21.6.2016

"Hier helfen sich alle"

Text und Bilder von Loredana Sorg, Programmverantwortliche bei Biovision

Auf den ersten Blick erscheint die Insel im südlichen Uganda wie ein verwunschener Garten. Schmale Erdstrassen schlängeln sich durch den Urwald, Kinder spielen in den Gemüsebeeten zwischen den kleinen Hütten, Hühner picken im Gras. Der Schein trügt allerdings. Die Insel „Bundyoko“ im Buwama Subcounty, knapp achtzig Kilometer südwestlich von Kampala, ist arm und medizinisch äusserst schlecht erschlossen. Erst seit Kurzem führt überhaupt eine Strasse, auf einem schmalen Erdwall errichtet, vom Festland auf die Insel. Früher war der Sumpf nur per Boot passierbar, dementsprechend selten nahmen die Inselbewohner die beschwerliche Reise in die nächst grössere Stadt auf sich. Und selbst da, in der medizinischen Versorgungsstation im Städtchen Buwama, sind die nötigen Medikamente oft gerade nicht an Lager und die Krankenschwestern total überlastet – oder sie müssen sich mit einem Nebenerwerb das zum Leben nötige Einkommen erwirtschaften.

Seit einiger Zeit aber treffen sich jeweils am Dienstagnachmittag die Heilerinnen und Heiler der Insel. Sie bilden sich in der Waldschule in Buyijja weiter und bieten ihre Dienste danach in ihrer Dorfgemeinschaft an. In Uganda praktizierten früher in fast jedem Dorf einige Frauen und Männer traditionelle Heilmethoden und konnten damit die üblichen Krankheiten und kleinere Unfälle behandeln. Das Wissen gaben sie von Generation zu Generation weiter. In den letzten Jahrzehnten geriet dieses System aber unter Druck und teils auch in Verruf, weil es mit Hexerei in Verbindung gebracht wurde. Der zeitgemässen Ausbildung von traditionellen Heilerinnen und Heilern und dem gleichzeitigen Schutz der natürlichen Umwelt hat sich die NGO Prometra Uganda angenommen, eine langjährige Partnerorganisation von Biovision. Sie hat im Mpigi Distrikt fernab der grösseren Städte und Siedlungen eine Waldschule aufgebaut. Dort finden jeden Mittwoch Kurse statt, in denen sich die Schülerinnen und Schüler – Frauen und Männer von siebzehn bis achtzig Jahren – zu natürlichen Heilmethoden austauschen.

Darunter sind auch die Heilerinnen und Heiler der Insel „Bundyoko“. Im ersten Jahr lernen sie die verschiedenen Heilpflanzen kennen, im zweiten Jahr die Grundzüge der Anatomie und der Medizinherstellung und ab dem dritten Jahr können sie sich in Kräuterkunde, Geburtshilfe, traditioneller Chiropraktik oder psychologischer Beratung spezialisieren. Seit die „Agali wamu Healers‘ Group“ die medizinische Grundversorgung auf der Insel sicherstellt, stehen Frauen, Männer und Kinder am Dienstagnachmittag vor dem Innenhof, der als Behandlungsraum dient, Schlange. Der Name der Gruppe bedeutet in der lokalen Sprache „Ein einzelner Zahn kann kein Fleisch essen“ und betont die Relevanz der Gemeinschaft. Nur gemeinsam und indem sich Nachbarn und Familienmitglieder gegenseitig unterstützen, kommt die Inselbevölkerung über die Runden. Als sich die Mitglieder der „Agali wamu Healers‘ Group“ vorstellen, wird klar, dass jede und jeder von ihnen eine spezielle Rolle hat, vom Sekretär über die Präsidentin bis zur Verantwortlichen für Öffentlichkeitsarbeit. Ebenfalls auffällig ist, dass alle stolz von ihren Kindern erzählen – und mehr als die Hälfte Zwillinge hat. Die Erfahrenste unter den traditionellen Hebammen hat deshalb alle Hände voll zu tun. Sie wird immer dann gerufen, wenn eine Geburt kurz bevor steht. Ebenfalls begehrt ist die Präsidentin der Gruppe. Sie bildet sich bereits seit acht Jahren in der Waldschule aus und wird deshalb bei kniffligen Fällen angefragt. Kann sie selber nicht weiterhelfen, bittet sie die Kontaktperson der Waldschule um Hilfe. Wenn auch er kein Heilmittel kennt, schickt er die Patientin oder den Patienten zu Dr. Sekagya, dem Gründer und Leiter der Waldschule. Dieser wiederum entscheidet, ob die Krankheit mit traditionellen Heilmethoden behandelt werden kann oder ob ein Spitalbesuch notwendig ist. Letzteres bedeutet meistens, dass er die betroffene Person auch gleich in die Notfallaufnahme fährt. Erstens, weil dies oft die einzige Transportmöglichkeit ist, zweitens, weil durch seine Empfehlung eine rasche Behandlung erwirkt werden kann.

  • Blick über die Felder und Wälder der Waldschule, rechts im Bild die Baustelle für eine neue Verarbeitungsstätte von Medizinalpflanzen.
  • Abendstimmung in der Waldschule
  • Sprechstunde bei der Agali wamu Heilergruppe auf der Insel.
  • Freudiger Empfang auf der Insel Bundyoko – die Bauern- und Heilergruppe trifft sich hier jeden Dienstagnachmittag.

Die meisten Fälle können die Mitglieder der „Agali wamu Healers‘ Group“ aber selber lösen. Einmal pro Monat verteilen sie gratis ihr Naturheilmittel und gehen unter der Woche auf Hausbesuche. „Oft kann ich dafür keine Bezahlung verlangen“, erklärt die Präsidentin. Denn die meisten Patienten stammen aus dem Familien- oder Freundeskreis. „Und da am nächsten Tag vermutlich ich diejenige bin, die meine Nachbarn um Hilfe bittet, verlange ich für meine Dienste nichts. Hier helfen sich alle.“ Im Vordergrund steht die Gesundheitsversorgung auf der Insel, nicht private wirtschaftliche Interessen. Um aber auch in dieser Hinsicht etwas zu bewirken, unterstützt Prometra Uganda die Heilergruppen im Anbau von biologischem Gemüse und von Medizinalpflanzen. Dereinst sollen diese gemeinsam verarbeitet und vermarktet werden, so dass sich das Engagement der Heilerinnen und Heiler auch finanziell lohnt.