Agrarökologie wirkt gegen den Klimawandel

Die Erderwärmung und ihre Folgen bedrohen weltweit die Ernährungssicherheit. Agrarökologie macht die Landwirtschaft widerstandsfähiger und trägt zur Reduktion von Treibhausgasen bei.

 

Von Martin Grossenbacher, Redaktor Biovision

Wir stecken inmitten einer globalen Klima- und Biodiversitätskrise, die weiter rasant an Fahrt aufnimmt. Besonders betroffen davon sind Bäuerinnen und Bauern: Massive Trockenheiten oder zu viel Regen, extreme Hitze oder Kälte bedrohen Aussaat und Ernten gleichermassen. In der Schweiz waren wir im vergangenen Jahr mit Ertragsrückgängen historischen Ausmasses konfrontiert: Der kalte Frühling, Frost nach dem Vegetationsstart, Hagel, ein verregneter Sommer mit durchnässten Böden und wenig Sonne setzen dem Pflanzenbau stark zu. Gemäss Schätzung des Bundesamts für Statistik hat sich der Produktionswert 2021 gegenüber dem Vorjahr um 9 Prozent verringert. In den Ländern des globalen Südens ist die Extremsituation bereits viel weiter fortgeschritten.

Die Bäuerinnen und Bauern in Ostafrika wurden in den letzten Jahren in immer kürzeren Abständen mit Dürren konfrontiert. Die kenianische Regierung rief im Sommer 2021 aufgrund der Dürre den «nationalen Katastrophenfall» aus. Gravierende Folgen des schleichenden Temperaturanstiegs sind unter anderem die abnehmende Verfügbarkeit von Nahrung oder Konflikte um Wasser. Doch die Landwirtschaft ist nicht nur Opfer des Klimawandels, sondern auch Täterin: Denn unser Ernährungssystem – von der Produktion über die Ernte, die Lagerung, die Verteilung, den Konsum bis zur Entsorgung von Nahrungsmitteln – ist verantwortlich für rund einen Drittel der Klimagasemissionen weltweit.

Höhere Widerstandsfähigkeit dank naturnahem Anbau

Zum Schutz vor der Klimaerwärmung und vor Hunger müssen deshalb unsere Ernährungssysteme dringend widerstandsfähiger und nachhaltiger werden. Felderfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen immer deutlicher, dass die Agrarökologie (siehe Box) dafür eine vielversprechende Lösung ist. Eine Studie, die Biovision zusammen mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) herausgegeben hat, streicht dabei insbesondere drei Pfeiler der Agrarökologie heraus, die zu mehr Resilienz gegenüber dem Klimawandel führen:

  • Vielfalt bei den Anbaumethoden und den Arten erzeugt Synergien und optimiert die genetische Vielfalt, wodurch die Widerstandskraft bei Tieren und Pflanzen gestärkt wird. Sie ermöglicht zudem alternative Einkommensquellen und verringert dank wirtschaftlicher Diversifizierung das Risiko vor Totalausfällen.
  • Gesunde und fruchtbare Böden, die nach agrarökologischen Praktiken naturnah bearbeitet werden und bei denen auf synthetische Düngemittel und Pestizide verzichtet wird, sparen Treibhausgase ein und können mehr Kohlenstoffe einlagern (siehe auch Dossier Boden).
  • Gemeinsames Wissen schaffen und austauschen: Das Wissen in der Bevölkerung, was der Klimawandel ist und wie diesem die Stirn geboten werden kann, bildet die Grundlage für eine bessere Widerstandsfähigkeit; durch die Verbindung von traditionellem lokalen Wissen mit wissenschaftlicher Evidenz zu ökologischem Anbau wird langfristig die Anpassungsfähigkeit des Ernährungssystems und seiner Akteurinnen und Akteure erhöht.

Ebenso helfen die agrarökologischen Prinzipien einer naturnahen, lokalen Produktion, kurze Transportwege, Kreislaufwirtschaft sowie genügsamer Konsum, CO2-Emissionen weiter zu reduzieren.

Politiker:innen müssen jetzt handeln!

Agrarökologie befindet sich international im Aufschwung. Sie wird von immer mehr Entscheidungstragenden aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft als richtiger Weg zur Umgestaltung unserer Ernährungssysteme betrachtet. Deshalb braucht es jetzt ein stärkeres unterstützendes politisches Umfeld. Hier sind die Verantwortlichen bei Biovision aus dem Bereich Politikdialog und Anwaltschaft intensiv engagiert: Sie bringen aktuelles evidenzbasiertes Wissen gezielt in politische Entscheidungsprozesse ein und treiben so den Meinungswandel voran. Zum Beispiel mit dem «Food Policy Forum for Change» von Biovision, bei welchem Austausch zwischen politischen Entscheidungstragenden aktiv gefördert wird und so in partizipativen Prozessen die Grundlage für neue, ganzheitliche Anpassungs- und Entwicklungspläne entstehen. Es fehlt aber bis heute noch an entschlossenem Handeln und auch an finanziellen Mitteln. Die Uhr tickt ...

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