Klimawandel: Komplexe Herausforderung für die Landwirtschaft

Wassermangel, verbrannte Heuwiesen und Feuerverbote: Auch die Schweiz und Liechtenstein* litten im vergangenen Sommer unter Hitzewellen und Trockenheit. Aber was bedeuten die Wetterextreme für die Bäuerinnen und Bauern in den Ländern des Südens? Wie können sie dieser komplexen Herausforderung begegnen?

Peter Lüthi, Kommunikation

Menschen laufen durch trockenes Land
Im Siraro Distrikt (Äthiopien) häufen sich die Wetterextreme. Seit 2005 mussten die Menschen fünf Dürren überstehen. Foto: Peter Lüthi / Biovision

Der Hitzesommer 2018 hat gezeigt, dass die Folgen des Klimawandels auch bei uns einen zentralen Lebensbereich betreffen: Die Landwirtschaft. Die grosse Trockenheit verursachte im Fürstentum Liechtenstein markante Ausfälle bei der Heuernte.

In Ländern des Südens ist die Situation bereits viel dramatischer. In Afrika etwa ist die Nahrungssicherheit für Millionen von Menschen infolge extremer Wetterverhältnisse gefährdet. Ostafrika wurde in den letzten Jahren in immer kürzeren Abständen mit Dürren konfrontiert, zuletzt 2005/06, 2009, 2011, 2014/15 und 2017. Abgesehen von solchen Extremsituationen werden die Bedingungen für die Landwirtschaft auch durch den schleichenden Temperaturanstieg, Versalzung und sich verändernde Regenzeiten zunehmend erschwert. Gravierende Folgen sind unter anderem die abnehmende Verfügbarkeit von Nahrung sowie Konflikte um Wasser. Beides sind Hemmnisse für die Entwicklungsmöglichkeiten der betroffenen Staaten und können Auslöser für Migration sein.

Die Landwirtschaft auch als Verursacher

Die Landwirtschaft und das Ernährungssystem sind nicht nur Opfer, sondern auch Verursacher des Klimawandels. Mit „Ernährungssystem“ wird der gesamte Nahrungsmittelzyklus von der Produktion über die Ernte, die Lagerung, die Verteilung, den Konsum bis zur Entsorgung von Nahrungsmitteln bezeichnet. Entlang dieser Kette entstehen signifikante Mengen an Treibhausgasemissionen. Paradoxerweise versucht die heutige, industrielle Landwirtschaft, die Produktionseinbussen infolge des Klimawandels durch weitere Intensivierung wettzumachen. Doch der Einsatz von noch mehr fossilen Treibstoffen, synthetischen Düngern und Agrochemikalien erhöht die Emissionen klimaschädlicher Gase, statt sie zu reduzieren. Die industrialisierte Landwirtschaft verursacht zusätzliche Probleme. Dazu gehören grossflächige Entwaldungen, ein immenser Wasserverbrauch, Bodenverdichtung und Erosion, die chemische Belastung der Umwelt und der Verlust der Biovielfalt. Damit wird die Übernutzung der natürlichen Ressourcen weiter vorangetrieben und die Verwundbarkeit gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels erhöht.

Menschen schaufeln in einem Graben
Im Projekt «Ernährungssicherheit im ländlichen Äthiopien» von Biovision und Caritas Vorarlberg heben die Dorfgemeinschaften des Siraro-Distrikts Erosionsschutzgräben aus. Das ist wichtig für die Erhaltung und Aufwertung der natürlichen Lebensgrundlagen. Foto: Peter Lüthi / Biovision

Weiter wie bisher ist keine Option

„Die industrielle Landwirtschaft führt in die Sackgasse – weiter wie bisher ist keine Option“, warnt deshalb Hans Rudolf Herren, Welternährungspreisträger und Präsident der Stiftung Biovision seit Jahren. Der renommierte Agronom und Insektenforscher fordert einen Kurswechsel in der globalen Landwirtschaft hin zu einer ökologischen, multifunktionalen Landwirtschaft, die nicht den höchsten, aber den nachhaltigsten möglichen Ertrag gesunder Nahrung anstrebt, beispielsweise durch die Berücksichtigung agrarökologischer Prinzipien. Diese Option wird mittlerweile auch von der Welternährungsorganisation der UNO als Antwort auf die vielseitigen Herausforderungen des Klimawandels anerkannt.

