Landwirtschaft in Graubünden soll klimaneutral werden

Pionier:innen wollen das Potenzial der Landwirtschaft im Klimaschutz nutzen – und haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt.

 

Claudio Müller vor seinem Hof
Claudio Müller, Mit-Initiant von Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden (Bild: Giorgio Hösli)

Von Peter Lüthi, Reporter Biovision (Text) und Giorgio Hösli (Bilder)

Claudio Müller, Mit-Initiant des Projekts «Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden», hat Mut. Als Agronom ETH, ehemaliger Alpsenn und heutiger Geschäftsleiter des Maschinenrings Graubünden verfügt er zudem über breites Fachwissen, handfeste Praxiserfahrung und grosse Nähe zur Bündner Bauernschaft. Der Maschinenring, eine Selbsthilfeorganisation von Landwirt:innen für Landwirt:innen, unterstützt die Betriebe dabei, Zeit und Kosten zu sparen, neue Einnahmequellen zu erschliessen oder Betriebshelfer:innen zu organisieren.

«Wir haben die Nase im Wind und wissen, wo der Schuh drückt», sagt der umtriebige Geschäftsleiter und nennt auch gleich ein Beispiel: «Was dem Bauernstand an die Nieren geht, ist die zunehmend kritische Haltung in der Bevölkerung gegenüber den Bäuerinnen und Bauern, bis hin zu Anfeindungen.» Im wachsenden Interesse einer aufgeklärten Kundschaft sieht er aber auch Chancen.

Heisse Eisen angehen

Im Kreis des Maschinenrings entstand die Idee, heisse Eisen proaktiv anzugehen und der Öffentlichkeit etwa zu erklären, warum die Kuh kein Klimakiller ist und dass die Landwirtschaft eine wichtige Rolle bei der CO2-Reduktion spielt. «Es ist viel zu wenig bekannt, dass Grasland riesige Mengen an Kohlenstoff speichern kann – mehr als der Waldboden», erläutert der Agronom.

Bereits 2015 entwarf er mit seiner Organisation das ehrgeizige Projekt «Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden» – und damit eine grosse Vision: Graubünden soll der erste Kanton der Schweiz werden, in welchem die Konsumentinnen und Konsumenten beim Kauf von Lebensmitteln die Gewissheit haben, dass diese klimaneutral produziert worden sind.

Chilli-Ernte
Chilli-Ernte (Bild: Giorgio Hösli)

Breite Unterstützung bei Bauern und Regierung

Die Idee stiess auf sehr positives Echo in der Landwirtschaftsszene. Denn auch in Graubünden sind die Folgen des Klimawandels spürbar. Hilfreich war zudem der politische Vorstoss «Aktionsplan Green Deal Graubünden» im Grossen Rat. Dieser fordert vom Kanton, auf allen Ebenen die Klimaneutralität anzustreben. So gelang es den Initiantinnen und Initianten, die Behörden, das kantonale landwirtschaftliche Informations- und Ausbildungszentrum Plantahof, die Branchenorganisationen Bio Grischun, den Bündner Bauernverband und die Kantonsregierung ins Boot zu holen. Als Letztere 2020 einen Kredit über 6,4 Millionen Franken für die erste Projektetappe bis 2025 sprach, konnte die Pilotphase Anfang 2021 starten.

Derzeit testen 2 kantonale und 50 private Pilotbetriebe aus einer Palette von 140 Ideen klimarelevante Massnahmen in den Bereichen Tierhaltung, Pflanzenbau, Energieverbrauch und Energieproduktion. Dabei werden jeweils auch die neusten Resultate aus der Forschung berücksichtigt und umgesetzt. Auf dem Weg hin zu einer klimaneutralen Landwirtschaft werden die Betriebe sowohl am Anfang wie auch nach fünf Jahren hinsichtlich ihres Ausstosses an Treibhausgasen und ihres Ressourcenverbrauchs bilanziert.

Widerstandskraft gegen den Klimawandel stärken

So lässt sich feststellen, wie die individuell gewählten Massnahmen wirken und wie sie weiterentwickelt werden müssen. Ab 2026 sollen in der Expansionsphase die positiven Erfahrungen an möglichst viele andere Betriebe weitergegeben und zudem die Rahmenbedingungen angepasst werden. Dabei denkt Müller auch an Gesetzesregelungen, etwa an die Bedingungen für Subventionen an Stallneubauten.

Mit dem Projekt soll einerseits die Widerstandskraft von Bündner Bauernbetrieben gegen die Folgen des Klimawandels gestärkt und gleichzeitig ein wirtschaftlich tragbarer Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden. Dabei gelten folgende Grundsätze: Die Massnahmen sollen im Berggebiet sinnvoll und umsetzbar sein, der Ansatz ist partizipativ und auf Augenhöhe, und die Teilnahme erfolgt auf freiwilliger Basis.

Solarenergie, Biogas und Synergien

Aber welches sind die konkreten Massnahmen? Beim Energieverbrauch geht es etwa um überbetriebliche Zusammenarbeit, um verbrauchsarmen Maschineneinsatz, um Elektroantriebe oder die energetische Optimierung von Betriebsgebäuden. Grosses Potenzial liegt weiterhin bei der Energieproduktion mit Solar- und Windkraft oder bei Biogasanlagen, die neben Strom und Wärme auch Dünger liefern.

Im Bereich der Tierhaltung werden Massnahmen bei der Art der Fütterung, dem Umgang mit dem Hofdünger oder der gezielten Rassenwahl getestet. Denn nicht jede Kuh ist gleich. Es gibt Unterschiede bei der Verdauung und dem Ausstoss von Methangas. Dieser kann durch das Zugeben von Pflanzen mit einem hohen Anteil an Tannin bei der Fütterung gesenkt werden, etwa mit Esparsetten oder Hornklee. Möglichkeiten zur Reduktion der Treibhausgase liegen auch in der Gülleaufbereitung. So können durch die Trennung von Festmist und Urin sowohl Methan- als auch Lachgas- und CO2-Emissionen vermindert werden.

Die Landwirt:innen ernten Kartoffeln
Die Landwirt:innen ernten Kartoffeln (Bild: Giorgio Hösli)

Der Boden als Klimaretter?

Besonders viel Hoffnung setzt Co-Projektleiter Claudio Müller auf den Boden und damit auf den Pflanzenbau. Im Projekt werden die unterschiedlichsten Formen der Bodenbearbeitung getestet. Diese reichen vom bodenschonenden Maschineneinsatz über Fruchtfolgen mit standortangepasster Sortenwahl bis zur klimafreundlichen Düngung. Auch verschiedene Anbausysteme wie Agroforst, Permakultur oder biointensives Mikrofarming werden getestet. Bei Letzterem werden auf maximal einer Hektare mit ökologischen Methoden und viel Handarbeit möglichst hohe Gemüseerträge generiert.

Dabei spielt die ausgeklügelte Kompostwirtschaft eine entscheidende Rolle. «Wir sind uns bewusst, dass die Landwirtschaft ein sehr anspruchsvolles und komplexes System ist», betont Müller, «aber sie bietet auch grosses Potenzial für den Klimaschutz.» Ein Anfang ist jedenfalls gemacht. Und etwas freut den Co-Projektleiter ganz besonders: «Im Kreis der Pionierbetriebe herrscht Aufbruchsstimmung und Begeisterung dafür, alte Pfade zu verlassen und Neues zu wagen.»