Fruchtbare Böden – dank partizipativer Forschung

Vor zehn Jahren gaben die Felder von Patrick Maive und Joyce Wangari kaum mehr etwas her. Dies änderte sich, als sie sich zusammen mit kenianischen Forschenden aufmachten, ihren Boden wieder fruchtbar zu machen.

 

Gemeinsam funktioniert's! Bäuerin Joyce Wangari und icipe-Forscher Felix Matheri im Gespräch. (Bild: J. Bastmeijer)

Von Florian Blumer, Redaktor Biovision

Joyce Wangari steht mitten in ihrem Kohlfeld in Kianjugu, Kenia, und zeigt mit einer ausladenden Armbewegung um sich. «Das sind die Früchte der Arbeit einer Bio-Bäuerin!», sagt sie und strahlt.

Die Mutter dreier Kinder bewirtschaftet das rund ein Drittel Hektar grosse Gemüsefeld neben ihrem Haus, ihr Mann arbeitet auswärts. Vor gut zehn Jahren beschloss sie, ihrer Familie nicht weiter pestizidbelastetes, gesundheitsschädigendes Gemüse vorsetzen zu wollen und ihr Feld auf biologischen Landbau umzustellen.

Danach brauchte sie erst einmal Geduld. Denn, so erzählt Felix Matheri, Forscher und Doktorand am internationalen Forschungsinstitut icipe in Nairobi: «Die erste Bodenanalyse, die wir durchführten, war ernüchternd: Die Erde auf ihren Feldern war leblos, trocken und arm an Nährstoffen. Das musste Joyce mit Kunstdünger kompensieren – ansonsten hätte sie kaum noch etwas geerntet.»

Wissenschaftler und Bäuerinnen forschen gemeinsam

Das icipe ist seit 2005 Teil des Langzeitforschungsprogramms SysCom, eines Projekts getragen von Biovision und mehreren Partnerorganisationen, geleitet vom schweizerischen Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL. SysCom steht für «farming systems comparisons», verglichen wird biologischer mit konventionellem Landbau. Eine Besonderheit dieses Projekts: Die Forschenden arbeiten eng mit Bäuerinnen und Bauern zusammen. Dies stellt sicher, dass die Forschung praxisnah erfolgt und die Landwirtinnen und Landwirte direkt von bestehendem und neu erarbeitetem Wissen der Forschenden profitieren können – und umgekehrt.

Begleitet von Felix Matheri begann Joyce Wangari, Kompost aufzubauen, die Ausbringung von Mist zu optimieren und ihren Anbau zu diversifizieren. Fünf Jahren später hatte sich ihr Boden erholt. «Die Kohlköpfe sind zwar kleiner als vorher», sagt sie. «Dafür sind sie gesund und schmecken besser. Das schätzen auch meine Kundinnen auf dem Markt.»

Zwiebeln gegen Kohlschädlinge

Auch das Problem des Schädlingsbefalls konnte sie in Zusammenarbeit mit Felix Matheri und seinen Kolleginnen und Kollegen beim icipe lösen. Die fermentierten Pflanzen- und Kräuterextrakte, die sie nach überliefertem Rezept herstellte und auf die Kohlpflanzen ausbrachte, funktionierten zwar als natürlicher Dünger, nicht aber gegen Schädlinge. In Laboruntersuchungen kam ans Licht, warum: Die Fermentierung nahm dem Extrakt die schädlingsabschreckende Wirkung. Joyce Wangari wandte sie fortan also direkt an – und hatte damit ein wirksames biologisches Schädlingsbekämpfungsmittel zur Verfügung.

Die Methode der Mischkulturen wurde ebenfalls dank intensivem Austausch zwischen der Kleinbäuerin und den Wissenschaftlerinnen optimiert. Joyce Wangari wusste wie andere Bäuerinnen in der Gegend, dass Zwiebeln gegen Kohlschädlinge helfen und baute deshalb Zwiebelpflanzen rund um ihr Kohlfeld an. Die Forschenden fanden in Versuchen heraus, dass der Kohl viel besser geschützt wird, wenn die Zwiebeln in Reihen dazwischen gezogen werden. Joyce Wangari experimentierte auf ihrem Feld weiter und feilte an der idealen Positionierung der Zwiebeln – mit grossem Nutzen auch für die Forschenden. «In Sachen Zwiebeln als Begleitpflanzen ist Joyce mittlerweile die grössere Expertin als wir!», sagt Felix Matheri anerkennend.

