
Es reicht für alle – aber nicht für alles
Interview erschienen im ETH-Magazin Studio!Sus, Originalartikel unter http://www.studiosus.project21.ch
Wo liegt das Potential der (grünen) Gentechnik etwas zur Lösung des Hungerproblems beizutragen? Was sind die Risiken der Gentechnik (in Bezug auf die Sicherung der Welternährung)?
Die Rolle der Gentechnik in der weltweiten Bekämpfung des Hungers ist sehr begrenzt. Bis jetzt ist der Ertrag von GV-Pflanzen nicht höher und sie bringen nur geringe Effizienzsteigerungen in einer industrialisierten Landwirtschaft. Die Gentech-Industrie will Toleranz gegenüber Trockenheit schaffen? Es wurde bereits gezeigt, dass dies nicht so einfach zu lösen ist, da mehrere Gene involviert sind. Mehr Fortschritte wurden in den letzten 20 Jahren mit klassischer und markergestützter Züchtung gemacht. Andere Modifikationen wie beispielsweise die Schädlingsresistenz sind von Beginn an dem Untergang geweiht, da sich Resistenzen entwickeln werden und derselbe Teufelskreis wie bei den Pestiziden entstehen wird. Das Hauptrisiko ist, dass wir heute nicht genug über die ökologischen und gesundheitlichen Konsequenzen der GV-Pflanzen wissen. Was heute risikolos scheint, kann erst in einigen Jahren zu einer Gefahr werden. Die GV-Pflanzen sind nur Symptombekämpfung und lassen die eigentlichen Ursachen tiefer Produktivität ausser Acht. Wassernutzung, Bodenbewirtschaftung und das Management von Krankheiten sind die Hauptbereiche, die Beachtung brauchen. Insbesondere den Kleinbauern, welche sich die GV-Pflanzen sowieso nicht leisten können, gibt das mehr Kontrolle darüber, was, wann und wie sie anpflanzen.
Einen Hauptkritikpunkt an der Gentechnik stellt die Abhängigkeit der Kleinbauern in Entwicklungsländern von grossen Konzernen dar. Wie stehen Sie zu dieser Kritik? Was gibt es allenfalls für Möglichkeiten, diese Abhängigkeit zu vermindern?
Die Abhängigkeit der Kleinbauern ist ein Problem – und das nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in Industrieländern, wo bereits unzählige Bauern von den Biotech-Firmen wegen Verstössen gegen das Patentrecht verklagt wurden und viele ihre Betriebe verloren haben. Man verschliesst die Augen vor der Realität, wenn man glaubt, dass GV-Saatgut gratis abgegeben wird. Obwohl die GV-Saat – im Gegensatz zu den Hybridpflanzen - wieder zu einer ausgewachsenen Pflanze würde, werden die Firmen, welche dieses Saatgut verteilen, früher oder später Patent-Ansprüche erheben. Somit wird es schwierig oder unmöglich das Saatgut im folgenden Jahr nochmals zu verwenden.
Wo liegt das Potential des Biolandbaus, etwas zur Lösung des Hungerproblems beizutragen?
Ökologischer Landbau kann und muss zum System erster Wahl auf der ganzen Welt werden. Wie bereits gezeigt wurde, kann Biolandbau sowohl auf kleinen wie auch auf grossen Flächen betrieben werden. In vielen Gegenden der Welt, wo die Erträge heute klein sind, gibt es ein grosses Potenzial für die sofortige Steigerung der Produktivität. Dies würde die Notwendigkeit von US- und EU-Importen reduzieren und gleichzeitig mehr Einkommen generieren in den Regionen, welche diese Nahrungsmittel und den Gewinn aus der Produktion brauchen. Dadurch, dass die biologische Landwirtschaft arbeitsintensiver und lukrativer ist als die industrielle, wird es mehr und besser bezahlte Arbeitsplätze geben. Biologische Landwirtschaft ist ausserdem viel weniger von externer Energiezufuhr abhängig, es wird Kohlenstoff aufgenommen statt produziert. So wird die Landwirtschaft beim Klimawandel Teil der Lösung und nicht des Problems.
Dem Biolandbau wird vorgeworfen, nicht genügend produktiv zu sein, um die ganze Welt ernähren zu können. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?
Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass das nicht stimmt: In Kenia am ICIPE (International Centre of Insect Physiology and Ecology) haben wir es geschafft die Maiserträge auf nachhaltige und biologische Weise langfristig zu verdrei- und verfünffachen. Die Bodenfruchtbarkeit wurde durch Mischkulturen und den Einbezug von Tieren wiederhergestellt. Defizite bei den Schlüsselelementen im Boden müssen in Angriff genommen werden. Beispielsweise besteht häufig ein Phosphat-Mangel, welcher durch die Zufuhr von Rohphosphat behoben werden kann. Stellen Sie sich vor, wie die biologische Landwirtschaft heute aussehen würde in Bezug auf Bodenfruchtbarkeit und Produktivität, wenn sie nur einen Bruchteil der Forschungsgelder bekommen hätte, welche in die industrielle Landwirtschaft investiert wurden. Die Leute müssen realisieren, dass durch die Produktion von billigem Essen Kosten entstehen. Diese Kosten sind beim biologischen Landbau bereits integriert, weil dieser geringere Externalitäten hat.