Projektabschluss «Kamele für Trockengebiete»

Die Hirtenvölker im nördlichen Kenia leiden besonders stark unter dem Klimawandel. Unterstützt von Biovision und Vétérinaires Sans Frontières Suisse haben Betroffene verschiedene Massnahmen zur Erhöhung ihrer Widerstandskraft umgesetzt.

 

Erhöhte Widerstandskraft gegen Dürren: Der Bestand von Dromedaren hat sich im Isiolo County innert 20 Jahren verdreifacht.

Von Peter Lüthi, Biovision (Text und Bilder) und Christian Bobst (Bilder)

Was bleibt bestehen von einem abgeschlossenen Projekt? Beim langjährigen Unternehmen «Kamele für Trockengebiete» von Biovision und Vétérinaires Sans Frontières Suisse (VSF-Suisse) im Isiolo County (Kenia) ist das viel: Mehr als 200 Hirtenfamilien haben von Rindern auf einhöckrige Kamele (Dromedare) umgestellt und wissen Bescheid über die Haltung und das hygienische Melken dieser neu eingeführten Tiere. Es bleiben 700 Dromedare, deren Bestand wächst, die viel robuster sind gegen Dürren als Kühe und etwa doppelt so viel Milch geben. Dazu kommen 58 ausgebildete Tiergesundheits-Reporterinnen und -Reporter in den Dörfern. Diese sind in ein funktionierendes Überwachungssystem von Viehkrankheiten eingebunden. In Verdachtsfällen senden sie ausgefüllte Fragebogen via Smartphone an die Behörden in Isiolo Town. Dort können Tierärztinnen und -ärzte aufgrund der Antworten Ferndiagnosen erstellen, im Ernstfall ausrücken und drohende Epidemien frühzeitig bekämpfen.

Vermarktungs- und Wertschöpfungskette für Kamelmilch

Ein grosser Projekterfolg ist das funktionierende Sammel- und Vermarktungssystem für Kamelmilch. Es verbindet Hirtenfamilien selbst aus entlegenen Gebieten über einen zentralen Sammel- und Verarbeitungsbetrieb mit den Konsument:innen. In der Molkerei von Isiolo Town werden je nach Saison täglich 4000 bis 7000 Liter Kamelmilch gesammelt, auf Keime und Qualität überprüft, gekühlt und teilweise zu Käse, Joghurt und zu anderen Spezialitäten verarbeitet. Diese Produkte werden direkt in Isiolo Town verkauft und sind bei der Kundschaft sehr beliebt. Der Rest der Milch gelangt im Kühllastwagen in die Millionenmetropole Nairobi auf den Markt zum Verkauf. Die Einnahmen fliessen zurück an die Molkerei und damit an die Genossenschafter:innen und an die Kamelbesitzer:innen.

 

Sauberes Wasser und ein renoviertes Haus: Sadia Mohamed hat die Gewinne aus dem Verkauf von Kamelmilch geschickt investiert und ihr Auskommen verbessert.

Wissen vermehrt sich, je mehr es geteilt wird

Das neu erworbene Wissen der involvierten Menschen bleibt bestehen, und es kann wachsen. Das zeigt etwa das Beispiel von Frau Sadia Mohamed. Die heute 49-Jährige konnte von ihrer Mutter eine Kamelstute übernehmen. Die alte Frau war von der Dorfgemeinschaft wegen eines körperlichen Handicaps und besonderer Armutsgefährdung als Kamelbesitzerin bestimmt worden. Tochter Sadia packte die Chance und machte vor, wie sich die Lebenssituation auf Basis eines Dromedars verbessern lässt. Sie begann mit dem Verkauf von Kamelmilch am Strassenrand von Isiolo. Bald erweiterte sie ihr Sortiment mit zugekauftem Gemüse. Sie sparte Geld und investierte in die Miete eines Ladenlokals an guter Lage. Damit konnte sie ihr Business markant verbessern und Mittel in die Kaninchenhaltung stecken. Heute besitzt Sadia Mohamed drei Kamele, Kaninchen, ein renoviertes Haus mit Zimmern zum Vermieten und einen Tank mit 5000 Litern sauberem Trinkwasser.

Und was kommt als Nächstes? «Ich verhelfe Frauen zu mehr Selbständigkeit und Respekt und unterstütze sie beim Aufbau ihres eigenen Business», sagt sie. «Es ist so erniedrigend, wenn du deinen Ehemann um jeden Cent bitten musst. Ich möchte, dass meine Nachbarinnen so selbständig und unabhängig werden wie ich.»