Frauenpower in Morogoro

Die steilen Hänge der Uluguru Berge in der tansanischen Region Morogoro sind nicht gerade ideal für die Landwirtschaft - eine Fahrt hinauf mit einem Auto mit Vierradantrieb ist ein ziemliches Abenteuer. Aber wenn man im Bergdorf Towelo ankommt, trifft man auf glückliche Menschen, deren terrassierte Hänge  mit Gemüse und Früchten überquellen. Und das Dorf birgt noch eine weitere Überraschung.

Das Terrassieren der Hänge muss enorm aufwendig gewesen sein. Die ganze Arbeit wurde von Hand gemacht, nicht mit Maschinen, und die Böden wurden mit viel Kompost fruchtbar gemacht. Der Ertrag für die Dorfbewohner ist aber auch sehr eindrücklich: Alle Kinder des Dorfes besuchen eine Schule am Fuss des Berges, die Menschen sehen gut ernährt aus und die Häuser wirken solid und bequem.

Die meisten Bäuerinnen und Bauern von Towelo - profitierten von Kursen in ökologischer Landwirtschaft in einem Ausbildungszentrum in Morogoro. „Bustani ya Tushikamane“ steht für Garten der Solidarität auf Kisuaheli. Das Zentrum ist auch eine Innovationsplattform für ökologische Landwirtschaft und versteht sich als Brücke zwischen wissenschaftlicher Forschung, praktischem Wissen und entsprechender Anwendung. Es wird von Janet Maro geführt und von Biovision seit Beginn 2009 unterstützt.

Bäuerinnen und Bauern können die Demonstrationsgärten besuchen und sich dort über ökologische Methoden der Schädlingsbekämpfung, Kompostherstellung, Erosionskontrolle und Produktevermarktung informieren. Durch ihre Ausbildung lernen die Bäuerinnen und Bauern, wie sie dieses Wissen auf ihren eigenen Höfen anwenden können. 2013 wurde ausserhalb der Stadt Morogoro ein Modellhof von 50 Hektaren aufgebaut, wo die Bauern mehrtägige Kurse zu spezifischen landwirtschaftlichen Herausforderungen absolvieren.
 

  • Leiterin des Ausbildungszentrums Janet Maro (4. v. l.) mit den starken Frauen von Towelo.
  • Alle Kinder vom Bergdorf Towelo besuchen eine Schule am Fuss des Berges.
  • Die terrassierten Hänge in Morogoro.

 

Hadija Kibwana, Gemeindepräsidentin von Towelo, erzählte, wie sehr die Dorfbevölkerung von der Ausbildung in ökologischer Landwirtschaft profitiert habe. Mit der Terrassierung konnten sie die Erosion von fruchtbaren Böden während der Regenzeit stoppen und diese Böden mit Kompost noch fruchtbarer machen. Zusätzliches Wissen und neue Technologien hätten die Erträge der Dorfbewohner wesentlich verbessert.

Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, der dieses Dorf einzigartig macht. Als Besucher waren wir ein wenig überrascht, dass wir von fünf Frauen und nur einem Mann empfangen wurden. Sind alle Männer am Arbeiten? fragten wir.

Diese Frage wurde mit einem Lächeln quittiert. Dann wurde uns erzählt, dass die Frauen in diesem Dorf vor einigen Jahren die Macht übernommen hätten. Die Frauen bewirtschaften ihr eigenes Land, ernähren ihre Familien, verkaufen die Überschüsse auf dem Markt und können mit diesem Einkommen ihre Kinder in die Schule schicken und andere Notwendigkeiten finanzieren. Die Männer kultivieren ihr eigenes Land, aber haben zum Land ihrer Frauen und deren Einkommen nichts mehr zu sagen.

„Das ist ziemlich einmalig in Tansania, vermutlich sogar in ganz Ostafrika“, kommentierte Janet Maro, die Gründerin und Leiterin des Ausbildungszentrums. „Aber es scheint, dass die Leute hier alle sehr glücklich sind – es könnte also ein Modell sein, das auch anderswo kopiert werden könnte“, fügte sie hinzu.

Janet Maro hat zwei mögliche Erklärungen für diese interessante und einmalige Entwicklung. Zum einen ist das Volk der Luguru (die Indigenen der Uluguru Berge) eine matrilineare Gesellschaft (Sippenname und Familienname wird über die Frauen weitergegeben), was den Frauen mehr Bedeutung gibt als in einer patrilinearen Gesellschaft, wo diese Weitergabe über die Männer erfolgt. Die Frauen in einer matrilinearen Gesellschaft besitzen ihr Land und geben es auch an ihre Töchter weiter.

Eine etwas praktischere Erklärung ist, dass die Frauen nach Erfahrungen mit Männern, die nicht bereit waren die Verantwortung für die Familie zu übernehmen (z.B. sicherzustellen, dass Essen auf dem Tisch ist und dass die Kinder zur Schule gehen), befürchten, dass die Familie auseinanderbrechen könnte. Deshalb bebauen sie ihr eigenes Land und setzen ihr daraus generierte Einkommen vor allem für die Familie ein.

Vermutlich war es eine Mischung von beiden Erklärungen, welche diese Gemeinschaft transformierte. Die Gleichstellung der Geschlechter bleibt eine grosse Herausforderung in Ostafrika und die allgemeine Dominanz der Männer verlangsamt oder verhindert Entwicklungen oft. Deshalb hat das Modell vom Bergdorf Towelo durchaus Vorbildcharakter.