 wurden immerhin 4’200 Tonnen (6%) in Form von Fertigfondue transportiert. Auch sonst war es ein lukratives Jahr für den Schweizer Käse. Die nationale Produktionsmenge wurde 2018 um über zwei Tonnen auf 191‘000 Tonnen gesteigert und auch das Exportgeschäft nahm volumenmässig um 1.4% zu. Die Kehrseite der Medaille: Die Anzahl der Milchkühe, die in der Schweiz gehalten werden, hat im selben Zeitraum stetig abgenommen. Auch die Anzahl der Milchbauern schrumpft weiter. Während 2017 noch auf 20‘300 Schweizer Höfen Kühe Milch produzierten, so waren es ein Jahr später nur noch 19‘700. Die logische Folge davon ist eine zunehmende Intensivierung der Milchproduktion.

500% mehr Milchleistung mit Hilfe von Import-Soja

Ziel ist, den Ertrag pro Tier zu maximieren. Durch die Züchtung von immer leistungsfähigeren Milchkühen und der stetigen Optimierung der Futtermischung liefert eine Kuh heute bis zu 40 Liter Milch pro Tag. Um ein Kalb zu ernähren, würden 8 Liter ausreichen. Auf diese Menge ist der Organismus einer Kuh naturgemäss eingestellt. Damit eine moderne Kuh wegen ihrer vollen Euter keine Schmerzen leidet, wird sie sie zwei Mal pro Tag gemolken. Das übernehmen vollautomatisierten Melkroboter. Um diesen Ertrag zu liefern, werden die Hochleistungskühe pro Tag mit bis zu drei Kilogramm Kraftfutter gefüttert. Stossend dabei ist, dass dieses Kraftfutter neben Mais und anderem Getreide auch Soja aus Südamerika enthält. Laut dem Soja-Netzwerk Schweiz wurden 2018 satte 268'000 Tonnen Soja–Futtermittel mehrheitlich aus Brasilien in die Schweiz importiert. Indirekt trägt die schweizerische Viehwirtschaft so zur Rodung von Regenwäldern bei. Zwar setzt sich die Schweiz seit 2011 für den Import von „verantwortungsbewusstem“ Soja ein – allerdings stammt dieser weiterhin aus pestizidintensivem Anbau und nimmt Ackerfläche für die menschliche Ernährung weg. Die Einhaltung der definierten Standards ist zudem nur schwer zu überprüfen. Deshalb setzen sich viele Umweltschutzorganisationen für eine Fütterung von Wiederkäuern komplett ohne Import-Kraftfutter ein.

Heidi-Idylle für grösseren Milchabsatz

Die langjährige Vermarktung der Schweizer Milch über die Imagemarke swissmilk durch die mächtige Milchlobby SMP (Organisation Schweizer Milchproduzenten) hat bei vielen Schweizerinnen zu verfehlten Vorstellungen über die hiesige Milchproduktion geführt. So glaubt heute ein Grossteil der Bevölkerung, dass die knapp vier Millionen Tonnen Milch, die im Inland jährlich produziert werden, noch immer allesamt von glücklichen Kühen auf den Weiden kleiner Bauernhöfe stammen. Darüber fördert der Bund das Marketing der SMP jährlich mit mehreren Millionen. So stand der SMP im Jahr 2017 ein Marketing-Budget von knapp 50 Millionen Franken zur Verfügung. Zum Vergleich: Das Werbebudget der Migros beträgt jährlich rund 260 Millionen Franken.

 

Es braucht ein Umdenken in der Politik

Eine Agrarlogik, die die Milchproduktion mit Direktzahlungen fördert und gleichzeitig mit Bundesgeldern das Milch-Marketing unterstützt, um die Nachfrage künstlich zu steigern, versagt gleich mehrfach. Unter dem Denkfehler leiden nicht nur die Kühe, sondern auch unsere Umwelt und das Klima. Das Import-Kraftfutter verursacht hohe CO2-Emissionen und zieht den Verlust von Biodiversität nach sich. «Ä chli stinke muess äs» heisst es in der Fonduewerbung... Wir finden, dieser Käse stinkt zum Himmel.

Im Verbund in «Vision Landwirtschaft» oder bei der «Agrarallianz» fordert Biovision deshalb zusammen mit weiteren Organisationen, eine zeitgemässe Agrarpolitik, welche die ganze Wertschöpfungskette von der «Heu- bis zur Essgabel» berücksichtigt und weder die Umwelt noch das Tierwohl ausklammert. Dazu gehören auch eine klimaschonendere Milchproduktion und die kontinuierliche Reduktion von Import-Futtermittel. Mit dem Projekt «Transformation Nahrungssystem Schweiz» setzt sich Biovision auf nationaler Ebene lösungsorientiert und wissenschaftsnah für politische Rahmenbedingun-gen ein, die eine Transformation hin zu einem nachhaltigen Nahrungssystem im Sinne der Agenda 2030 möglich machen.

 

Weiterführende Artikel:

  • So viel kostet die Agrarwirtschaft die Schweiz jährlich (NZZ)
  • Milchkühe haben einen hohen Wasserbedarf (Schweizer Bauer)

 

Quellen: