15.09.2017

Wichtige Schritte für eine verbesserte Tiergesundheit

Von Peter Lüthi, Biovision Projektreporter

Wenn Ziegen, Schafe, Rinder oder Kamele krank sind, leiden auch deren Besitzer. Im ländlichen Afrika sind Viehhalter in dieser Situation meist komplett auf sich alleine gestellt. Das soll im Projekt „Kamele für Dürregebiete“ in Kenia verbessert werden.

Immer wenn die Hirten aus den endlosen Weiten bei Kula Mawe im Isiolo County mit ihren Herden zur Tränke kommen, ist Ali Hakano schon da. Der Fünfunddreissigjährige hat viel Erfahrung und Wissen über das Vieh. Mit geübtem Blick beobachtet er die einzelnen Tiere und spricht mit den Hirten. Wenn er Krankheitssymptome oder Verletzungen ausmacht, erkundigt er sich genau, untersucht die betreffenden Tiere und behandelt sie, wenn immer möglich. Dann zieht er sein Smartphone aus der Tasche, macht Bilder und tippt Antworten in einen virtuellen Fragebogen auf dem Handy. All das sendet er umgehend an einen Tierarzt beim County Veterinärdienst. Anhand dieser Informationen und der Bilder kann der Veterinär in Isiolo eine Ferndiagnose machen und Ali wenn nötig für die sachgerechte Krankheitsbehandlung anleiten.

Reporter über Tierkrankheiten

Ali Hakano ist einer von 18 „Community Disease Reporter“ (CDR) im Isiolo County im Nordosten Kenias. Diese ehrenamtlichen Reporter für Tierkrankheiten wurden im Rahmen des Gemeinschaftsprojektes „Kamele für Dürregebiete“ von Biovision und Vétérinaire sans Frontières Suisse (VSF) ausgebildet. Ziel der Aktion ist einerseits, dass die Veterinärbehörden ihren Überblick über das Vorkommen von Tierkrankheiten verbessern können. Anderseits soll fundiertes Wissen über Tierkrankheiten und moderne Behandlungsmöglichkeiten zu den Viehhaltern in die abgelegenen Gebiete des Isiolo Countys getragen werden.

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Ali Hakano ist ein sehr erfahrener CDR in Kula Mawe. Immer wenn die Hirten mit ihren Herden zur Wasserstelle kommen, ist Ali auch dort und kontrolliert die Tiere.
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Muktar Kadubada, CDR in Boji untersucht ein kleines Zicklein. Er diagnostiziert einen schweren Wurmbefall. Hier helfen nur noch Medikamente.
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Der Tierkrankheitsreporter Muktar Kadubata (37) ist sehr zufrieden mit der Ausbildung über Tierhaltung und Tierkrankheiten, die er im Rahmen des Projekts erhielt.
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Jeder CDR wird mit einem modernen Smartphone ausgerüstet. Darauf ist ein virtueller Fragebogen zur Aufnahme der Krankheitsfälle gespeichert. Diese Informationen und Bilder der kranken Tiere senden die Tierkrankheitsreporter an einen County-Veterinär in Isiolo.
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Die Hirtenvölker im Isiolo-County leben mit ihrem Vieh fernab von Tierärzten. Sie sind für die Diagnose und die Behandlung von Krankheiten in ihren Herden auf sich allein gestellt.
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Die Herden werden oft von Knaben und jungen Männern begleitet. Sie führen die Tiere zu den Wasserstellen und auf die kargen Weiden.
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Oft können kranke oder verletzte Tiere nicht behandelt werden und gehen ein, bzw. sie werden durch die Hirten von ihrem Leiden erlöst.
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Die Hirten verfügen zwar über ein grosses traditionelles Wissen über Tierkrankheiten, Verletzungen und Tierbetreuung (Bild: Entfernen einer Dornenspitze aus der Fussohle eines Kamels). Dieses Wissen reicht leider längst nicht immer aus, um die Tiere vor dem Tod zu bewahren.
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Ein wichtiger Aspekt des Projekts ist die Aufklärung der Tierhalterinnen und Tierhalter über die Gefahr der Krankheitsübertragungen von Tieren auf die Menschen (Zoonosen), sowie die frühe Erkennung und das Stoppen von Tierseuchen.

 

Tradition mit neuem Wissen ergänzen

Zwar verfügen die Tierhalter und insbesondere Zugehörige von Hirtenvölkern in Ostafrika über viel Erfahrung und traditionelles Wissen. Dennoch existieren Lücken bezüglich der Krankheitsursachen des Viehs und moderner Behandlungsmöglichkeiten. Insbesondere die Gefahren von Krankheitsübertragungen von Tieren auf Menschen, sogenannte Zoonosen, sind oft zu wenig bekannt. Dieses Wissen – zusammen mit wirksamen Heilmitteln und Medikamenten ist jedoch entscheidend für die Gesundheitsbetreuung und das Wohl des Viehs und der Menschen. Mit einer schnellen und richtigen Krankheitsdiagnose und korrekter Behandlung könnte das Leiden für die Tiere, der wirtschaftliche Schaden für die Kleinbauern und Zoonosen vermindert werden.

Win-win für alle Beteiligten

Mit dem Projekt wird seit anfangs 2017 von den beteiligten Gemeinden, den Veterinärbehörden des Isiolo County, Biovision und VSF ein System zur Überwachung, Meldung und Kontrolle von Tierkrankheiten aufgebaut. Dank der Berichte der CDR aus den Dörfern erlangt der County-Veterinärdienst in Isiolo Kenntnis über das Vorkommen von Tierkrankheiten in den beteiligten Dörfern. Insbesondere beim Auftreten von Tierseuchen erhalten die Behörden die Chance, schnell zu handeln und die Ausbreitung frühzeitig zu stoppen. Zugleich profitieren die Tierhalter und Hirten in den teils sehr abgelegenen Gemeinden von der Unterstützung der CDR. Dank der Ausbildung der Reporter gelangt zeitgemässes Wissen über Tierkrankheiten und Tierpflege in die ländlichen Gebiete.

Herausforderungen angehen

Muktar Kadubata, CDR und Tierhalter aus Boji ist jedenfalls sehr zufrieden mit seiner Ausbildung. „Früher konnte ich etliche Krankheiten nicht wirklich erkennen“, sagt er. Im Kurs habe ich gelernt, die verschiedenen Symptome zu unterscheiden, die Krankheit zu bestimmen und die richtigen Massnahmen zu ergreifen. Allerdings sieht er auch Herausforderungen für das Projekt. „Mein Einsatz ist ehrenamtlich“, bemerkt er. Da er aber eine eine Familie zu ernähren habe, könne er sich für die Aufgabe als CDR nicht immer die nötige Zeit nehmen. Auch bei den Veterinärbehörden besteht noch Handlungsbedarf, etwa bei Überwindung von Lieferengpässen für Medikamente. Auch wünschen sich die Tierhalter vermehrte Präsenz von Tierärzten in den abgelegenen Dörfern. Mit dem Projekt wurde ein wichtiger Anfang gemacht. Der Ball liegt nun bei den Verantwortlichen vor Ort.

Mehr zum Kamelprojekt in unserem aktuellen Newsletter Nr. 46