Kenia

Kenia ist ein Schwerpunktland von Biovision. Seit 1998 unterstützt Biovision hier verschiedene Projekte, v.a. in der Umsetzung von ökologischen Methoden zur Gesundheitsförderung und in der Landwirtschaft. In Nairobi, Kenia, ist auch der Hauptsitz des Forschungsinstitutes icipe, das Dr. Hans Rudolf Herren über 10 Jahre leitete. Dasicipe ist in rund 30 Ländern Afrikas vernetzt und die grösste Partnerorganisation von Biovision.

Bevölkerung

Aufgrund einer jahrtausendealten Geschichte von Wanderungsbewegungen unterschiedlicher Kulturen ist Kenia stark multiethnisch geprägt. Ende 2015 zählte das Land knapp 46 Millionen Menschen (www.cia.gov). Gegenwärtig nimmt die Bevölkerung pro Jahr um fast 1 Million Personen zu. Insgesamt sind knapp 60 Prozent der Leute jünger als 24 Jahre.

Etwa ein Viertel lebt in Städten, davon 3,9 Millionen allein in der Hauptstadt Nairobi. Als Folge der in Afrika weit verbreiteten Landflucht wächst die städtische Bevölkerung mehr als doppelt so rasch wie im Landesdurchschnitt. Mit ihren Projekten will die Stiftung Biovision den Menschen in ländlichen Regionen bessere wirtschaftliche Perspektiven bieten und damit auch die Landflucht eindämmen.

Gemäss dem Human Development Index des UNO-Entwicklungsprogramms UNDP, das die Faktoren Gesundheit, Erziehung und Einkommen als umfassenden Massstab für den Wohlstand bewertet, rangierte Kenia 2013 auf Platz 145 von 187 und liegt damit über dem Durchschnitt der Subsahara-Region. Die mittlere Lebenserwartung beträgt knapp 62 Jahre, wobei sich die Kindersterblichkeit stark auf 4 Prozent verringert hat. Doch über 21 Prozent der Bevölkerung sind immer noch unterernährt. (http://ghi.ifpri.org)

Zu den grössten gesundheitlichen Problemen neben dem Hunger gehören die hohe Ansteckungsrate von 6 Prozent der Erwachsenen mit HIV/AIDS sowie die zahlreichen Malaria-Infektionen. In diesem Bereich engagiert sich Biovision mit seinem „Stopp Malaria“-Projekt für die Verbesserung der Lebensbedingungen. 62 Prozent der Kenianerinnen und Kenianer haben Zugang zu sauberem Wasser, aber nur 30 Prozent zu sanitären Einrichtungen.

Heute können 72.2 Prozent aller über 15-Jährigen lesen und schreiben, was eine der höchsten Alphabetisierungsraten in Afrika ist. (http://hdr.undp.org)

Lebensraum

Mit gut 580‘000 km2 ist Kenia 14 Mal so gross wie die Schweiz. Doch gemäss dem National Environmental Action Plan (NEAP) eignet sich nur etwa ein Sechstel der Gesamtfläche für den Ackerbau sowie für Dauerkulturen. Trotz der Lage am Äquator sind Klima und Vegetation lediglich an der Küste und am Viktoriasee tropisch feucht. Der landwirtschaftliche Anbau konzentriert sich deshalb auf das fruchtbare Hochland und einen schmalen Streifen im Hinterland der Küste. 

In diesen Gebieten unterstützt Biovision die kleinbäuerlichen Gemeinschaften mit verschiedenen Projekten zur Optimierung ihrer landwirtschaftlichen Produktion nach ökologischen Grundsätzen. Dies geschieht mehrheitlich über das Farmer Communication Programme (FCP).

Die bewaldeten Gebiete machen noch 6 Prozent der Landesfläche aus (http://data.un.org) und stehen weiterhin unter einem starken Nutzungsdruck, denn für die Landbevölkerung ist Brennholz zum Kochen die wichtigste Energiequelle. Durch die fortschreitende Entwaldung und eine weiträumige Übernutzung der Böden und Wasserressourcen droht auch in einst fruchtbaren Gebieten eine allmähliche Verwüstung (siehe Biovision-Projekt BV EH-12 – Schutz der Biodiversität).

In den von Natur aus trockenen Regionen des Nordens und Südens kämpfen die Nomaden bereits seit Jahren mit wiederholten Dürreperioden, die ihre Lebensform bedrohen. Die zum Teil lokalen Ursachen der Umweltprobleme werden durch die Folgen des globalen Klimawandels noch verschärft (siehe Biovision-Projekt BV AH-05 – Kamele für Dürregebiete).

