Zugang zu Saatgut ist für Kleinbauernfamilien entscheidend

Veränderte Wetterbedingungen, degradierte Böden und Resistenzen erfordern angepasstes Saatgut. Doch die Gesetzgebungen für Saatgutzucht und –handel in Ostafrika lassen wenig Spielraum. Warum der freie Zugang zu Saatgut entscheidend ist.

 

Saatgutbanken, wie diese in Vihiga County, Kenia, erleichtern Kleinbäuerinnen und Kleinbauern den Zugang zu unterschiedlichen Sorten.

Loredana Sorg, Programmverantwortliche

Robustes und vielfältiges Saatgut ist ein Schlüssel zu einer nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion, vor allem in kleinbäuerlichen Strukturen, wie sie in ostafrikanischen Ländern vorherrschen und wo der Anbau oft nur der eigenen Ernährungssicherheit dient. 

Mit der Abnahme der Saatgutvielfalt gehen indigenes Wissen, Kulturgüter und vor allem auch die Absicherung für die Zukunft verloren: Denn Landsorten und Wildpflanzen sind die Ausgangsmaterialien der modernen Nutzpflanzenzucht für neue Eigenschaften wie Schädlingsresistenzen, Dürretoleranzen oder Inhaltsstoffe. Biovision arbeitet mit Partnerorganisationen zusammen, um das traditionelle Wissen im ländlichen Raum aufleben zu lassen und alternative Anbaumethoden zu entwickeln, anzupassen und zu verbreiten

Die Vielfalt auf dem Feld erhöhen mit Hilfe von Saatgutbanken

Da an die lokalen Bedingungen angepasstes Saatgut und einheimische Baumsetzlinge nicht einfach zu finden sind, bauen die von Biovision unterstützten Bäuerinnen und Bauern eigene Saatgutbanken und Baumschulen auf. Im kenianischen Vihiga County zum Beispiel unterstützt unsere Partnerin Bioversity International zehn Bauerngruppen dabei, ihre lokale Saatgutbank aufzubauen.
Die richtige Handhabung von Saatgut ist entscheidend für den Ernteerfolg der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Darum werden die Bauerngruppen in Vihiga im Saatgutmanagement ausgebildet. Für die Zukunft sind Anbauversuche mit der nationalen Saatgutsammlung geplant, um die Agrobiodiversität in der Region mit gut geeigneten Nahrungspflanzen weiter zu erhöhen.

Forscherinnen konnten nämlich in einem von Biovision unterstützten Projekt in Vihiga zeigen, dass eine höhere Agrobiodiversität auf den Feldern auch zu einer ausgewogeneren Ernährung bei den Bauernfamilien führt. Eine grosse Vielfalt an gut zugänglichem Saatgut verbessert deshalb nicht nur längerfristig die Ernährungssicherheit und die Möglichkeit auf veränderte Umweltbedingungen zu reagieren, sondern hat auch einen direkten positiven Einfluss auf die Gesundheit der Bäuerinnen und Bauern – und insbesondere ihrer Kinder.
 

  • Gemeinschaftliche Saatgutbanken sind informelle Institutionen, die (meistens) lokale Sorten ausfindig machen, aufbewahren, vermehren und tauschen.
  • Soeben renovierte eine Bauerngruppe in Eigenregie das kürzlich erstandene Lagergebäude zu einer Saatgutbank...
  • ...und säte ihre traditionellen Gemüsesorten auf dem angrenzenden Feld aus. (Auf dem Bild ist das Gebäude vor der Renovation zu sehen.)

Zugang zu Saatgut von grosser Bedeutung

In unseren Partnerländern sind lokales Saatgut und der informelle Saatgut-Sektor von grosser Bedeutung für die Ernährungssicherheit, da 80-90% der Bäuerinnen und Bauern ihr Saatgut aus dem informellen Sektor beziehen. Das heisst, sie setzen auf eigene Saatgutvermehrung, Tauschgeschäfte, Geschenke und Verkauf unter Nachbarn und auf Angebote vom lokalen Markt – alles mit nicht zertifiziertem Saatgut. Die soziale Zertifizierung, also die Kontrolle und Reputation auf den lokalen Märkten und unter Nachbarinnen, übernimmt dabei die Rolle der formalen Zertifikation. Je mittelloser die Produzenten und Produzentinnen, desto stärker sind sie auf den lokalen Saatgutmarkt angewiesen.

Tauschhandel und Saatgutvermehrung unter Druck

Immer stärkere nationale oder überregionale Sortenschutzgesetze, aber auch Patente auf einzelne gezüchtete Pflanzensorten, erschweren den Bäuerinnen und Bauern, ihr Saatgut zu verkaufen, zu tauschen oder weiter zu verwenden. Während in der Schweiz Kleinstmengen von der Sortenschutzregelung ausgenommen sind, hat sich in unseren Projektländern in Ostafrika die Gesetzgebung in letzter Zeit zugunsten von multinationalen Saatgutkonzernen verändert. 

In vielen Fällen ist es allerdings erforderlich, den Privatsektor ins Netzwerk zu integrieren. Bei der Anbaumethode Push-Pull für Mais und Hirse sind die Bauernfamilien auf die Verfügbarkeit des Saatguts für die Begleitpflanzen angewiesen. Bis anhin musste dies für einen sehr hohen Preis aus Übersee importiert werden. Das relativ kleine Saatgutunternehmen Mukushi Seeds aus Simbabwe hat das Potenzial erkannt und kann nun mit Unterstützung von Biovision die lokale Verfügbarkeit des Saatguts gewährleisten. (Mehr Infos hier und im Video.)