24.12.2017

Von Hirten, Herden und Hyänen

Sobald die Dämmerung kommt, sind die Hirten auf dem Feld bei Isiolo hell wach. Nicht wegen der aufziehenden Sterne, sondern wegen der Raubtiere, die sich im Schutz der Dunkelheit heranschleichen.

Text und Bilder von Peter Lüthi, Biovision 

Wenn die Sonne hinter den Samburu-Bergen verschwindet, machen sich die Hirten bereit für die Nacht. Am Äquator kommt die Dunkelheit schnell. Jeder nimmt seine Decke und sucht einen Posten am Rand der Boma – einem Kreis aus dürrem Dornengestrüpp. Verteilt um den Korral entzünden sie Wachfeuer und bereiten ihr Nachtlager vor. Im Innern des Boma liegen die Tiere dicht an dicht, und am weiten Himmel beginnen Myriaden von Sternen zu funkeln. 

Die Hirten spähen ins Dunkel, spitzen die Ohren und prüfen jedes Geräusch. Sie sind bereit Alarm zu schlagen, sobald das Sägen eines Leoparden oder der Ruf von Hyänen auszumachen ist. Und sie wissen, dass einer sein Kommen nicht ankündigt: Der Löwe, er erscheint lautlos wie aus dem Nichts.

Keine Angst vor dem König der Tiere

„Ich habe schon so viele Löwen getroffen, dass ich sie gar nicht mehr zähle “, sagt Bnjamin Losusui, Chef einer Hirtengruppe bei Isiolo Town im Norden Kenias. Er hütet zusammen mit seinen Kollegen eine grosse Kamelherde. Zu ihr gehören auch von Biovision finanzierte Tiere im Projekt „Kamele für Dürregebiete“. „Einmal überraschte ich einen Löwen. Dieser hatte sich gerade eine Ziege gegriffen“, fährt Benjamin fort. „Ich rannte mit Lärm und Geschrei auf ihn zu. Der Löwe erschrak so sehr, dass er die Beute fallen liess und das Weite suchte. Ich holte die Ziege, briet sie über dem Feuer und ass sie selber“, erzählt er ohne mit der Wimper zu zucken. – Hirtenlatein? Wie dem auch sei, zweifellos hat Benjamin vom Volk der Turkana sehr viel erlebt im Busch. Und hier bei Isiolo, in unmittelbarer Nähe seines jetzigen Lagers, ist tatsächlich mit Löwen zu rechnen. Gleich hinter dem nächsten Hügel beginnt das Tierreservat Lewa Downs, das für seinen Reichtum an wilden Tieren bekannt ist. 

„Viel schlimmer als Löwen sind Hyänen“, erklärt Benjamin Losusui. „Die kommen viel häufiger vor, und sind in Gruppen von vier bis acht Tieren unterwegs.“ Wenn Hyänen unbemerkt in ein Lager eindringen, kommt es häufig zu Verlusten – selbst bei Kamelen. Das passierte denn auch in der Herde von Boji und jener in Oldo Nyiro, die ebenfalls zum Projekt gehören. Von den insgesamt 103 Kamelen in acht Herden, die Biovision beisteuerte, wurden bisher drei von Hyänen geholt.

 

  • Der Speer der Hirten im Isiolo County ist nicht bloss Zierde. In ihren Weidegebieten leben auch Grossraubtiere.
  • Je länger die Trockenzeit dauert, desto weiter werden die Distanzen zwischen Weiden und Tränken; für Rinder, Esel, Ziegen und Schafe manchmal zu weit.
  • Kamele sind viel robuster gegen Dürren als andere Haustierarten. Wenn sie ausgiebig getrunken haben, können sie 14 Tage ohne Wasser auskommen.
  • Aber auch für Kamele gibt es Gefahren: Raubtiere wie Hyänen, Leoparden und manchmal Löwen. Deshalb werden die Herden nachts in Bomas aus Dornengestrüpp gehalten.
  • Eine der Herden aus dem Biovision Projekt „Kamele für Dürregebiete“ lebt in unmittelbarer Nähe des wildtierreichen Reservats "Lewa Downs", etwas südlich von Isiolo (Kenia).
  • Löwen halten sich nicht immer an die Grenzen der Reservate und Nationalparks. Darum müssen die Hirten im Isiolo County mit ihnen rechnen.
  • Der erfahrene Hirte Benjamin Losusui hat mehr Angst vor Dürren als vor Raubtieren. Darum ist er überzeugt von dier Wiedereinführung der Kamele. „Kamele sind die Zukunft“, sagt er.
  • Die Aufgabe Hirten ist es, ihre Tiere zu überwachen, zu führen, medizinisch zu betreuen und sie zu melken. Für die ersten Melkgänge müssen junge Kamelstuten an den Beinen gefesselt werden, weil sie das Melken nicht gewohnt sind und sich sehr wild gebärden.
  • Muktar Ibrahim, Assistent im gemeinsamen Projekt zur Wiedereinführung von Kamelen stellt fest, dass der Bestand an Dromedaren im Raum Isiolo kontinuierlich wächst.
  • Auch dieses Jahr herrschte im Isiolo County wieder eine extreme Trockenheit. Deshalb ist die Wiedereinführung von Kamelen eine grosse Chance für die Hirtenvölker.
  • Die grössere Gefahr geht von Hyänen aus, die ausserhalb von Parks vorkommen. Sie haben im Biovision-Projekt bisher drei Kamele geholt. (Foto: Andreas Beusch)

Trockenheit ist der schlimmste Feind

Die Grossraubtiere sind aber bei weitem nicht die grösste Herausforderung für die Hirten. „Unser grösstes Problem sind die Trockenheit und der Futtermangel“, betont Benjamin. Wenn der Regen ausbleibt, und das kommt in den letzten Jahren immer häufiger vor, reicht das Futter nicht für alle Tiere. Immerhin sind Kamele viel robuster gegen Dürren als Rinder und Kleinvieh. Sie kommen vierzehn Tage ohne Wasser aus und schaffen die wachsenden Distanzen zwischen den raren Wasserstellen und den abgelegenen Weiden. Andere Vieharten dagegen können unterwegs verdursten oder verhungern. Leider kam das in den letzten Jahren immer wieder vor.

Aus diesem Grund fördert Biovision seit 2010 in einem gemeinsamen Pilotprojekt mit „Vétérinaires sans Frontières Suisse“ (VSF) die Wiedereinführung von Kamelen in Dürregebieten. Benjamin Losusui, der erfahrene Hirte, ist überzeugt vom Projektansatz. „Kamele sind die Zukunft“, sagt er. Diese Einsicht scheint sich im Isiolo County zu verbreiten. Muktar Ibrahim, der verantwortliche Projektassistent vor Ort, beobachtet jedenfalls eine kontinuierliche Zunahme des Kamelbestandes. Damit kann sich die Widerstandskraft der vielen Hirtenvölker im Isiolo County mit seinen riesigen, semiariden Gebieten erhöhen.

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