Wirtschaft

Zwischen 2005 und 2014 hat sich Kenias Bruttoinlandprodukt (BIP) mehr als verdoppelt. Aktuell wächst die Wirtschaft zwei bis drei Mal so rasch wie die Bevölkerung (http://data.worldbank.org). Trotzdem ist das Durchschnittseinkommen mit rund 1300 US-Dollar pro Person und Jahr immer noch sehr tief. 43 Prozent der Menschen müssen sogar mit weniger als 2 US-Dollar im Tag auskommen, wobei sich die Einkommensschere zwischen Armen und Reichen immer weiter öffnet. Der Gini-Index beträgt 47.7. Er ist ein statistisches Mass zur Darstellung der Gleichheit oder Ungleichheit von Vermögen oder Einkommen. Der Gini-Index nimmt einen Wert von 0 bei Gleichverteilung und einen Wert von 100 bei maximaler Ungleichverteilung.

In den ländlichen Regionen leben die meisten Leute von einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft, die landesweit etwa 60 Prozent aller Personen beschäftigt. Dieser Sektor trägt – vor allem durch den Export von Tee, Kaffee, Blumen und Gemüse – etwa 29 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei (www.cia.gov). Trotz einer verbreiteten Armut der kleinbäuerlichen Haushalte verfügt die Landwirtschaft über ein grosses Potenzial, das die Lebensumstände der gesamten kenianischen Bevölkerung wesentlich verbessern könnte. Deshalb ist Biovision stark in diesem Bereich engagiert, z.B. mit dem Push-Pull Projekt.

Wichtigste Einnahmequelle Kenias ist der Tourismus, dessen Beitrag zum BIP aber je nach politischer Situation und Sicherheitslage im Land extrem schwankt (http://liportal.giz.de). Verglichen mit anderen Staaten in Afrika verfügt Kenia nur über relativ geringe Vorkommen an Bodenschätzen. Trotzdem macht die Industrieproduktion – als drittgrösster Sektor – gut einen Sechstel des BIP aus.

Die kenianische Wirtschaft kann längst nicht alle Schulabgänger beschäftigen, die auf den Arbeitsmarkt drängen. Zudem landen viele von ihnen in schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs. So arbeiten hunderttausende von jungen Frauen als Hausangestellte, und zahlreiche Männer auf Stellensuche heuern als Wachmann bei einer Sicherheitsfirma an. Ausserhalb der Landwirtschaft ist diese Branche der grösste Arbeitgeber im Land.

Politik

Seit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft im Jahr 1963 ist Kenia eine Präsidialrepublik mit weitreichenden Machtbefugnissen des direkt vom Volk gewählten Staatspräsidenten. Nach einer fast 40 Jahre dauernden Einparteien-Herrschaft der Kenya African National Union (KANU) unter der Führung des Staatsgründers Jomo Kenyatta und seines zunehmend autokratischen Nachfolgers Daniel arap Moi zeichnet sich seit 2002 eine politische Öffnung ab.

Ein Höhepunkt dieser Entwicklung ist die von den Stimmberechtigten im August 2010 mit einer Zweidrittelmehrheit angenommene neue Verfassung. Zumindest auf dem Papier soll sie unter anderem die Macht des Präsidenten beschneiden, das Parlament stärken, die dezentrale Verwaltung und Mitbestimmung in den Bezirken fördern, die Korruption bekämpfen und Strukturen zur Lösung strittiger Landfragen schaffen.

Kenias Geschichte ist geprägt von grossen Wanderungsbewegungen unterschiedlicher Kulturen. Deren Hauptursachen sind kriegerische Auseinandersetzungen in den Nachbarländern und in den letzten Jahrzehnten vermehrt auch die Zunahme extremer Wetterereignisse wie anhaltender Dürren. Als Folge der starken Migration brechen immer wieder Konflikte zwischen den Ethnien um Land, Vieh und Wasser aus. Nach den Wahlen von 2007 brachten diese extreme Polarisierung sowie die hohe Gewaltbereitschaft Kenia an den Rand eines Bürgerkriegs – mit hunderten von Todesopfern und zehntausenden Vertriebener.

Seither engagieren sich zahlreiche Institutionen und Nichtregierungsorganisationen für eine friedliche Beilegung der Landkonflikte und Stammesfehden, die hingegen von den politischen Parteien eher geschürt als beruhigt werden. Trotzdem verliefen die Wahlen im März 2013 – mit dem äusserst knappen Sieg von Uhuru Kenyatta als neuem Staatspräsidenten – relativ ruhig.

Grösste Bedrohung für die öffentliche Sicherheit Kenias sind seit Jahren die Kriegswirren im östlichen Nachbarland Somalia. Als Reaktion auf Entführungen und Terrorangriffe der radikal-islamischen Al-Shabaab-Miliz drangen Truppen der kenianischen Armee 2011 in Südsomalia ein. Seitdem häufen sich auf kenianischem Gebiet tödliche Anschläge somalischer Extremisten auf Polizeistationen, öffentliche Busse, Tourismusdestinationen, Einkaufszentren und Bildungsinstitutionen. Dabei schlagen die Attentäter nicht nur in der Grenzregion, sondern auch in Nairobi und Mombasa zu (http://liportal.giz.de).