24.4.2016

Geschichten aus Äthiopien

Ein anderes Gesicht Äthiopiens

von Peter Lüthi - Kommunikation & Kampagnen

 

Das Bild Äthiopiens wird geprägt von Dürrekatastrophen und Hungersnöten. Biovision engagiert sich vor Ort für die Bewältigung solcher Krisen. Aber das Land am Horn von Afrika hat viel mehr zu bieten als düstere Schlagezeilen: „Lalibela“ etwa, ein gewaltiger Kulturschatz von Weltrang.

Die kreuzförmige „Bete Kiddus Georgiys“ ist die jüngste und berühmteste der elf monolithischen Kirchen im UNESCO Weltkulturerbe von Lalibela.

Der Anblick der monolithischen Felsenkirchen von Lalibela verschlägt einem schier den Atem. Die Vorstellung, dass hier Heerscharen von Steinmetzen über viele Generationen ganze Kirchen in einem Stück aus dem puren Fels hauten - und das von oben nach unten - ist kaum zu fassen. Man stelle sich etwa den Beginn der Bauarbeiten vor: Zu hunderten setzen die Steinmetze auf dem nackten Felsplateau ihre Meissel an. Schlag um Schlag beginnen sie, Kerben und Löcher in den Tuffsteinboden zu treiben. Zentimeter für Zentimeter arbeiten Sie sich hinunter. Über Generationen hauen sie tiefe Schächte aus dem Stein und legen riesige Felsquader frei.

Sorgfältige Planung und präzise Koordination
Heute vermutet man, dass der Bau der monolithischen Kirchen im achten Jahrhundert nach Christus begonnen wurde und bis ins dreizehnte Jahrhundert dauerte. Die Arbeiten in der Vertikalen hatten nach einem sorgfältigen Plan zu erfolgen. Denn einmal abgeschlagen, war der Fels weg und Fehler irreparabel. Exakt am richtigen Ort mussten daher Dächer stehen gelassen, Fenster freigelegt, Bögen herausgearbeitet und Räume ausgehöhlt werden. Zehn bis fünfzehn Meter tiefer und viele Menschleben später ebneten die Steinarbeiter den Felsboden und schlugen Treppenstufen, Türen und Tore in den Fels. Sie schufen Höfe, die sie mit Tunnels und Schächten verbanden. So entstanden zwei Baukomplexe mit insgesamt zehn Kirchen. Die elfte und jüngste, die berühmte „Bete Kiddus Georgiys (Kirche des heiligen Georg – siehe Bild oben) hat den Grundriss eines Kreuzes. Sie steht etwas abseits in einem einzelnen Schacht. Viele Innenräume, die Säulen, Bogen und Gewölbe der Hauptkirchen sind sorgfältig verziert und bemalt.

Francisco Àlvares, ein portugiesischer Missionar und Entdeckungsreisender, war vermutlich der erste Europäer, der die Kirchen von Roha – wie Lalibela damals hiess – anlässlich seiner Äthiopienreise 1521/1522 sah. Sinngemäss schrieb er später in seinem Buch: Ich bin es überdrüssig, mehr über diese Gebäude zu schreiben, denn ich befürchte, dass mir ohnehin niemand glauben wird, selbst wenn ich mehr darüber berichte...

Die Schuhe bleiben draussen: Jährlich halten sich über 300'000 Besucherinnen und Besucher an die Regel.
Die Kirchen von Lalibela werden auch heute noch für die Gottesdienste der äthiopisch Orthodoxen Christen genutzt.
Aus dem Felsmassiv im Hintergrund wurde der westliche Kirchenkomplex herausgemeisselt.
Die futuristisch anmutenden Dächer wurden 2007 zum Schutz der Bauwerke vor Wasser und Erosion von der UNESCO erstellt.
Blick über den westlichen Kirchenkomplex mit der „Bete Medhane Alem“, der Welterlöserkirche.
Die Welterlöserkirche „Bete Medhane Alem“ aus der Froschperspektive
Die „Bete Maryam“ (Marienkirche) besteht wie alle Gebäude aus massivem, rotem Tuffstein.
Die Marienkirche von Innen mit ihren Verzierungen, Rundbögen und den typischen äthiopisch-orthodoxen Gemälden.
Massive Deckenkuppel in der „Bete Denagel“ (Jungfrauenkapelle).
Die Schächte und Höfe des westlichen Komplexes sind 10 – 15 m tief.
Die einzelnen Gebäude sind durch Gänge und Tunnels miteinander verbunden.
Die Meisselspuren in einem der Verbindungstunnels zeugen von der gigantischen Arbeit der Steinmetze.
Die Bauwerke wurden über Jahrhunderte aus einem Stück von oben nach unten aus dem Fels gemeisselt, ausgehöhlt und verziert.


UNESCO-Kulturwelterbe und lebendige Gotteshäuser

Um die Entstehung der Felsenkirchen ranken sich viele Mythen und Legenden. So soll Gott dem König Lalibela (*1185 – 1225) in einem Traum erschienen sein und ihn mit dem Bau eines neuen Jerusalem beauftragt haben. Der Monarch sollte vorbeugend Ersatz schaffen für den Fall, dass die heilige Stadt in Israel zerstört würde.

1965 begann die UNESCO mit der Restaurierung der Felsenkirchen und 1978 wurden sie als UNESCO Weltkulturerbe anerkannt. Die modernen, futuristisch anmutenden Dachkonstruktionen zum Schutz der Felsen vor Wasser und Erosion stammen von 2007.

Heute ist Lalibela einer der grossen Touristenmagnete in Äthiopien. Über 300’000 Besucherinnen und Besucher kommen jährlich hier her. Aber auch für einheimische Pilger ist der Ort ein wichtiger Anziehungspunkt. In den Steinkirchen werden noch heute regelmässig Gottesdienste abgehalten. Sie sind somit keine Museen sondern lebendige Gotteshäuser.

Äthiopien – viel mehr als Dürre und Hunger
Beim Stichwort „Äthiopien“ denken die meisten Menschen in den Industriestaaten kaum an Jahrhunderte alte Kirchen. Vielmehr sind es Kriege, Dürren und Hunger, die unser Bild dieses Landes prägen. Diese traurigen Realitäten ändern aber nichts daran, dass Äthiopien mit seinen mehr als 80 ethnischen Gruppen und ebenso vielen Sprachen über eine alte und sehr reiche Kultur verfügt. Dazu hat insbesondere auch die äthiopisch-orthodoxe Kirche massgeblich beigetragen, welcher die Mehrheit der Landsleute angehören.

Im neuen Länder-Factsheet über Äthiopien von Biovision, das auf unserer Website einsehbar ist, erfahren Sie weitere interessante Hintergründe, Zahlen und Fakten über das faszinierende Land am Horn von Afrika.