Vielfalt erhöht die Resilienz

Der Klimawandel ist ein komplexes Problem mit Wechselwirkungen verschiedenster Faktoren. Das verlangt nach ganzheitlichen Antworten. Dazu gehört der Ansatz der Agrarökologie, und zwar angepasst auf die jeweils geltenden politischen, sozialen und natürlichen Standortbedingungen. Ein wichtiges Prinzip der Agrarökologie ist etwa die Förderung der Vielfalt. Je diverser ein Ökosystem ist, desto flexibler kann es auf Änderungen reagieren, sich von Störungen erholen und sich neuen Bedingungen anpassen. Das gilt auch für diversifizierte Agrarökosysteme, welche unter anderem Synergien aus Mischkulturen oder Agroforstsystemen nutzen und auf den Einsatz natürlicher Dünger aus Kompost und Mist setzen. Auch die Kombination von traditionellem und neuem Wissen wird gefördert. Dasselbe gilt für eine Vielfalt an lokal angepassten und robusten Pflanzensorten und Tierrassen. Immer wichtiger werden effizienzfördernde Massnahmen, etwa bei Bewässerungssystemen. Auf übergeordneter Ebene geht es um faire Handelsbedingungen und Marktzugang für alle Produzenten, aber auch um eine verantwortungsvolle Regierungsführung. Diese soll die Koordination übernehmen und entsprechende politische Weisungen erlassen.

Frau mit Hühnern
Geld sparen für Dürrezeiten: Barite Jumba aus Siraro erlernte im Projekt von Biovision und Caritas Vorarlberg die Haltung und Zucht von Hühnern. Mit den Einnahmen aus dem Eiergeschäft ersteht sie überschüssiges Gemüse und verkauft dieses mit Gewinn auf dem Markt. So spart sie Geld, um Essen kaufen zu können, wenn ihre eigenen Vorräte zu Ende sind. Foto: Peter Lüthi / Biovision

Handeln auf allen Ebenen

Um den Prinzipien der Agrarökologie zum Durchbruch zu verhelfen, ist ein Dialog aller involvierter Akteure nötig. Nur so kann der Kurswechsel Landwirtschaft gemeinsam und nachhaltig gestaltet werden. Dieses Ziel verfolgt das „Advocacy-Team“ der Stiftung Biovision. Diesen Fürsprechern der Agrarökologie gelang es gemeinsam mit zielverwandten Organisationen und verbündeten Staaten 2015 in New York, die Forderung für Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft als Bestandteil der 17 Nachhaltigkeitsziele der UNO zu etablieren. Die Stiftung Biovision unterstützt die Erreichung dieser Ziele sowohl für die Landwirtschaft als auch für den Klimaschutz auf drei Ebenen:

  • Hier bei uns liegt der Fokus in der Sensibilisierung der breiten Bevölkerung für den nachhaltigen Konsum und im Aufbau eines Netzwerkes zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele.
  • Auf internationaler Ebene diskutiert das Advocacy-Team die Agrarökologie mit interessierten Staaten, um dieses Prinzip auch im Klima-Rahmenabkommen der UNO zu positionieren. Biovision unterstützt mit dem Projekt „Anwaltschaft für Agrarökologie“ aktionsbereite Länder mit konkreten Handlungsempfehlungen und einem koordinierten Politikdialog zur Planung klimafreundlicher, agrarökologischer Massnahmen in der Landwirtschaft.
  • Mit diversen Basisprojekten in Afrika realisiert Biovision schliesslich verschiedene konkrete Modellbeispiele für die erfolgreiche Anwendung solcher Massnahmen. Hier ist die vom LED unterstützte Ausbildung und Information von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern entscheidend wichtig, damit Landwirte eine Chance erhalten, sich gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen.

 

*Dieser Beitrag ist zuerst in "Blickwechsel", der Zeitschrift des Liechtensteinischen Entwicklungsdienstes LED erschienen.
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