09.09.2018

«Grosse Probleme werden im Kleinen anvisiert»

Daria Lehmann war in Kenia und absolvierte ein dreimonatiges Praktikum im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit. Welche Eindrücke nahm Sie mit und was hat sie nun vor? Ein Gespräch mit Daria nach Ihrer Rückkehr in die Schweiz.

Interview: Max Wild, Stiftung Biovision

Daria, Dein erster Blogeintrag trägt den Titel „Von der Theorie in die Praxis“. Nun nach drei Monaten in Kenia: Wie viel Theorie konntest Du anwenden?

Das ist schwierig zu beantworten. Die in der Universität behandelte Theorie versucht, die grossen Probleme anzugehen, was sie dadurch zwangsläufig auch abstrakt macht - persönlich fehlte es mir dabei an konkreten Beispielen aus der Praxis. An der Uni war für mich noch nicht ersichtlich, wie mit einem Entwicklungszusammenarbeitsprojekt alle drei Nachhaltigkeitsdimensionen (Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft) gleichberechtigt gefördert werden könnten. Ich konnte die Theorie anwenden, aber die Erfahrungen im Praktikum gingen weit darüber hinaus - es gibt definitiv realistisch umsetzbare Ansätze, nachhaltige Entwicklung in den drei Dimensionen gleichzeitig zu fördern.

Kannst Du diese Ansätze anhand des Kakamega-Projekts von Biovision erläutern?

Das Herzstück des Projekts in Kakamega ist eigentlich das „Muliru Farmers Conservation Group Enterprise“, welches Medizinalprodukte aus lokalen Medizinpflanzen herstellt. Diese Pflanzen werden dank dem Projekt nun von Kleinbauern und -bäuerinnen direkt auf ihrem Hof angebaut und an das Unternehmen verkauft. Früher wurden die Pflanzen dem Regenwald entnommen und dieser dabei übernutzt. Die wirtschaftliche Komponente des Projekts ist augenscheinlich: die Kleinbauern und -bäuerinnen können ihr Einkommen durch den Verkauf der Produkte aufbessern. Der Regenwald wird durch den Anbau der benötigten Pflanzen auf dem Hof geschont und ein Teil des Gewinns des Unternehmens wird in Umweltbildung investiert, welche auch nachhaltige Anbaumethoden umfasst. Damit ist auch die Umweltdimension abgedeckt. Des Weiteren ist das Projekt gemeinschaftsstiftend, da die Kleinbauern und -bäuerinnen das Unternehmen selbst verwalten. Die Produkte enthalten zudem nur natürliche Inhaltsstoffe und sind somit auch für die Gesundheit der KäuferInnen gut. Vom Unternehmen, also von der wirtschaftlichen Dimension ausgehend, werden soauch die beiden anderen Dimensionen gleichberechtigt abgedeckt.

Was waren Deine Aufgaben? Das Projekt befindet sich ja nach zehn Jahren nun in der Abschlussphase.

Ich hatte verschiedene Aufgaben; zum Beispiel habe ich beim Erstellen von Anleitungen zur nachhaltigen Landwirtschaft für die Kleinbauern und -bäuerinnen geholfen oder Roll-Up Banner für das Projekt gestaltet. Auch war ich für die Erstellung einer "Synthese-Broschüre" zuständig. Es ging darum, das Erreichte festgehalten, allfällige Mankos und Hindernisse dokumentiert und erörtert, ob Teilaspekte des Projekts in anderen implementiert werden können. Die zugrunde liegende Frage für mich aber war, welchen Mehrwert und in welchen Lebensbereichen das Projekt für die lokale Bevölkerung generiert hat.

Wie siehst Du das Projekt aufgestellt, wenn die Zusammenarbeit nach 2018 endet?

Ich kann nur von meinen persönlichen Erfahrungen sprechen, aber auch hier will ich noch keine abschliessende Einschätzung abgeben. Das Weiterbestehen des Projekts hängt aus meiner Sicht in erster Linie davon ab, ob das Unternehmen weiterhin Gewinn machen kann. Anfangs hat die Partnerinstitution von Biovision, das icipe, die Abnahme der Produkte garantiert; mittlerweile müssen andere KäuferInnen gefunden werden, was sich als schwierig erweist. Es fehlt ein kohärentes Marketingkonzept; zwar gibt es schon Ansätze dafür, diese sind aber noch nicht genügend ausgereift. Wie das weitergeht, wird sich erst noch zeigen. Vielleicht kann das Unternehmen nicht wirtschaftlich betrieben werden. Ich bin aber überzeugt davon, dass das Projekt auch in diesem Falle Vieles zum Besseren gewendet hat. Die "Domestizierung" der Medizinpflanzen aus dem Regenwald ist ein grossartiger Erfolg, der überdauern wird. Viele Kleinbauern und -bäuerinnen konnten sich zudem ein grosses Wissen rund um nachhaltige Landwirtschaft und Unternehmensführung aufbauen, davon wird die Community auch längerfristig profitieren. Dann gibt es noch positive Nebeneffekte wie beispielsweise die Bestäubergärten, die auf einigen Höfen und in Schulen eingerichtet wurden und auch weiter bestehen bleiben werden.

Siehst Du dich auch in Zukunft im Feld, was Entwicklungszusammenarbeit anbelangt?

Was mich an der nachhaltigen Entwicklung vor allem interessiert, ist die Schnittstelle zwischen der Wirtschaft und den Umwelt- und Sozialfaktoren. Ich bin überzeugt, dass sich Umwelt- sowie Sozialaspekte bis zu einem gewissen Masse monetarisieren lassen müssen, um in unserem gegenwärtigen Wirtschaftssystem eine Gewichtung zu erhalten.

Das klingt eher nach Makro- als Mikroebene.

Meine Erfahrungen in Kenia haben mir sehr konkrete Hinweise dafür gegeben, was ich später machen möchte. Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich ist, dass ohne Umweltbildung nichts möglich ist: Das Bewusstsein für die Umwelt muss der Grundstein sein, ansonsten ist es schwierig Menschen davon zu überzeugen, andere Methoden anzuwenden als bisher. Durch mein Praktikum in Kenia wurde mir auch bewusst, dass lokale ökologische Massnahmen oft global positive Auswirkungen haben können - früher dachte ich, dass internationale Projekte von grösserer Bedeutung sind. Nun aber bin ich der Meinung, dass man bei lokalen Initiativen ansetzen sollte. Das ist es auch, was Biovision für mich ausmacht: Die grossen Probleme werden im Kleinen avisiert. Lokale Einwirkungen können durchaus globale Auswirkungen haben.