Überbordende Pflanzenvielfalt – nährstoffreiche Erde

Lernen konnten die Forschenden auch von Patrick Maive. Der Familienvater betreibt in der Region Kangari einen Hof von ähnlicher Grösse wie jener von Joyce Wangari. Ähnlich wie die Kohlbäuerin aus Kianjugu beschloss auch er vor rund zehn Jahren, den Gebrauch von synthetischen Pestiziden und Kunstdünger drastisch zu reduzieren – aus gesundheitlichen aber auch aus finanziellen Gründen: Agrochemikalien sind teuer. Auch Patrick Maives Boden war komplett ausgelaugt und gab ohne Kunstdünger kaum mehr etwas her.

Das hat sich geändert. «Die Erde ist heute überall locker, es hat keine verdichteten, harten Stellen mehr. Ich kann meinen Bo - den sogar riechen!», erzählt er. Dass Patrick Maive heute wieder auf einem gesunden Boden steht, hat einerseits mit den Tipps der icipe-Forschenden zu tun – und andererseits mit seinen eigenen Ideen und seinem Elan. So empfahlen ihm Felix Matheri und seine Kollegen, herkömmlichen Kompost zu machen und seiner Erde zuzufügen. Er kam mit der Idee, mit Wurmkompost zu arbeiten. Dieser hat einen hohen mikrobiellen Gehalt und kann schnell verwertet werden. Felix Matheri erzählt, dass er die Idee sogleich aufgenommen und auch anderen Bäuerinnen und Bauern empfohlen hat.

Avocados und Honig

Überhaupt ist Felix Matheri begeistert von Patrick Maives Hof, auf dem früher nur Mais und Bohnen wuchsen: «Wir haben ihm zu mehr Vielfalt im Anbau geraten – was er daraus gemacht hat, übertraf unsere kühnsten Erwartungen!» Tatsächlich hat das Gezeigte wenig mit einem herkömmlichen Gemüsefeld gemein: Bananenpalmen wachsen neben Cassavapflanzen, Bohnenstauden wechseln sich mit Maispflanzen ab, überall stehen baumhohe Sonnenblumen. Und im Schatten von Avocadobäumen verstecken sich gar 23 Bienenhäuschen. Diese Anbauvielfalt bringt auch Vielfalt an Nahrung für den Boden. Und sie erhöht die Widerstandskraft gegen Ernteausfälle, die aufgrund des Klimawandels immer häufiger werden: Fällt etwa die Bohnenernte schlecht aus, kann Patrick Maive immer noch Cassava ernten.

«Meine Lieblingspflanze ist die Avocado», sagt er. «Sie verkauft sich auf dem Markt am besten.» Auch sein Honig findet reissenden Absatz. Mit den Einnahmen konnte der innovative Bauer ein zusätzliches Haus und einen neuen Ziehbrunnen auf seinem Hof errichten. Die bessere Verfügbarkeit von Wasser hilft ihm wiederum, widrigen Wetterbedingungen noch besser zu trot - zen. Patrick Maives Elan ist ungebrochen: Aktuell lässt er sich am icipe in der öko - logischen Maisanbaumethode Push-Pull ausbilden, um den biologischen Anbau zu perfektionieren und seine Ernteerträge weiter zu steigern.

«Seid geduldig und ihr werdet sehen: Es lohnt sich!»

Das Gelernte möchte er unbedingt weitergeben – sein Nachbar hatte bald Interesse angemeldet. Auch Joyce Wangari meint: «Ich erzähle meinen Nachbarinnen, wie gut Bio-Landwirtschaft funktioniert und zeige ihnen die Methoden, die ich gelernt habe. Wenn sie entgegnen:, sage ich: Seid geduldig und ihr werdet sehen: Es lohnt sich.» Die enthusiastische Bio-Bäuerin wünscht sich, dass die Zusammenarbeit mit den SysCom-Mitarbeitenden noch lange weiterbesteht. Aktuell arbeiten sie gemeinsam an einer Lösung gegen die Mottenschildläuse in den Bohnen. Denn leider, so hat sich in Versuchen gezeigt, funktionieren Zwiebeln als Begleitpflanzen zu Kohl zwar sehr gut, nicht aber zu Bohnen. Während bei anderen Pflanzen Chili, Koriander oder Tagetes gute Resultate bringen, suchen die Bäuerinnen und die Forscher für Bohnen weiter nach der optimalen Lösung.

Trotz der vielen Erkenntnisse, die SysCom schon brachte: Die Forschung zu biologischen Lösungen in Kenia und anderen tropischen Ländern steht noch ganz am Anfang. Felix Matheri ist überzeugt, dass noch viele Schätze zu heben sind: «Wir haben erst an der Oberfläche gekratzt.»