Zehn Jahre nach dem Weltagrarbericht – immer noch «Business as usual»?

Ein neues Buch, herausgegeben von Biovision und der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, zieht Bilanz und kommt zum Schluss: Die Situation hat sich drastisch verschlimmert – doch Anzeichen des Wandels sind da.

24.09.2020

Florian Blumer, Redaktor 

«Weiter wie bisher ist keine Option» – so lautete das klare Fazit des 2009 veröffentlichten International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development, kurz Weltagrarbericht. Ein Jahrzehnt später initiierten Hans R. Herren, Biovision-Präsident, Träger des Welternährungspreises und Co-Präsident des IAASTD, sowie der Ernährungs- und Landwirtschaftsaktivist Benny Haerlin, der NGO-Vertreter im IAASTD-Büro war, die Beratergruppe IAASTD+10.

Zusammen mit 40 namhaften Autorinnen und Autoren ziehen sie im neuen Buch «Transformation of our food systems – the making of a paradigm shift», herausgegeben von Biovision und der Zukunftsstiftung Landwirtschaft Bilanz darüber, was seit der Veröffentlichung des Berichts im Jahr 2009 erreicht worden ist. Das Buch erscheint im Vorfeld der diesjährigen virtuellen Jahreskonferenz des Welternährungsausschusses der UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO (CFS). Dort wird das Konzept der Agrarökologie zum ersten Mal im Zentrum der Gespräche stehen.

Tausende Kaffees im «Vienna Café» der UNO 

Alexander Wezel, Co-Autor der CFS-Studie über «Agrarökologische Ansätze und andere Innovationen», erklärt in seinem Artikel, wie IAASTD als übergreifender politischer Rahmen für zahlreiche soziale Bewegungen und Bauernorganisationen auf der ganzen Welt Eingang in die Arbeit der FAO gefunden hat. Wezels Beitrag ist einer von 13 Essays über Grundlagen-Studien in den Bereichen Ernährung und Landwirtschaft im Nachgang der Veröffentlichung des Weltagrarberichts. 

Mayumi Ridenhour und Michael Bergöö beschreiben, wie Erkenntnisse des IAASTD Eingang in die 2015 definierten Ziele für nachhaltige Entwicklung der UNO (SDGs) gefunden und diese substanziell verbessert haben – nach «tausenden von Kaffees im ‘Vienna Café’ der UNO», die laut den Autoren dazu nötig waren. 

COVID-19 und unsere Ernährungssysteme 

Der Weltagrarbericht prognostizierte einen Anstieg von Zoonosen – die aktuelle Pandemie jedoch konnte er natürlich nicht vorhersehen. Der Evolutionsepidemiologe Robert G. Wallace analysiert in seinem Artikel den Ausbruch von COVID-19 vor dem Hintergrund vergangener Ausbrüche des Zika-Virus, von Ebola, Schweinegrippe und anderen Pan- bzw. Epidemien. Weiter erklärt er, dass «diese Ausbrüche (...) mehr waren als einfach nur Pech». Fast alle hingen mit einer veränderten Produktion und Landnutzung in Verbindung mit der Intensivierung der Landwirtschaft zusammen. Philip H. Howard und Mary K. Hendrickson präsentieren in ihrem Beitrag ein beunruhigendes Update zur dramatischen Beschleunigung der Unternehmenskonzentration in der globalen Ernährungs- und Agrarwirtschaft sowie die Auswirkungen dieses Prozesses auf Bäuerinnen und Bauern.

2019 veröffentlichte der Weltklimarat IPCC den Sonderbericht «Klimawandel und Landsysteme», der auch zu einem eher düsteren Schluss kam, was die Umweltauswirkungen der aktuellen Landnutzung betrifft. Der Bericht leistete einen wichtigen Beitrag zum Paradigmenwechsel, wie Marta G. Rivera-Ferre, Direktorin des Lehrstuhls «Agroecology and Food Systems» an der Zentral-Universität von Katalonien (UVic) in ihrem Beitrag feststellt.

«Eine erhellende Erfahrung» 

Boyd Swinburn, Professor an der Universität Auckland, Neuseeland, und Co-Vorsitzender der Lancet-Kommission für Fettleibigkeit, nennt es «eine erhellende Erfahrung», über die Entwicklung dieses «enorm gewichtigen Themas» zu reflektieren. In seinem Artikel stellt er die Studie der Lancet-Kommission aus dem Jahr 2019 vor, welche die Phänomene Fettleibigkeit, Unterernährung und Klimawandel miteinander verknüpft. Seine Schlussfolgerung: «Wir haben bedeutende Fortschritte gemacht auf den Ebenen von Paradigmen, Konzepten, Diskursen und globalen Abkommen» – politisches Handeln in der Praxis sei jedoch nur schleppend vorangekommen und Flickwerk geblieben.

Das Buch kommt zum Schluss, dass sich die Probleme seit 2009 verschärft haben: Die globale Erwärmung hat sich beschleunigt, die Biodiversität nimmt in atemberaubendem Tempo ab und wir stehen vor einer ernsthaften Ernährungskrise, denn seit mehreren Jahren nehmen Hunger und Mangelernährung wieder zu, während immer mehr Menschen weltweit an Fettleibigkeit leiden. Doch die Studie "Beacons of Hope" der «Global Alliance for the Future of Food» und von Biovision, die im Buch ebenfalls vorgestellt wird, gibt Anlass zur Hoffnung: Eine Expertengruppe machte verschiedene Initiativen rund um den Globus als «Leuchttürme der Hoffnung» aus.

Einigkeit zumindest über die Fragen  

Die Antworten gehen immer noch auseinander, aber anders als noch vor zehn Jahren besteht nun Einigkeit über die Fragen, auf die dringend eine Antwort gefunden werden muss: Wie können der Klimawandel und das Schwinden der Artenvielfalt gestoppt und unsere Ressourcennutzung an die Grenzen des Planeten angepasst werden? Wie können wir unsere Ernährungssysteme umgestalten, sodass sie fair und nachhaltig werden?

«Transformation of our food systems» stellt einen unverzichtbaren Werkzeugkasten für Entscheidungsträgerinnen und Aktivisten dar. Möge er aktiv genutzt werden, um am Wandel zu arbeiten. Denn «Weiter wie bisher» ist heute erst recht keine Option und die Notwendigkeit, neue Wege zu beschreiten, um entlang der gesamten Lebensmittelkette fair und nachhaltig zu wirtschaften, ist grösser denn je.