«Social distancing führt hier zu wachsendem Misstrauen»

Regina Muthama aus Kenia bildet im Auftrag von Biovision seit 2006 Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in ökologischer Landwirtschaft aus. Wie erlebt sie die Corona-Epidemie in ihrem Wohnort Machakos?

 

Regina Muthama, Kenya
Archivbild

Von Peter Lüthi, Projektreporter

Trotz ihres stattlichen Alters von 72 Jahren ist Regina Muthama aus Machakos (Kenia) voller Energie und äusserst aktiv. Seit 2006 ist sie Kursleiterin im „Farmer Communication Programme“ (FCP) von Biovision und hat in den semiariden Gebieten um Machakos, ca. 60 Kilometer östlich der Hauptstadt Nairobi, über 300 Gruppen von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in den Methoden der ökologischen Landwirtschaft ausgebildet. 2015 war sie Gast am Biovision Symposium (s. Bericht über Regina Muthama von 2015).

Wir haben vor Ostern mit Regina gesprochen um zu erfahren, wie sie die Situation bei sich zu Hause erlebt.

Regina, wie ist die Situation bezüglich Covid-19 in Machakos und in ganz Kenia?

Bis heute sind nach offiziellen Zahlen 184 Menschen mit Covid-19 infiziert und 6 an der Lungenkrankheit verstorben (aktuelle Zahl für Kenya nach WHO hier klicken), die meisten davon in der Hauptstadt Nairobi. Tausende von Menschen sind mit dem Virus infiziert und leben in Quarantäne.

Was erwartest Du für die Zukunft? Wie wird sich die Situation entwickeln?

Ich befürchte, dass sich das Virus sehr stark ausbreiten wird in Kenia, weil viele Leute die Verhaltensregeln zur Prävention nicht befolgen. Diese Menschen werden wohl erst mit einer Impfung vor der Krankheit geschützt werden können. 

Wie äusserst sich die Corona-Epidemie in Machakos?

Im Moment spüren wir vor allem die ökonomischen Folgen: Viele Leute haben ihre Jobs und damit ihr Einkommen verloren und haben kein Geld mehr. Schlimmerweise haben schwere Regenfälle den Pflanzenanbau erschwert und die Nahrung ist knapp. Darum schiessen die Lebensmittelpreise jetzt in die Höhe. Viele Menschen können sich nicht mehr richtig ernähren. Immerhin erhalten die Ärmsten sowie Alte und Waisen Nahrungsmittelhilfe von der Regierung. Die behördlich verfügten Reise-Einschränkungen und das „social distancing“ führen leider zu wachsendem Misstrauen unter den Menschen.

Wie gehst Du selber mit der Situation um?

Ich halte mich an die Verhaltensregeln mit Händewaschen und Distanz halten. Ich suche neue Wege, um die Bäuerinnen und Bauern zu beraten und in ihrer Arbeit zu unterstützen, etwa mit direkter Beratung am Mobilephone. Und mit meiner eigenen kleinen NGO probiere ich, Medikamente aufzutreiben und die Arbeitslosen wenigstens mit kleinen Beträgen finanziell zu unterstützen. Ich werde von vielen Bäuerinnen und Bauern kontaktiert, die bei mir Kurse besucht hatten. Sie gelangen jetzt mit ganz praktischen Fragen über den ökologischen Anbau an mich. 

Was rätst Du den Bäuerinnen und Bauern?

Ich ermuntere sie, Küchengärten nach ökologischen Grundsätzen anzulegen und sage ihnen, wie genau sie vorgehen sollen. Ich erkläre ihnen detailliert, wie sie die verschiedenen Pflanzen hegen müssen. Insbesondere rate ich ihnen, Arten und Sorten zu ziehen, die robuster sind gegen Trockenheit. Dazu gehören grundsätzlich die alten, einheimischen Pflanzensorten. Ich empfehle ihnen den Anbau von Manjok, Süsskartoffeln, Buschbohnen, Kuhbohnen, Pfeilwurz, Erbsen oder Hirse.

Biovision unterstützt die Verbreitung der persönlichen Schutzmassnahmen gegen Covid-19. Hast Du das mitbekommen?

Ja, ich habe den Apell im Radio gehört, welches in unserer Lokalsprache gesendet wird. Auch auf dem Infonet habe ich den Aufruf gesehen. Diese Efforts sind meines Erachtens sehr wichtig, weil über diese Kanäle viele Menschen erreicht werden können, insbesondere auch die junge Generation.

Welches sind Deine Wünsche oder Hoffnungen in der jetzigen Situation?

Ich hoffe sehr, dass unsere jahrelangen Trainings von Bäuerinnen und Bauern in den Methoden der ökologischen Landwirtschaft jetzt dazu führen, dass die Ausgebildeten auch in dieser schwierigen Situation gesunde Nahrung produzieren können und damit ihren Beitrag zur Lebensmittelversorgung leisten. Gesunde Ernährung fördert eine gute Konstitution, was gerade jetzt besonders wichtig ist.
Natürlich hoffe ich auch, dass die kenianischen Behörden und das Gesundheitssystem mit Unterstützung der WHO schnell mit Lösungen zur Bewältigung der Corona-Epidemie kommen.
 

Video über die Arbeit von Regina Muthama (2015)