Nachhaltige Ernährungssysteme sind resistenter gegen Krisen

Die aktuelle Corona-Krise zeigt, wie verletzlich unser Ernährungssystem ist. Die Erkenntnisse über die Schwächen der heutigen Landwirtschaft müssen deshalb in die neue Agrarpolitik AP22+ einfliessen. Denn mit einer nachhaltigeren Landwirtschaft sind wir besser gegen künftige Krisen gewappnet.

 

Von Daniel Langmeier, Politikberater Programm Schweiz

Die Corona-Krise bestimmt zurzeit unseren Alltag und auch für das Ernährungssystem Schweiz bringt sie viele Herausforderungen. Sie zeigt zum Beispiel die Abhängigkeit von Erntehelferinnen und -helfern aus dem Ausland auf, die bereit sind, eine 65-Stunden-Woche bei minimaler Bezahlung und maximaler Anstrengung zu leisten. Die Krise macht uns den wahren Wert unseres Essens bewusst und bietet die Chance, uns darüber Gedanken zu machen und bessere Lösungen für die Sicherung einer gesunden Ernährung und den Schutz der Umwelt zu finden. 

Solidaritätswelle für die Landwirtschaft

Wer bisher dachte, das Recht auf würdevolle Arbeit, wie es im globalen Nachhaltigkeitsziel SDG 8 der Agenda 2030 festgehalten ist, seit bloss eine Herausforderung für den Globalen Süden, sieht sich eines Besseren belehrt. Es ist sehr wohl auch eine Herausforderung für die Schweiz. Bemerkenswert ist unter diesem Gesichtspunkt die grosse Welle der Solidarität für Schweizer Landwirtinnen und Landwirte. Momentan melden sich tausende Freiwillige für Einsätze auf Bauernhöfen, um für ausgefallene Saisonarbeiterinnen und Erntehelfer einzuspringen. Auch die von Biovision unterstützte Bewegung «Landwirtschaft mit Zukunft» hat eine Plattform dafür eingerichtet: Auf landwirtschafts-solinetz.ch können sich Interessierte melden, um auf Bauernhöfen ihrer Umgebung Unterstützung zu leisten.

Neue Agrarpolitik rasch richtig aufgleisen

Leider wird die Corona-Krise auch als Argument verwendet, um den Status Quo in der Schweizer Landwirtschaft zu erhalten. So fordert beispielsweise der Schweizerische Bauernverband den Bundesrat dazu auf, bei der geplanten neuen Agrarpolitik (AP22+) die Notbremse zu ziehen und diese zu vertagen (vgl. NZZ 31.3.2020). Die AP22+ sieht unter anderem strengere ökologische Anforderungen an die Landwirtschaft vor sowie eine Reduktion beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Unsere Erwartungen an die AP22+ haben wir im Januar hier vorgestellt (vgl. Pkt. 1). Obschon die Vorlage nicht perfekt ist, wird sich Biovision zusammen mit der Agrarallianz dafür einsetzen, dass sie wie vorgesehen so rasch wie möglich vom Parlament beraten wird. Trotz offensichtlicher Lücken bietet die AP22+ die notwendige politische Plattform, um dringend notwendige Massnahmen zum Einleiten des Kurswechsels zu nachhaltigen Ernährungssystemen zu diskutieren. Die Krise ist kein Grund, diese Diskussion aufs Eis zu legen. Im Gegenteil: Sie macht die Beantwortung der offenen Fragen umso dringlicher. 

Mit der Natur, nicht gegen die Natur

Die «Vision 2030» der Bewegung «Landwirtschaft mit Zukunft», bei der Biovision mitgearbeitet hat (vgl. Beitrag vom 18.2.20), zeigt auf, wohin der Weg führen muss. Dass ein besserer, sprich nachhaltigerer Umgang mit der Natur eine wichtige Voraussetzung ist, um besser gegen Seuchen gewappnet zu sein, hat auch die deutsche Umweltministerin Svenja Schulze betont. Die Bundesumweltministerin warnte in einem Gespräch mit der Tagesschau von ARD Anfang April: «Wir müssen aufpassen, wie wir mit der Natur umgehen. Unsere Lebensweise sorgt nämlich dafür, dass das Biosystem aus dem Gleichgewicht kommt.»