Chancen und Grenzen traditioneller Heilpraktiken

Eine sorgfältige Ausbildung traditioneller Heilerinnen und Heiler ist entscheidend, damit die richtigen  Medizinalpflanzen korrekt identifiziert und angewendet werden.

 

  • PROMETRA Uganda hat im Wald von Buyijja eine Schule für traditionelle Medizin eingerichtet. Damit setzt die NGO ein Zeichen für die Erhaltung der wertvollen Wälder als Hort von Heilpflanzen und gegen die fortschreitende Abholzung.
  • Die Medizinalpflanzenkunde geniesst einen sehr hohen Stellenwert in der Aus- und Weiterbildung der traditionellen Heilerinnen und Heiler. Sie kennen hunderte verschiedener Pflanzen, aber auch ihre Verarbeitung zu Medizin und ihre Anwendung.

von Barbara Frei Haller, Biovision

In vielen Regionen Afrikas, Asiens, Mittel­ und Südamerikas ist der einheimische traditionelle Heiler oder die Dorfhebamme die erste Anlaufstelle für Kranke. Laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO suchen rund drei Viertel der Weltbevölkerung zuerst die Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker in nächster Nähe auf, um sich mit ihren erschwinglichen Pflanzenmedikamenten behandeln zu lassen. Erst bei schweren Komplikationen reist man über grosse Distanzen in die Stadt zu ausgebildeten Ärztinnen und Ärzten westlicher Medizin, die Medikamente aus den Apotheken verschreiben. Die Grundversorgung vieler Länder wird somit durch ein Netz von Heilerinnen und Heilern gewährleistet, die ihr empirisches Wissen über medizinisch wirksame Pflanzenzubereitungen über Generationen verfeinert und weitergegeben haben.

Nicht alle pflanzlichen Arzneimittel sind sicher

So ist etwa eine Schädigung der Niere oder der Leber nicht sofort ersichtlich und kann durch eine längere Therapie mit falscher Pflanzenmedizin zu Komplikationen führen. In den Industrieländern ist es Aufgabe der lokalen Gesundheitsbehörden, die Qualität der Arzneimittel zu überwachen und schädliche Nebenwirkungen zu erkennen. Wirkstoffe und Pflanzen werden in amtlichen Arzneibüchern aufgelistet – zusammen mit detaillierten Beschreibungen und Bestimmungmerkmalen, sowie mit Tests für Qualitätskontrollen. Bezüglich der vielen einheimischen Medizinalpflanzen fehlt diese Möglichkeit den Gesundheitsbehörden ärmerer Länder. In der Datenbank des Royal Botanical Gardens in Kew (UK) wurden 28 187 Pflanzenarten zusammengetragen, die weltweit in der traditionellen Medizin verwendet werden. Davon sind aber nur 4478 Arten in Arzneibüchern der Behörden aufgeführt. Ist also der grosse Wissensschatz der traditionellen Medizin noch gar nicht gehoben? Und welche gefährlichen Zubereitungen werden unwissentlich verwendet?

Heilen mit der Natur

Allgemein basieren 54 % aller neu zugelassenen Therapeutika der letzten 40 Jahre auf Substanzen aus der Natur. Viele heute lebenswichtige Arzneimittel und ihre Zubereitung zur Behandlung tödlicher Krankheiten wurden traditionellen Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern abgeschaut. So liefert etwa die chinesische Artemisia­ Pflanze den Wirkstoff Artemisinin, und die Rinde des südamerikanischen Chinchona­ Baums Chinin. Zusammen bilden diese  Substanzen die Basis für Medikamente zur Behandlung der jährlich 214 Mio. Malariafälle. Aber auch bei der Behandlung der Zivilisationskrankheit Diabetes, die weltweit wahrscheinlich 422 Mio. Erwachsene betrifft, geht das Design des Metformins (Antidiabetikum) auf die Struktur eines natürlichen Pflanzeninhaltstoffes zurück.

Heilpflanzen und ihre Lebensräume in Bedrängnis

Global steigt die Nachfrage für rein pflanzliche Arzneimittel. Dadurch werden die natürlichen Vorkommen vieler Heilpflanzenarten zunehmend bedroht. Gemäss CITES (Washingtoner Artenschutzübereinkommen) mussten bereits 1280 Medizinalpflanzen unter Schutz gestellt werden. Versorgungsengpässe verleiten zum Sammeln von ähnlich aussehenden Pflanzen, die schlimmstenfalls giftig sein könnten. Das nachhaltige Wildsammeln, der Anbau von Heilpflanzen und die eindeutige Identifizierung der Pflanzenarten sind somit entscheidend für die sichere Behandlung von Erkrankten. Viele dieser Aspekte treffen im kleinen Rahmen auch auf die Heilerinnen und Heiler in Uganda zu. Die Studierenden lernen in ihrem ersten Ausbildungsjahr mehr als 100 Pflanzen bezüglich ihrer detaillierten medizinischen Wirkung und Anwendung kennen. Dazu stellt jeder Lernende sein eigenes Arzneibuch zusammen. Die Schule hat eigene Baumschulen mit Medizinalpflanzen und gibt Setzlinge an die Heilerinnen und Heiler für ihre Gärten. Damit werden die Naturbestände geschont und erhalten, und die Verfügbarkeit der Heilpflanzen wird erhöht.

Sorgfältige Ausbildung für Heilerinnen und Heiler

Nach bestandener Prüfung kommen die Studierenden ins zweite Ausbildungsjahr mit Schwerpunkt in der korrekten Herstellung und Anwendung der Arzneien. Qualitätskontrolle wird grossgeschrieben. Das zweite Examen entscheidet über Repetition oder den Aufstieg ins dritte Studienjahr. Hier stehen vor allem Fallstudien im Vordergrund. Dabei wird intensiv über die Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneien ausgetauscht, und die Grenzen der Wirksamkeit der Naturheilpraktiken werden definiert. Den angehenden traditionellen Heilerinnen und Heilern wird immer wieder klar gemacht, ab welchem Zeitpunkt sie ihre Patientinnen und Patienten an eine Ärztin oder einen Arzt des staatlichen Gesundheitssystems weiterleiten müssen.