Gemeinsam für Mensch und Tier

In der dünn besiedelten Region Somali in Äthiopien tauschen sich Viehhirtinnen und -hirten über moderne Informationskanäle aus und schützen sich so gemeinsam vor Krankheiten und Dürren.

 

Nähe birgt Risiken: Menschen und Tiere leben in der Region Somali eng zusammen. Dies begünstigt die Übertragung von Krankheiten.

Simon Gottwalt, Programmverantwortlicher bei Biovision

Das Leben ist nicht leicht im wilden Osten Äthiopiens. Mit ihren kleinen Herden aus Ziegen, Kühen und Kamelen trotzen die Pastoralistinnen und Pastoralisten (Hirtenvölker) dem trockenen Land ein karges Leben ab. Klimawandel und Dürren führen immer häufiger zu Ertragsausfällen. Und einige der gefährlichsten Krankheiten wie das West-Nil-Fieber oder das Rift-Valley-Fieber werden hier vom Tier auf den Menschen übertragen und umgekehrt. Das ohnehin schon schwache staatliche Gesundheitssystem Äthiopiens funktioniert in diesem abgelegenen und bevölkerungsarmen Gebiet noch schlechter. In der Region Somali leben zwar viele Tiere, aber nur wenige Menschen, das Gebiet ist sehr dünn besiedelt.

Human- und Tiermediziner spannen zusammen

Unsere Projektpartner von der lokalen Universität Jigjiga hatten eine zündende Idee: Die Humanmediziner mit den Tiermedizinerinnen zusammenbringen, um Synergien zu nutzen. Zusammen mit dem Schweizer Tropeninstitut (Swiss TPH) und unterstützt von Biovision baute das Team 2019 in der Bezirkshauptstadt Adadle ein partizipatives Überwachungssystem mit einem One-Health-Callcenter auf. Der Veterinär- und der Gesundheitsbeauftragte sitzen neu zusammen in einem Büro und nehmen die Informationen über Anrufe, SMS und bald auch über eine eigens programmierte App entgegen. Mit einem neuen Motorrad können sie bei Verdachtsfällen schnell ausrücken und Proben zur genaueren Untersuchung nehmen. So wurde 2019 ein Masernausbruch früh erkannt und es konnte eine Impfkampagne gestartet werden. Teil des Systems ist auch eine telefonische Beratung. Damit können sich die Bewohnerinnen und Bewohner bei kleineren Problemen den mühsamen und teuren Weg zur nächsten Gesundheitsstation sparen.

Treffpunkt: Wasserstellen sind besonders in der Trockenheit beliebte Orte - bei Menschen und Tieren

Auch auf Dorfebene wird auf den Ansatz «One Health» gesetzt. In allen 15 Gemeinden des Bezirks Adadle erhielten die Dorftierärztinnen und -ärzte eine Weiterbildung. Sie tauschen sich nun regelmässig mit den lokalen Verantwortlichen über die Dorfgesundheit aus. Zusammen klären sie die Menschen über die Ansteckungsgefahr auf, die von ihren Tieren ausgeht. Und die enge Zusammenarbeit mit den Dorfgemeinschaften hatte eine weitere, nicht geplante Folge: Es entstand die Idee eines Notfall-Fonds. Aus diesem können die Pastoralistinnen und Pastoralisten nun bei Lebensgefahr eine Ambulanz bezahlen – eine Art Unfallversicherung auf Gemeindeebene.

Per Satellit zur fruchtbaren Weide

Ergänzt wird das Überwachungssystem durch ein neues Diagnose-Labor an der Jigjiga-Universität. Dort können alle wichtigen Krankheiten direkt diagnostiziert werden, ohne dass die Proben den zeitraubenden und teuren Umweg über die Hauptstadt Addis Abeba nehmen
müssen. Das ist wichtig, denn die Bekämpfung von Epidemien ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Je früher reagiert wird, desto grösser sind die Chancen auf eine rasche Eindämmung. 2020 wird ein weiterer Baustein zum Überwachungssystem hinzukommen. Dann sollen die Hirten wöchentlich detaillierte Karten über fruchtbares Weideland bekommen. Erstellt werden diese aus Satellitendaten und den Meldungen lokaler Weideland-Scouts, die im Callcenter eingehen.

Das One-Health-System wird von Anfang an laufend auf seine Wirksamkeit überprüft. Das wird von am Swiss TPH ausgebildeten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Region Somali übernommen. Bringt es die erhofften Synergien in Form einer besseren Versorgung und niedrigerer Kosten? Sind die Ergebnisse positiv, werden die Projektverantwortlichen mit den lokalen Behörden zusammenarbeiten, um das One-Health-System in der ganzen Region einzuführen.