30.09.2018

Improvisation ist alles

Eine Abfallsortieranlage in einem kleinen kenianischen Dorf? Ich staune nicht schlecht, als ich auf meinem Rundgang durch Boji, einem abgelegenen 700 Seelenort in der staubtrockenen Weite nördlich des Mount Kenya, auf einen grossen Haufen gesammelten Kehrichts stosse. Eigentlich bin ich ja hier, um das Projekt „Kamele für Dürregebiete“ zu dokumentieren. Nun aber hat der Abfallberg mein Interesse geweckt.

Peter Lüthi, Kommunikation

Mir fällt auf, dass es nicht im Geringsten nach Müll stinkt. Ich trete näher. Nach einer halben Runde um den Hügel löst sich das Rätsel: Das ist kein Haufen, sondern ein Ring aus Abfall und Dornengestrüpp – ein Kleinviehgehege. Drinnen belauern sich ein Mann und eine junge Ziege. Soeben wirft der Mann seine Arme nach vorn und stürzt sich auf das Tier. Doch seine Hände greifen ins Leere. Die Zicke ist schneller. Mit einem Satz springt sie an mir vorbei und rettet sich ins Freie.

Abfall verwerten statt Büsche schneiden

Unwirsch hebt der Mann den Kopf. Sein Blick verrät zuerst Ärger, dann Überraschung und schliesslich Freundlichkeit. „Salam alaikum“ sagt er – Friede mit dir -, und stellt sich vor als Mohamed Godana. „So muss ich weniger Dornengestrüpp schneiden und heranschleppen“, erklärt er die spezielle Materialwahl für seinen Pferch. Holz sei Mangelware im semiariden Boji, und ausserdem wolle er mit seinem Gehege ein gutes Beispiel für die Weiterverwendung von Abfall abgeben. Seine Vorbildfunktion kommt nicht von ungefähr: Mohamed Godana ist Lehrer in der Dorfschule. Als er mich zu einem Besuch in sein Klassenzimmer einlädt, nehme ich gerne an.

  • Klassenzimmer
    Mohamed Godana, Lehrer in Boji (Kenia) schüttelt spontan eine Kurzlektion über die Kamelhaltung aus dem Ärmel.
  • Abfallberg
    Eine Abfallsortieranlage im 700-Seelendorf Boji in Kenia?
  • Mann mit Ziege
    Der Haufen entpuppt sich als Kleinvieh-Gehege. Mohamed Godana Versuch, eine Zicke zu fangen, scheitert.
  • Gebäude und Hof
    Die Schule von Boji, einem Boranadorf nördlich des Mount Kenia.
  • Lehrer vor einer Klasse
    Mohamed Godanas Klassenzimmer.
  • Kinder auf einer Schulbank
    „God Bless us“.
  • Mädchen mit Kopftüchern
    In Boji ist das Kopftuch für Mädchen Teil der Schuluniform.
  • Lehrer zeigt auf Tafel
    Die Antworten der Schülerinnen und Schüler auf die Frage, warum in Boji Kamele gehalten werden.
  • Kind läuft durch Einöde
    Die Schule ist aus - auf dem Weg nach Hause.
  • Mann trägt Holz
    In den semiariden Gebieten ist Brennholz sehr knapp, so auch in Boji.
  • Kamele
    Biovision führt in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung und Vétérinaires sans Frontières
  • Familie vor einer Hütte
    Das Projekt „Kamele für Dürregebiete“ ist ein Modell zur Stärkung der Resilienz von Hirtenvölkern gegen extreme Trockenheiten.

Keine Hitzeferien trotz 40° Celsius

Am frühen Nachmittag mache ich mich auf zur Schule. Es ist unsäglich heiss, wohl gegen vierzig Grad Celsius im Schatten. Die Sonne brennt. „Bei uns wären längst Hitzeferien ausgerufen worden“, denke ich. Hier aber scheint alles seinen normalen Lauf zu nehmen. Auf dem gossen Platz mit den länglichen Gebäuden tummelt sich laut eine Schar Kinder in Schuluniformen. Offenbar ist Pause.
Als ich das Schulzimmer betrete, putzt der Lehrer gerade die grosse Wandtafel. Freudig heisst er mich willkommen. Dann eilt er nach draussen und ruft mit äusserst scharfer Stimme seine Klasse herein. Kurze Zeit später sitzen 36 Mädchen und Knaben in den neun Schulbänken und blicken gespannt nach vorn. An den Fenstern drängen sich lärmend die Kinder aus den übrigen Klassen, denn die Pause ist noch nicht zu Ende.

Das Kamel im Klassenzimmer

Mohamed Godana stellt mich kurz vor und erteilt mir das Wort. Ich begrüsse die Klasse und erkläre, dass ich hier sei, um die Fortschritte im Projekt zur Wiedereinführung von Kamelen zu dokumentieren. Beim Stichwort „Kamel“ übernimmt der Lehrer unvermittelt wieder das Zepter und startet aus dem Stehgreif eine Lektion im Fach „Gemeinschaftskunde“ zum Thema Kamel. „Warum werden diese Tiere in Boji gehalten?“, fragt er in die Klasse. Die Kinder überlegen, dann strecken die ersten die Hand: „Kamele geben Milch“, „Sie geben Fleisch“, „Sie bringen Geld“, „Für den Transport“, „Man kann ihr Fett nutzen“, „Aus ihren Häuten kann man Zeltdächer machen“, so die Antworten. Der Lehrer hakt nach: „Welches sind die Vorteile von Kamelen gegenüber Kühen, Ziegen oder Schafen“? Die Kinder überlegen kurz, dann schiessen sie los: „Kamele können viel länger ohne Wasser überleben“, „Sie können viel weiter laufen als das übrige Vieh“, „Wenn das Gras verdorrt, können sie die Blätter von den Akazien und Dornenbüschen zupfen“, „Kamelmilch kann man gut verkaufen bis in die Hauptstadt Nairobi“. Während ich mit Befriedigung und Anerkennung zuhöre, spurt der Lehrer für mich sehr überraschend bereits auf die Zielgerade ein und beendet seine Kurzlektion mit der offiziellen Verabschiedung meinerseits. Meinen perplexen Blick zum abrupten Ende beantwortet er mit einem schelmischen Lächeln: „Weisst du, die Schule war eigentlich bereits aus für heute. Ich habe die Kinder nochmals zurückgerufen für dich …“.